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Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 217 - 218

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
Volksweisheit
Date
1908-04-01
Page
Seite 217 - 218 (sequence 3)
Language
German
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217 Dr. A. Ooraluik: Volksweisbeit. 218 Gebet)- „Gott,was tyaben bir die Juden getan?" Der Ingrimm einer gansen geschichtlich verfehlten €xisten3 liegt in diesen Worten. „€in Goj (Did)tjude) ist als Rind klein - als erwachsener gross der Jude umgekehrt." In diesen bitteren Worten ist eine Sittengeschichte enthalten. Der Jude im Preise seiner §amile, als Rind, in dem warmen, liebevollen €lternhause - ein jüdisches Rind! Gibt es ein wahnsinnig särtlicheres Wesen als eine jüdische ODutter? €in jüdisches Weib hört auf selbst su sein, sobald es (Dutter wird, es geht im Rinde auf. traurige Gattungserfahrung, Die (Dutter weiss, welch' schweres Ceben ihres Rindes harrt, wenn es erst gross geworden ist. Und sie will ihm die Rindheit versüssen. €in Sprichwort, sabig wie 'Cremen . . . „Der Jude ist das kleinste Geschöpf — und jeder stösst sich an ihm." ^Jüdischer Reichtum ist wie Schnee im (Därs" (d. hschmtbt über Dacht). „Rriegt der Jude ein Ge\d)wür, ha* er keine 3wiebel (angeblich ein (Dittel dagegen) — kriegt er die 3wiebel Y)ai er sdjon kein Gefchwür." In sinnlich symbolischer Verkleidung die grosse Wahrheit des €wig= Un3eitgemässen des jüdischen Daseins, die Zm? gödie des 3uspät oder 3ufrül> Der Jude lad)t über sid) und seine Allgegenwart. „Brich eine Semmel auf — wirst dort sicherlich einen Juden finden". Cs wird ihm oft eng in seinem Rreise, er sehnt sid) hinaus ~ möchte doch surück. Und traurig^lächelnd sagt das Sprichwort: „Unter Hichtjuden ist gut 3U leben, aber sterben will ich unter Juden" ... Cr kennt auch den Ausweg, er weiss, dass man das Judentum loswerden kann, wenn man will, und lad)t darüber. „Gin Jude hat's besser als ein Getaufter - ein Jude kann sich noch taufen, ein Getaufter nicht" . . . Und seinen Selbstwert, das eigenste an ihm erkennend, sagt er mit einem gewissen Stöbe: „Was immer ein Jude sein mag ein Darr ist er nicht". Ironisch sid) und seiner Ration gegenüber, man könnte fast sagen bis 5m* pietätlosigkeit Ja, ja - er hält mit seiner Ironie auch Gott und der Welt gegenüber nid)t surück. €r - der Rritiker von Datur - übt auch am Ceben im allgemeinen sd)arf=spit3ige Rritik. „Gott, eine Welt hast du geschaffen, ich soll so ein Jahr haben, leiten tust ,du sie so ein Jal)r sollen meine Seinde haben" . . . „Würde Gott auf der 6rde wohnen, alle Scheiben hätte man ihm eingeschlagen" . . . „Gott ist ein guter 3ah)ler, aber ein Versd}lepper". „Gott wird helfen wenn nur Gott helfen wollte, bis Gott helfen wird" . . . Und gar der prachtvolle, joviale WU5: „Gott, ich bitte did) nur um Brot 3U essen und ein Rleid 3um ansiehen - (Bibebitat) -, Branntwein besorge ich mir schon selbst".. . Und weiter: „Der im F5immel haust lacht - (Bibelwort) - er hat's leicht 311 lachen!" (Dan merke, wie vertraulid) der Jude mit seiner Bibel umgeht. Sie lebt in seinem (Dunde, er macht ihre Worte 3u Schleuderraketen und die alten hebräischen Worte bekommen einen gans neuen Sinn, eine so neue Wendung. Das Pathetisd)e wird 3um Ironischen. Schaut euch einmal einen Juden an, wenn er sagt: „Der he^Qe Prophet sagt" oder „im heiligen Talmud stehts geschrieben" - er fügt nichts tyn3U, aber im Zone, in der (Diene liegt ein nicht wiedersugebender F5umor. „Cr lügt, wie der (Didrasd)", „Im Talmud findet man alles, sogar eine vertrocknete Wanse". — Rlbu pietätvoll ist es nicht. Wer sid) und die Welt so ironisch nimmt, verschont auch den lieben Höchsten nicht. Und hier kommt der ganse demokratische, innerlich) fessellose Sinn des Juden 3um Durchbruch. Welch' bittere Rritik der S03ialen Ungleichheit ist in den jüdischen Sprichwörtern enthalten! Dicht polternd, nicht eifernd, aud) nicht protestierend. Das Volk konstatiert nur — aber wie! Gine Wendung - und die Srage ist in ihrer gansen Grösse aufgerollt. „pinchas Sohn Cleasars Sohn des ßohepriester flron - (will sagen der höchste Geistesadel) und wenn kein Geld da ist, so ist er dod) ein „Parch" (eigentlich ein favus — übertragen, ein verächtliches Individuum). Oder „isst ein Armer ein F5ut)n, so ist er krank oder das fouhn ist's". In einem Sat3 ist ein ganse „Standard^ of=Cife"=Gesd)ichte ersähet. €in Volk, das an Armut gewöhnt ist, nimmt sie nicht tragisch. Sie gehört 3ur Datur der Dinge, sie ist sogar lustig. Sogar das Wort „Rab3en", das einen Armen beseidjnet, hat schon den Beigeschmack des Jovialen, Cumpetv fröhlichen. „Grosser Reichtum — grosses Schwein, tiefe Rrmut lustig^toll". Cebenslustig trot3 alledem. Ceben! Die hört man einen Desperadoton aus jüdischem (Dunde. Und klagt er über das bittere Ceben, sagt er gleid) dabei: „Bitter ist für einen Firmen das Ceben, noch bitterer der Tod". Und neidet er dem Reichen, so tröstet er sid): „Das Geld ist rund aber ein FSund bleibt ein ßund". €ine mv ekklesiastisd)e, optimistische Stimmung. „Alles ist eitel — aber ,eiteln' muss man dod}". Das jüdische Diasporaleben hat in diesem treffenden Spruche die ganse pessimistische Philosophie über den Raufen geworfen. Jedes Volk hat eine feine Hase für Wirklichkeiten. Besonders die jüdische Hase! Die ist ja nicht umsonst so berühmt. (Dan müsste alle 3993 Sprüchwörter auf3äl)len und viele ungesählte andere, um sich ein Bild 3U machen, was das Volk denkt, wie es denkt, wie es auf die Aussenwelt reagiert. Interressant sind einige Sprichwörter, die historische Uebergangs= Stadien oder Reminbenssen fixieren. Stellt euch einen «Aufklärer" vor etwa 50 Jahren in einer kleinen Judenstadt vor. €in naiv=rührender ÜYpus. Ciner, der aus „Ueberseugung" am Jonv kippurabend einen Aufsats über tulmud schreibt (wie man in Brody vom alten Schorr, dem ersten Vorkämpfer der „Aufklärung" in Galisien er3ät)lt). Rann es eine trefflichere Charakterisierung dieses naiven Aufklärers geben, als diese sprid)wörtlid>ere: „Cin Sreigeist in einem kleinen Städtchen isst Gries mit talg" . . . erbrechen aus Ueber^ 5eugung wenn es gilt, dem Ritus ein Srf)nippchen 311 schlagen. So verlangte es einmal die

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