Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 4 (April 1908)
- Article
- An einem Erew-Pessach
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 1)
- Language
- German
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241 242 AN EINEM EREW-PESSACH. JugenderinntTiiiigen. — Von Ben-Ami. Nachdruck verboten. Es war am Riisttage des Pessachfestes, um zehn Uhr morgens. Wir hatten soeben unser frugales Frühstück beendet; es bestand aus Brot, welches wir bei einer unserer Nachbarinnen entliehen, das in einen salzigen Saft, worin Gurkenscheiben schwammen, getunkt wurde. Ich mnss gestehen, dass auch diese Tunke bei derselben Nachbarin geborgt war, die ihren Gurkenkrug bis auf den Grund geleert hatte, um nicht über die Feieitage Chomez zu bewahren. Am Erew-Pessach ohne Brot zu bleiben, das konnte auch einer wohlhabenden Familie passieren, und es war nichts Beschämendes darin, bei einer Nachbarin welches auszuleihen. Wir hatten unser Mahl im Hausflur verzehrt, wobei uns ein Brett als ein provisorischer Tisch diente, worauf man das ganze Jahr den Teig knetete. Jetzt kratzte meine kleine Schwester dieses Brett mit einem Messer ab, wobei sie alle Kräfte aufbot. Unfern bereitete die andere Schwerer einen Brei aus gelbem Ton, womit der, natürlich ungedielte, Fussboden zu Ehren des hehren Gastes überzogen werden sollte; ich und mein kleinerer Bruder weilten jetzt auf dem hinter unserem Hause sich ausdehnenden Platz, wo nun allerlei Gerät, Krüge, Tische, Sessel u. dergl. mit siedendem Wasser gekäschert wurden. Unseres Amtes war es, die soeben gekascherten Gegenstände zu überwachen, bis sie die Sonne getrocknet. Einige Schritte weiter gräbt mein Vater eine kleine Höhlung, um das Chomez darin zu verbrennen, das an einem Holzlöffel mit einem weissen Leinenfetzen umwunden, daneben liegt. Draussen weht ein starker Westwind, aber es ist gleichwohl nicht kalt. Leichte, weisse Wölkeben schweben am Himmel und verhüllen zuweilen die Sonne, sobald sie aber vorübergeflogen sind, sendet sie wieder ihre wundervollen Frühlingsstrahlen hernieder, die bis zu Herz und Seele wärmend eindringen. Besonders angenehm ist es hinter unserem Hause. Hier ist ein breiter und vor dem Winde geschützter Raum, und die Sonne wärmt hier doppelt; während es ringsum feucht und sumpfig ist, ist hier der Boden bereits ganz trocken, auch Gräser und Blümchen blühen schon. Meine kleine Kinderseele überlässt sich ganz der doppelt freudigen Stimmung, die aus der Erwartung des herrlichen Festes und des herannahenden Frühlings fliesst. Ich bin darüber so glücklich, dass ich fast ganz einer anderen Freude vergesse, die mich heute erwartet und die seit langem keinen Augenblick aus meinen Sinnen gewichen ist. Sobald sich die Mutter wegwendet, beginne ich mein liebstes Spiel, nämlich auf einer der Stangen, die die Hinterwand des Hauses stützen, von oben herab zu Tal zu fahren. Dann klettere ich auf eben dieser Stange auf den Boden, stecke den Kopf durch eines der vielen Löcher im Dach und rufe laut eines meiner Geschwister beim Namen. Der Gerufene sieht sich nach allen Seiten um, ohne zu wissen, wer ihn rult. Dann gebe ich mich zu erkennen und lasse mich ob meines Kunststückes weidlich bewundern. Yon dieser erhöhten Lage aus kann mein Auge die ganze Gegend umfassen. Dort in der Niederung dehnt sich eine weite Ebene von grünenden oder schwarzscholligen Feldern, die aer Pflug soeben durchfurcht. Weiter am Rande eines tiefen Grabens erhebt sich eine alte, geschwärzte Windmühle, die gleich einem Riesenvogel ihre Flügel schwingt. Jeden Donnerstag gehe ich dorthin mit der Mutter, um Mehl für den Sabbat zu holen. Dieser Gang gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. Unweit von der Mühle steht ein einsamer Holzpfahl, das ist der Meilenzeiger, der auf meine Phanfasie eine besondere Anziehungskraft ausübt. Ich habe die Empfindung, dass dort, jenseits des Meilenzeigers eine völlig neue Welt beginnt. Oitmals habe ich beschlossen, bis an die Gemarkung dieser unbekannten Region vorzudringen, aber es ist nie dazu gekommen. Jetzt erneuere ich diesen Beschluss, am Chol-hamoed die Reise unweigerlich auszuführen, und koste es, was es wolle. Hinter einem anmutigen Häuschen mit Garten fliesst ein Bach und ringsum erheben sich zahlreiche, ohne Ordnung hingestreute Lehmhütten mit abgeschälten Wänden und rissigen Dächern. Eine dieser Hütten, die sich an eine andere lehnt, welche aber gleichfalls dringend einer Stütze bedarf, ist jetzt Gegenstand meiner zärtlichsten Gedanken. In dieser Hütte wohnt nämlich Reb ltzig, der Schuster, ein Mann, der seit zehn Tagen all mein Sehnen und Wünschen, ob ich träume oder wach bin, an sich fesselt. Zwar ist Reb ltzig stets ein liebenswerter Mensch gewesen, aber niemals zuvor hatte ich dies so sehr empfunden als jetzt, da er für mich . . . Stiefel fertigt. Ja so, Stiefel, und zwar neue Stiefel, ganz neue, von den Schäften bis zur Sohle. Noch eine oder zwei Stunden, und Reb ltzig bringt sie mir nach Hause. Wenn ich daran denke, will ich vor Freude hüpfen. Das sind ja die ersten Stiefel in meinem Leben — ja, noch mehr, diesmal bekomme ich überhaupt neue Garderobe. Früher, wenn ich jemals ein „neues" Kleidungsstück bekam, so war es aus einem abgetragenen, von des Vaters Röcken oder Beinkleidern hergestellt. Meine Füsse bedeckten immer alte geflickte Schuhe, nur ausnahmsweise kaufte mir mein Vater einmal Sandalen, die einige Wochen anhielten, den grössten Teil des Jahres aber ging ich barfuss, neue, ganz neue Fussbekleidunsr hatte i^h niemals besessen. Nun wurde ich am 17. Ijar dreizehn Jahre alt, also Bar-Mizvvah, und diesem Umstände hatte ich es zu verdanken, dass mein Vater sich entschloss, einen tiefen Griff in die Tasche zu tun und eine solche Menge Geld auszuwerfen. Das war keine Kleinigkeit — zwei und einen halben Gulden! Einen vollen Monat schwankte mein Vater, und oftmals beriet er darüber mit meiner Mutter, meist, wenn alle Hausgenossen schliefen. Ich lau>chte immer, den Atem anhaltend, wenn eine solche Unterredung begann: „Rachel, schläfst du?" „Schlafen? Wie kann ich schlafen? Weh ist mir!" Ein schwerer, langer Seufzer entringt sich der Brust meiner Mutter und ein harter trockener Husten schüttelt den ga,nzen Körper meines Vaters. Im Schornstein heult und klagt der Wind. „Hast du das ganze Geld ausgegeben?" bebt der Vater von neuem an. „Es ist aus der Haut zu fahren, Beinisch, wenn man dich hört! Wie viel hast du mir gegeben? Dreiundvierzig Kreuzer. Und wann? Am Montag! Heute ist Donnerstag. Rechne nach: sieben Kreuzer war ich schuldig, für elf hab ich Stroh zum Heizen gekauft, für zwei Bohnen, für drei Hirse ..." „Ich weiss, ich weiss," unterbricht sie der Vater, „du hast es nicht für Nasch waren ausgegeben. Sprechen wir von etwas anderem. Die Feiertage kommen, und man muss darüber beraten und nachdenken." „Ach, ich werde nicht müde, daran zu denken. Woher sollen wir auf die Feiertage nehmen? Weh ist mir!"