Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 215 - 216

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
Volksweisheit
Date
1908-04-01
Page
Seite 215 - 216 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583972-2598019--08181-2598074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

IM5 Dr. A. ( orafnik: Volkswcisheit. 216 Oder als unsympathischen Dulder ol)nc Dornen* kröne. Ober schliesslich in der sentimentalen, reflektierenden Beleuchtung 5er jüdischen Künstler. Glaubt seine Wünsche 5U kennen, wenn sie eine hohle Agitationsrede hört, seine Psyche 3U verstehen, wenn sie bie gebrochene, verkünstelte, süsslid)=sd}aletpatl)etisd}e Deklamation ber Jungen bort. Per Dio ba täuscht il)r euch gewaltig. Geht an bas Ceben heran, das ohne Pose, ohne Absicht „individuell" 5U sein wirklich und persönlich ist bort in ber „Glaser=Gasse" in Wilna, in Berdycsew, in Rowno, in olocsow unb in (Dar-- maros=55igeth, hört eud) bie naiven, monotonen Volkslieber an, bas verträumte Summen ber immer seltener werbenben Talmudjüngei*. Dort wohnt nicht bloss „Volk", nicht bloss „(Dasse", bort - sit5t seit Jahrhunderten 3usammengekauert der jüdische Intellekt - und brütet, und versehrt sie!) in unfruchtbarer Arbeit und vertrocknet. So lange er dort s^t, im Halbdunkel, im Clair= Obscur, ist er so biegsam und scharf, wie eine feine alte Glinge. Und verrostet, wenn er an die Cuft kommt, ßabt il)r es nicht bemerkt? Seht ihr nicht das Verkümmern des jüdischen Intellekts? Ihr glaubts nicht vergleicht den Juden der vorigen Generation und den von heute. Wir sind wie reiche Bauern, die alt:, vielleicht schon entwertete Staatsobligationen in ihrem Schranke wahren - und deshalb als reich gelten — und ist Gelten nicht Sein? Die Währung \)at sich geändert möglich, dass wir uns noch nicht in die neue Cage hineingefunden haben * * Cafontaine sagte einmal von seinen Säbeln, jede von ihnen sei „une ample comedie a cent actes divers, et dont la scene est runivers". Das Sprichwort ist mit noch grösserem Rechte eine „hundertaktige Komödie" 5U nennen. Cine Romödie, die nicht immer lustig ist, die oft so wel)= mütig ausklingt, so bitter und resigniert. Und der Hintergrund ist wol)l nicht das Weltall es ist ein kleiner Cebensausschnitt, von Person 3ii Person sich ändernd, von Volk 511 Volk. €in Rluger ha* es *n Giner passenden Stunde geprägt es war sein eigen. 6s war der Schrei eines gepressten Helens, ein wehmutsvolles Cächeln über sein eigenes £eid. Und andere, die es hörten, empfanden es nach, machten es 311m Worte ihres eigenen Wehs und ihrer eigenen Cust, legten neue Stimmungen hinein, feilten manche Spit3e ab, spitzten manche Breite 3u. Da* Wort des €inen wurde von den Vielen übernommen, in die Welt getragen, bis es den Stempel der ursprünglichen Persönlichkeit verlor, Gemeingut, Volkserbe, Sprieß wort wurde. Wer weiss, wo, wann, bei welcher Gelegenheit dieses oder jenes Sprichwort entstanden ist? Hur die rekonstruierende Phantasie kann uns hie un^ ^a einen Wink geben. Wer die Sprichwörter in der Wirklichkeit „sul vivo" gehört hat, der kann sid) ungefähr den Typus vorstellen, der ihm Ursprung gegeben. Das allgemein Cl)arakteristisd}e der jüdischen Sprichwörter ist - ihr WÜ5. €s ist schon eine altjüdische Schwäche. Cs wäre sicherlich eine vom Standpunkte der Völker^ Psychologie sehr interessante Aufgabe, das Wesent* lid)e des jüdischen WÜ3es im Unterschiede von dem der anderen Völker 3U definieren. Ich habe selbst einen -- gewiss nur die Oberfläche streifenden - Versuch in dieser Richtung gemacht (vgl „Die Welt" Jahrg. X (1907), Art. „Der jüdische WÜ5"). Aber ich will mid) hier riict>t in psychologische Erörterungen allgemeinen Charakters einlassen. Tatsache ist, dass der Wi^ eine - ich möchte fast sagen biotisd)e - Aeusserung des jüdischen Temperaments ist. Das Volk hat diesen 3ug in einem Sprichwort festgehalten. „Wer ist ein F5eld?" — (Die Tradition antwortet: ber seinen Trieb be3ähmt) - der Volksmund sagt: „der einen Wit) - nicht macht." Oft sind die Spridjwörter unverständlich, wenn man die Wortnuance nid)t versteht, wenn man kein 01)r für den ßlang des Wortes hat. Id) kann mir mit (Dühe vorstellen, dass ein Hichtjude ein jüdisches Sprid)wort verstehen könnte. Und nicf)t bloss einem Hichtjuden aud) einem Juden, dem das volkstümliche Judentum fremd ist, der die jüdisd)e Geste nid)t kennt, wird die gan3e Pointe e\\U gehen. (Dan muss in einem jüdischen WÜ3, wie in einem jüdischen Sprichwort den Schwerpunkt suchen können. (Dan übersehe 3. B. ein serbisches Sprichwort ins Deutsche - es wird wohl denselben Sinn behalten — wenn aud) die fälangfärbe verloren gehen wird. Wie soll man aber ein Sprichwort übersehen wie etwa folgendes: „Raschi (der populäre Bibelkommentatot) macht und macht und man geht dennod) ohne ßemd und Schuh?" Es sind hier soviel Vorausset3ungen erforderlich. (Dan muss sich den Raschiden vorstellen, gutmütig klug, wie der alte Rommentator, mit dem er seit seiner frühesten Kindheit vertraut, an dem seine Urahnen bereits den Verstand schärften; seine ewige Srage: „was macht Raschi", d. h-> was sagt Raschi 3U dieser Stelle", und den anderen Sinn des Wortes „machen", d. 1). anschaffen, sid) vergegenwärtigen, und man wird das Sprichwort verstehen. £s ist 3uviel verlangt — und das Sprichwort ist doch prächtig. 6s sagt so viel, es liegt so viel Ironie darin, l5ol)n über sich, (Densd)en und Welt. ßönigstreue, pietätvolle, fromme Sprüd)e prägt der Jude nicht. Cr ist ein (Dense!) der Ironie. €r erfüllt sein Pensum im Heben, im Glauben — aber innerlich steht er über dem Gegebenen. €r erträgt sein Cos — ist sogar konservativ, liebt keine Deuerungen wie jeder (Dassen^ mensch — aber kühlt auch sein (Dütchen an den Tatsachen. Juden lieben ihr Judentum, bewusst oder unbewusst, und doch sehet auch einmal die Sprichwörter an, die das „nationale" Thema berühren. Sie sind oft so bissig, so bitter, so höhnisch- „Du hast uns unter allen Völkern auserwählt" (so heisst ein berühmter Passus im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.