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Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 231 - 232

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
Die Jargonliteratur
Date
1908-04-01
Page
Seite 231 - 232 (sequence 3)
Language
German
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231 Dr. .1. Eliuschoff: Die Jargonliteratiir. 232 schaft der jüdischen Gemeindevorsteher, unschöne Sitten und Gebräuche finden in ihm den geisselnden Satyriker. Zur Zeit A. M. Dicks wirkte auch der bekannte Ettinger. seines Berufes Arzt, dessen Komödie: „Serkele" noch heute ihre Reize nicht verloren hat. Ettinger hat auch Fabeln geschrieben. Auch seine literarische Tätigkeit wurzelt in der Haskahlazeit. Viel bedeutender als Dramatiker ist Axenfeld, dessen „Kabzen-Oscher-Spiel" und „das Sterntüchel" zu den meist gelesenen und die tiefsten Wirkungen erzielenden Büchlein in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderls gehörten. Geistig steht er in seinen Tendenzen nicht höher als die Obengenannten. Er hatte aber den Vorzug, dass er einen feinen Spürsinn für das Literarische im Jargon besass, er war ein Meister der Wortprägung. Manche Redensarten und Wortspiele, die schon zu Volksausdrücken geworden sind, entstammen seiner Feder. Diesen drei schiiesst sich eine Reihe anderer an. Eine Fülle von Novellen und Erzählungen wendet sich gegen den Aberglauben der gefoppten Zadikim- und Rabbinerverehrer. Die letzteren werden als Charlatane und Gauner blossgestellt, die Wundertaten der Baale-Schem als Taschenspielerkünste verlacht, die Aussprüche bekannter Zaddikim, Vertreter verschiedener chassidischen Sekten travestiert und verspottet. Die Erzählung „Simcha Plachte" die Persiflage der Wundertaten eines Wasserträgers, der sich allmählich bis zu dem Range eines Wundertäters emporgearbeitet hat, fand im Volke die weiteste Verbreitung. Dieser neuen Richtung in der Volksliteratur schlössen sich auch die besten Geister des hebräischen Schrifttums an. Der Dichter J. L. Gordon hinterliess uns die Jargongedichte „Sichas chulin" und eine Menge Spott- und Schimpfgedichte wider den Chassidismus, wider den Fanatismus der UMRILLO. ESAU VERK Orthodoxie, die jetzt beim Volke im Umlauf sind, haben wir den anonymen Federn bedeutender hebräischer Schriftsteller zu verdanken. Jedoch alle die Genannten wie Ungenannten waren als Jargonschriftsteller schöpferisch arm, von abgeblasster Originalität, bessere Schüler, einfache Verdolmetscher der Gedankenkomplexe der Haskalahzeit, deren origineller Ausdruck ausschliesslich in der hebräischen Literatur zu suchen ist. Aehnlich der frommen Zeit, deren Volksliteratur ein matter Abglanz der hebräischen war, erging es auch der Jargon-Literatur der Haskalahepoche. Das Beste, was diese Zeit dem Judentum gegeben hat, war noch nicht in der Volksprache zu suchen. Die Volksliteratur nagte an den Ideen herum, die schon in kraftvollerer Weise in der hebräischen zum Ausdruck kamen. Und wieder war die Volksliteratur eine Afterliteratur, etwas, was für den gemeinen Mann aus dem Volke noch gut genug war. Und dieser Zustand dauerte so lange, bis uns in Sch. J. Abramowitz der erste schöpferische Volksdichter geschenkt wurde, einer, der die besten hebräischen Talente der Haskalah-Epoche um Haupteslänge überragte. # * Der Beginn der modernen Jargon-Literatur fällt mit den Schöpfungen von S. J. Abramowitz zusammen. Nicht nur deswegen, weil er das kraftvollste Talent der Haskalahperiode gewesen, sondern weil es ihm zu verdanken ist, dass sich das Verhältnis zwischen Jargon-Literatur und Leser völlig änderte. Nicht die Spiegelung der Strömungen, die ausserhalb der grossen Volksmassen ihren Ursprung und ihre Berechtigung herleiten, sollte sich der Jargondichter zur Aufgabe stellen, sondern der dichterischen Gestaltung des Volkes als eines für sich bestehenden Ganzen galt sein Bestreben. Und wenn auch Abramowitz aus den Tendenzen der Aufklärungsperiode zu verstehen ist, so hat doch sein freies künstlerisches Auge zuerst das Leben und Weben des Volkes in seiner Unmittelbarkeit geschaut. Vor Abramowitz haben wir nur flüchtige Milieu- und Seelenschilderungen der jüdischen Volksmassen zu verzeichnen. Der Schriftsteller pflegt sich nur äusserlich den Lebensanschauungen und dem Sprachgefühl anzupassen. Er kam stets mit einer bestimmten Forderung, die in einer höheren jüdischen Schicht aufgestellt wurde und spielte nur für eine Weile den Vermittler. Anders aber stellt sich Abramowitz seinem Leserkreise gegenüber. Er studierte die Sprache mit der Gründlichkeit und dem Spürsinn einer wahren Dichternatur, für die die Sprache des Volkes auch die Seele des Volkes bedeutet. Er glättete und \UFT DIE ERSTGEBURT. verfeinerte den Jargon und

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