Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 4 (April 1908)
- Article
- Die Jargonliteratur
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 235 - 236 (sequence 5)
- Language
- German
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235 hr. J. Kliaschoff: Die Jargonlite-ratur. 236 der „Jüdischkeit" oder wie er es selbst sagt, „das Pintele Jüd" in künstlerischen Formen zu bannen. Gerade das Pintele, das, was den Juden von einem jeden andern Volkstume unterscheidet, hat er überall gesucht und überall gefunden. Abramowicz verbirgt sich in seinen Erzählungen hinter dem Pseudonym: Reb Mendele Mocher Sforim (-R. Mendele Colporteur), der einen kleinen Bauern wagen und ein erbärmlich aussehendes Pferdlein besitzt, das er mit dem Zuruf: „rühr dich Löwe!" antreibt. Auf dem Wege zwischen Kabzansk und Thunejadewke spinnt er seine wunderlichen Geschichten. Es gehört aber viel Hingabe und ernstes Nachdenken dazu, will man richtig den Sinn dieser absonderlichen Geschichten erfassen. Gott kennt die Seele seiner lieben Tiere; und auch Abramowicz oder Mendele hat an sein Pferdchen nicht vergessen. Reb Mendeles Pferdlein, kein schmeichelhaftes Symbol des armen Ghettojuden wurde von Abramowicz in seinem Werke „Die Kliatsche" verherrlicht. Die Propheten verglichen das politisch unfreie Judentum mit dem Pferde vor dem Wagen Pharaos. Abramowicz bedient sich desselben Vergleiches, doch empfängt der Ghettojude nicht die schöne Gestalt eines stolzen, arabischen Hengstes, sondern das klägliche Aussehen eines verhungerten Tieres im Joche eines jüdischen Baal-Agulo, dessen Magen, infolge häufigen Hungers gleichfalls schon längst auf eine Kindesfaust zusammengeschrumpft ist. Abramowicz ist jetzt in den 70ern. Er lebt in Odessa. Seine bedeutendsten Werke sind: Benjamin der III., die Kljatsche, Fischke der Krummer, Winschfingel. Vm minderer Bedeutung sind „das kleine Menschele, die Taxe, der Prisif, das Jüdele, Smires, Pirkeh Schirah". Der enge Raum einer Skizze gestattet nicht, auf jede dieser einzelnen Schöpfungen näher einzugehen. Neben Abramowicz gehört Leon Perez zu den bekanntesten und geschätztesten Novellisten der modernen Jargonliteratur. J. S. Perez ist jetzt 58 Jahre alt. Vor einigen Jahren erschien eine Jubiläumsausgabe seiner sämtlichen Werke, die auch bnld vergriffen war. Perez ist nicht nur Novellist wie Tschechow oder Maupassant, er ist auch Kritiker, Publicist und Journalist. Er hat sich in allen möglichen literarischen Formen gegeben, und seine Gedichte gehören nicht zu den schlechtesten dieser Art. Er hat sich auch in Dramen versucht, und als Herausgeber verschiedener Sammelbücher fürs Volk strebte er, manchen soliden Forderungen der modernen Zeit gerecht zu werden. Am bezeichnendsten aber tritt sein manigfaltiges Dichtertalent in seinen Novellen hervor. Er war der erste, der uns den Ghettojuden in den Kellerbuden der Grossstädte zeigte. Als junger Spross der Haskalahzeit hat er die geistvollsten Tendenzmärchen und Satyren wider die Gemüts- und Geistesenge der starren Orthodoxie geschrieben. Als späterer Vertreter der Maskilimgeneration ist das Masslose in seinen Ausdrücken bezeichnend, das Schrankenlose in seinen Verurteilungen, die Rücksichtslosigkeit, mit der er sich in seinen beissend satyrischen Schriften gibt. Sein kleines Werk „die Streimel", ein vernichtender Ausfall eines monologisierenden Schneiderleins wider das selbstgefällige Rabbinertum gehört noch heute zu den unübertroffenen Satyren des jüdischen Schrifttums. In neuer Beleuchtung erscheint in Perezs Novellen der Talmudjünger. In der Blütezeit der Haskalahepoche war der Talmudjünger der providentielle Träger der herannahenden Aufklärung. Perez aber, dem späteren Spross eines flachen Maskilimgeschlechts, erscheint der Talmudjünger als einer der Allzuvielen, als ein sonderbares Gewächs des jüdischen Gliettolebens, als etwas, das dem jüdischen Boden parasitär anhaftet. Das sind meistens bei ihm degenerierte Menschen mit einem eigenartig rumorenden Gehirn und krankhaftausgebildeten Sinnen. Die künstlich eingedämmte Lebens¬ und Liebeslust, welche für das Ghettomilieu so typisch ist, nimmt in den Schöpfungen Perez einen bedeutenden Platz ein. MehrereNovellen wie zwei grosse Gedichte beleuchten uns eine Fülle von tragischen Konflikten, in denen Jugend und gesunde Instinkte von einer patriarchalisch schweren Zeit zu Boden gedrückt werden. In anderen Novellen zeigt er uns die Menschen, die schon aufgehört haben, menschlich zu fühlen und als blutlose Gestalten trübe Schatten auf das Ghettogewimmel werfen. Perez gehört auch zu denen, die zuerst der jüdischen Frau grosse Verehrung und zartes Verständnis entgegenbrachten. Das jüdische Weib erscheint in seinen Novellen als der edlere Typus des jüdischen Wesens, das mit den Reizen ihres Geschlechtes ausgestattet, auch die Tatkraft des Mannes besitzt. Die schöne Jargonliteratur sollte überhaupt als die Ehrenrettung des jüdischen Weibes betrachtet werden. Schon dadurch, dass der Jargon zum Unterschiede vom Hebräischen gleichzeitig zu Juden beider Geschlechter spricht, beweist er das Bestreben, auch dem Weibe gerecht zu werden. Historisch entstand vielleicht die Jargon-Literatur aus dem Wunsche, dem Weibe irgend welche geistige Nahrung zu geben, dem Weibe, das auch unter der Kruste der asketischen Lebensart nicht aufgehört hat, dem Manne die schöne, liebe, treue Gefährtin zu sein. So entstand zuerst die Erbauungsliteratur, für die damalige frommreligiöse Zeit ein beredtes Zeichen ritterlicher Zärtlichkeit. Die Liebe und Achtung zum jüdischen Weibe gehört zu den schönsten Traditionen der Jargon-Literatur. L. Perez ist diesen Gepflogenheiten in höherem Grade als Abramowicz gerecht geworden. Eine Reihe Perezscher Erzählungen legen davon Zeugnis ab. Perez ist auch der Verkünder des Chassidismus und seiner Poesie geworden. Als Erster machte er uns auf die adelnde Kraft des Frühchassidismus aufmerksam, die diese auf die jüdische Volksseele ausübte. Und keiner verstand es so wie er diesen Frühchassidismus, rein von allen Uebertreibungen und Narreteien, ganz erfüllt vom Streben nach individueller Vollkommenheit, so plastisch, so kerngesund darzustellen. Sein Novellenband unter dem Namen: „Chssides" enthält solche Perlen wie „Zwischen zwei Berg" „Gilgul vun a Nigun". Niemand auch von den modernen Jargonschriftstellern hatte eine solche einschneidende Wirkung auf den Kunstgeschmack des „jüdisch" lesenden Publikum ausgeübt wie es Perez, der auf jedem literarischen Gebiete arbeitet, durch seine unzähligen, leicht hingeworfenen kleinen Novellen gelungen ist. Sein 25 jähriges Jubiläum, das am 7. Mai 1901 in Warschau gefeiert wurde, hatte gezeigt, wie tief heute schon ein Jargondichter im Herzen seines Volkes Wurzel fassen kann. * * * Neben Abramowicz und Perez sehen wir in der modernen Jargon-Literatur eine dritte literarische Persönlichkeit hoch über seine Kollegen der allgemeinen jüdischen Literatur