Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 4 (April 1908)
- Article
- Die Jargonliteratur
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 233 - 234 (sequence 4)
- Language
- German
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233 I>r. J. Eliaschoff: hie Jargon!iteratur 234 machte ihn zu einem der schärfsten Ausdrucksmittel des jüdischen Volkswesens; wie es sich seit Jahrhunderten im Ghetto gebildet hatte. Obwohl Abromowicz dort, wo er sich bewnsst der Masse nähert oder über deren Schicksal sich Reflexionen hingibt, ganz im Geiste der Aufklärungszeit auftritt, so kommt er uns doch in seinem künstlerischen Schaffen als ein ganz anderer vor. Er sagt einmal von sich: „In dem Menschens Nschomo spiegeln sich ob a ganze Welt. Dei Jam Gefühlen in Harzen nehmt sich wun tausender Qualen ine wenigste in ihm und aussen wenigste chuz ihm." Die innersten Quellen Abramowiczer Dichtung entspringen einem eigenartigen Gemisch von Gefühlstönen, die ganz auf die jüdische Ghettoseele gestimmt waren. Er fühlt sich in Beziehung zum Volke: „Wie ein Fedemel stark eingewebt in der groisser Stück Materie, wos geht vun ewige Zeiten in der Welt unter den Namen Jud." Mit seinem Volke hatte er alle Lebensnot und Seelenpein ausgekostet. Und nur derjenige, meint Abramowicz an einer anderen Stelle, kann der Gestalter seines Volkes sein, der allzeit in Leiden und und in Freuden mit ihm beisammen war. Abramowicz hatte es mit seiner Kunst höchst ernst genommen. Nur seinen Werken haben wir es zu danken, dass wir die gegenwärtigen Äusserungen und Blüten der jüdischen Volksseele bis auf die Wurzeln unseres ehemaligen Ghettolebens zurückverfolgen können. Und träfe uns das Unglück, seiner zwei bedeutenden Werke: ,.Fischkeder Krumer" und „Winschfingerl" verlustig zu werden, so kämen wir in die traurige Lage des armen, verirrten Knaben, der sich der Namen seiner Eltern nicht mehr entsinnen konnte. Denn in diesen zwei klassischen Werken der Jargonliteratur, in denen uns Abramowicz mit Meisterhand ein Bild, der materiellen und geistigen Welt des Ghettojuden entwarf, wie er noch in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts lebte, erschauen und erfassen wir den Boden, aus dem wir jüngeren entwachsen aber auch entstanden sind. Die Welt, die in Abramowiczs Dichtungen zur Spiegelung gelangt, ist festumgrenzt, fühlt sich selbstherrlich jeder anderen gegenüber, strebt in ihrem Wollen und Fühlen nie über die eigenen engen Volkstumsideale hinaus. Diese entspringen dem Boden einer orientalischen Kultur, deren Träger aus den patriarchalischen Lebensformen nie herausgekommen sind. Eigenartig ist die ökonomische Not dieses Volkstums, noch eigenartiger seine asketische Lebensweise mit den Hauptmerkmalen: Asket smus als Lebensanschauung, Lebensenge, infolge metaphysischer Illusionen, Herdendasein als Produkt einer eigenartigen bis ins Einzelne durchgearbeiteten patriarchalischen Kultur u. s. w u. s. w. Und tieftraurig ist das Bild, das uns Abramowicz von der Seele des Ghettojuden entwirft, der zum Lebensverächter geworden ist, weil er es nie genossen. Abramowicz hat einen genialen Sinn für das Spezifische des Ghettojudentums. Immer und immer wieder bemühte er sich, das Constituens, die wichtigsten Merkmale