Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 4 (April 1908)
- Article
- Die Jargonliteratur
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 229 - 230 (sequence 2)
- Language
- German
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229 Dr. J, Eliaschoff: Die Jargonliteratur. 230 von Lebensbeschreibungen manches Grossen in Israel. Wir werden in das Schicksal und Martyrium mancher Wundertäter eingeweiht. Wir schauen dem wunderlichen Treiben verschiedener Biisser nnd Asketen zu, die sich allen möglichen Kasteiungen unterwerfen infolge einer zufällig verübten Sünde. Die Lebensschicksale »der drei Brüder", die ihrem sterbenden Vater heilig versprachen, jederseils eine gewisse Mizwah (rituelle Satzung) besonders hoch zu halten, zeigt, wie schwer es einem gottesfürchtigen Juden fällt, sich von einer Aweroh fernzuhalten, wenn man auch die 613 Satzungen auf eine beschränkte. Rechnet man noch zu der bezeichneten Literatur die Reisebeschreibung des Benjamin aus Toledo (XII Jh.), die Werke des Josephus Flavius (beide in verhunzter Uebersetzung natürlich), die Abenteuer eines „Centurio- Venturio" hinzu, so hat man ungefähr die Quellen, aus denen das jüdische Weib und die Leute aus dem Volke ihr geographisches und historisches Wissen schöpften. Der Chassidismus, eine dtr bedeutendsten geistigen Strömungen im Judentum, welche sich im letzten Drittel des XVIII. Jahrhunderts, offenbarte, zeitigte auch seinerseits eine eigene Volksliteratur. Zählt man noch die jüdischen Volkslieder hinzu, die zuweilen bei verschiedenen traurigen und heiteren Gelegenheiten vom Volke gesungen werden (von S. M. Ginzburg und Marek gesammelt und herausgegeben), so erhält man ungefähr eine Vorstellung von dem geistigen Inhalt der Volksliteratur in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts. Das war eine Literatur, die ganz im Banne einer fromm naiven Stimmung lag, die nur ausnahmsweise asketischen Neigungen huldigte, eine Literatur, die sich im Allgemeinen dem schlichten, naiven, gottesfürchtigen Geiste des Volkes anpasste. Denn auch die abenteuerlichen Geschichten eines Centurio Venturio und die wunderlichen Reisebe^chreibungen eines Benjamin aus Toledo waren von einem kindlich-naiven Glauben an die göttliche Vorsehung tief durchdrungen, und alle die Gotteswunder, von denen in den Büchern die Rede war, wurden nicht mit den Augen des Forschers oder Grüblers geschaut, sondern mit dem erstaunt-naiven Blick eines treuen Dieners, dem die Schätze seines Herrn gezeigt werden. Sollte einmal ein rückwärtsblickender falscher Romantismus die jüdische Seele erfassen, ein Drang nach Volksnaivität, nach der Arglosigkeit einer kindisch bornierten, gläubigen Seele: ich zweifle nicht daran, dass die Träger dieser Stimmungen sich mit Wonne auf die eben kurz skizzierte Literatur werfen werden. * 4c * Seit der Mitte des XIX. Jahrhunderts bricht sich eine neue Richtung in der Jargon-Literatur Bahn, eine Richtung, welche alle Merkmale der „Habkalahzeit" (Epoche der jüdischen Aufklärung und Emanzipation) aufweist. Die ersten Keime dieser neuen Richtung sind viel früher zu suchen. Im Jahre 1829 wurde in Warschau das erste jüdische Volksblatt gegründet Und Izchak Ben Lewensohn, der russische Mendelssohn, wenn auch in Miniaturformat, J. VERNET. REBEKKA AM BKKNXEX. hatte sich nicht gescheut, ein Jargon-Werk: „Die Hefkar- Welt" zu schreiben. Gottlober, Zweifel und andere bekannte Maskiiim (Aufklärer) und hebräische Stilisten lieferten mehrere Arbeiten im Jargon. Jedoch erst mit Aisik Meer Dick, der für die neuere Jargon-Literatur vielleicht ähnliche Bedeutung gewinnt wie ein Kaiman Schulmann für die hebräische, erhält die neue Richtung ihren eifrigsten Vertreter und Verkünder. Die Hinterlassenschaft eines Dick könnte sich mit der eines Dumas messen. Er übenrbeitete eine Unzahl deutscher und französischer belletristischer Werke für das jüdische Volk. Seine Absicht war, wie die seiner Kampfgenossen in der hebräischen Literatur, durch populäre Vorspiegelung neuer Lebensarten und Lebensformen, durch amüsante Uebermittlung historischer und ethnographischer Tatsachen den engen Horizont des jüdischen Volkes zu erweitern, es allmählich aus seiner Isoliertheit zu retten und für modernere Anschauungen zu gewinnen. Aeusserlich betrachtet sieht es aus, als wollte er am Alten nu hts rühren, dennoch wirken seine Bücher so dass schliesslich dem moralischen Empfinden immer mehr zugetraut wird als der angewöhnten mechanischen Frömmigkeit. A. M. Dick hat auch selbständige Novellen und Erzählungen geschrieben, und manche von diesen sind noch heute für die Leser anziehend. In seinen eigenen Werken erhält das Satyrische vor dem Didaktischen den Vorrang. Protzentum, geheuchelte Frömmigkeit, die Tyrannenherr-