Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 219 - 220

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
Volksweisheit
Date
1908-04-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
84% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583972-2598019--08183-2598076
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

219 IV. A. Coralnik: Ynlksweisheit. 220 „ftufklärung", als man noch um derlei Dinge kämpfte . . . €ine ganse Reihe von Sprichwörtern sind historische Belege für vergangene 3eiten. Der Deutsche sagt: „arm wie eine Kirchenmaus", — der ]ude sagt: „arm wie ein Kurfürst" ... Ich stelle mir den lächelnden jüdischen Bankier des XVII. Jahrhunderts vor, der seinem Kurfürsten das nötige Kleingeld vorstrechte — einen €lias Cleve oder Oppenheim — und seine höhnische Bemerkung über den Candesvater machte. Das war seine Rache. „€s hat gedauert, wie Rabbi Schoul Wat)ls Königtum". — Wir sehen vor uns das alte S3lad)ta= Polen, die grimmen Schiachsisen, die sich auf ihrem Candtage herumschlugen und über die Wahl eines Königs berieten, aber su keinem Gnde kommen konnten, weil jedesmal ein neuer „Pan Wojewoda" mit einem immensen Schnausbart ein donnerndes — oder auch lallendes — Veto hiueinrief und alle Beschlüsse annulierte, bis die h^he Versammlung die Königswahl dem Geschick über= Hess und beschloss, der erste, der an diesem (Dörgen in die Stadt kommen werde, soll König sein. Und das Geschick wollte es, dass Rabbi Schoul (Saul) Wahl dieser Crste war. Und der ]ude war einen Zag lang König auf dem ürone ]agiellös und Ka5imier3s. So ersäht die Sage. Das Volk hat *>ie Cpisodc behalten. Cin Volk vergisst überhaupt nichts. Irgendwo lebt die 6rinnerung an die Dinge, die gewesen, taucht unvermutet auf, wie aus dem Grabe erstanden. Israel lagerte, von Reiften (Dülken Der Wanderschaft erfd)öpft, im Wüftenfand. 5tarr ftand des ßimmels grelle flammenwand; Kein Baum gab Schatten, und kein Strauch sein Blühen. Die Sd)läucbe waren leer, und Waffer ferne, Kein Bachgeriefel, keines Sluffes Wellen, Kein Brunnen, keine ärmliche oijterne. Das Blut nur fang wie (Durmein naher Quellen. Kaum, dafc die trockne Keh)le noch das (Dahl föinunterwürgt, das harte, balbverk°rrte. Und f lücbe werden laut und bittre Worte, Denn durch das Cager fd)leicbt des Durftes Qual. Und Träume kamen, grauenhafte, wilde, Von Strömen Blutes, die fie gierig tranken. Und Träume kamen, wundervolle, milde, Von blauen Bächen unter Blütenranken. Und wenn fie, aufgefchreckt aus folgern Traum, (Dit irren ßänden nach den Bechern faxten, Und wenn des (Dundes ausgedörrter Saum Sich gierig trennte, um das frifebe Hafo föinein5ufaugen, o der jähe Schmer^, Wenn glühender nur noch des Bechers €1*5. - Und langfam aus dem Durfte wuchs der ßafo Und (Dofe war es, den fie alfo hofeten. €r aber, dem die dunkle Blüte trieb, 5ob feine ßändc über aller Ceben: (Dan muss nur die Spuren suchen können... Die Spuren, auf denen oft noch vertrocknetes ßeoblut sichtbar ist. * * * eine Sprichwörter Sammlung ist kein Buch 3um Cesen, wahrlich. Aber 3um nachdenken, 3um Grübeln. Wie viel Altbewährtes treffen wir dort wieder, alte, liebe freunde, — und wie viel neues. Volksweisheit in einem Buch kondensiert! Kann man es? Solange ein Volk lebt — wandelt sich seine Weisheit — und lebt es nicht mehr — dann folgt auch sie ihm ins Grab. Und gerade jüdische Volksweisheit! Die ist so individuell, so impressionistisch, so unfheierbar. Und dennoch — aus der grossen (Dasse der einseinen Worte und Sprüche und Gedankensplitter scheidet sich langsam eines aus, wird gleichsam anschaulich — die form des jüdischen Denkens. Wir kennen sie ja — unser Denken ist ja selbst in diese form gebannt, ftber gerade deshalb ist es uns so schwer, die objektive form 3U erfassen. Wosu? Das ist eine andere frage. Vielleicht ist es eine Privatpassion, vielleicht — und das ist meine (Deinung — eine Kulturnotwendigkeit für uns. — Sprichwörter, unpersönliches Denken, l^istorisd^, ethnisch gewordene Weisheit - - das ist objektivierte form. Und deshalb habe ich irii<±> so riesig gefreut, als ich Gelegenheit hatte, meine 3993 Juden aus aller ßerren Cändern, aus den verschiedensten 3eitlauften 311 sehen und ihre Sprüchlein 311 hören ... Dr. FL Coralnik. Nachdruck verboten. Jebovab, wenn Dir diejes Volk noch lieb, Und Du nicht willft, dafc halben Wegs verfiegen, Die roten Ströme feiner Cebenskraft, So löfe Quellen aus der €rde ßaft, Dafc fie den Dürfenden 3U trinken geben! Denn fiebe, ihre Seelen unterliegen." - Und in dem Raujcben, das von Ojten wehte, Vernahm er feines ßerren (Dachtgebot, Des föerrn, den Israel in feiner Hot ]ndeffen laut und ungebändigt fd)mäbtf. Die (Denge teilend, die wie ftarre Wogen Sid) um den felfen fchlang, der einfam lag, Schritt (Dofe, und es traf ein harter 5d)lag Von feinem Stabe gen den kargen Stein. Da, wie von feiner F5and berabge3ogen, Wand fich 3U Za\ ein filberweifces Band Cebenöigen Waffers. - Schweigend lag das Cand. Dann füllle diefe Stille lautes Schrein. Und Israel fiel nieder, und der Dank Bus taufend Kehlen fd)luch3te durch den Raum. Und Israel fiel nieder und es trank. Der führer aber ftand, und wie im Traum Sah er verirrtes Volk fich an der Schwelle Des neuen Candes finden, neu geeint 3u einer Kette, die unlösbar fd)eint. - Da ging auch er und beugte fich 5ur Quelle. Rajt in der Wüfte. Von }esefa (Det,.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.