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Ost und West · 1908-03-01 · Heft 3 (März 1908) · p. Seite 187 - 188

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 3 (März 1908)
Article
Die Widerspenstige
Date
1908-03-01
Page
Seite 187 - 188 (sequence 7)
Language
German
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187 A. Weissenberg: Die Widerspenstige. 188 mir die Krippe voll und vvie ich nun fortgehen will, da fragt sie mich, wann ich wieder zurückfahre. Ich sage ihr's und gehe zu meinem Wagen. Ich brachte meine Chassidim zu ihrem Rebben und denke, nun kannst du nach Hause fahren. Was soll ich noch da? Etwa mit den Chassidim tanzen und mich um einen Löffel Erbsensuppe schlagen? In der Tat, wie käme ich dazu? Ich überlege nicht lange, dreh meinen Wagen und mache kurzen Prozeß. „Nicht schlecht, mein Pferdchen", denk ich mir, ,,du kriegst neuen Hafer: wir halten vor Deborahs Tür. Und so blieb's. Den ganzen Weg nicht gefüttert. Es war schon spät bei Nacht als ich wieder hier war. Ich spanne meinen Gaul aus, drehe ihn zwischen den Deichselstangen um, daß er mit dem Kopf zum Wagen steht und schiebe ihm den Sack Hafer vor. Die Läden waren schon zugemacht. Aber drinnen war noch Licht. Und durch die ausgeschnittenen Halbmöndchen sehe ich, wie Deborah allein im Zimmer herumhantiert. Ich wäre gern hineingegangen. Ein Glas Tee hätte mir gut getan. Besonders bei Nacht. Verstehen Sie mich: Am ganzen Tag hatte ich keinen Löffel warmen Wassers im Maul gehabt. Und ich weiß doch: ein Blick und sie kocht mir in der Kupferkasserolle Tee. Trotzalledem halte ich mich zurück, werfe mich auf meinen Wagen ins Stroh. Und liege. Schlafen habe ich nicht können, halte meine Augen zu und höre, wie das Pferd mir zu Kopfend kaut. Da fühle ich, wie sich eine dichte Finsternis, ein Schatten über mein Gesicht legt. Ich mache die Augen auf. Deborah ist's. Sie steht am Wagen, den Kopf in ein Tuch gewickelt und blickt mich an... Sie zittert, wie ich die Augen öffne und fragt verwirrt: „Schläfst schon, Jossei?" Ich hebe meinen Kopf aus dem Stroh — so als Antwort und sie sagt weiter: „Man kann dich ja wegstehlen." Und ihr bleiches Gesicht lächelt dabei. „So leicht nicht", sage ich, „bin ein zu schweres Päckchen." „Dich schläferst aber doch?" fragt sie still. „Nein!" „Dann komm doch herunter!" bittet sie. Wie hat mich ihr blasses Gesicht und dieses flehende Wort gepackt! Ich stieg vom Wagen, ihr zuliebe. Wir standen einer gegen den anderen und sagten kein Wort. Ich fühlte, wie die Stille mich packte. Kein Glied wage ich zu rühren. Ich weiß selbst nicht, warum. Und schließlich denke ich: weshalb die Stille — und ich frage: „Hörst du, wie das Pferd kaut?" „Ich höre es. Aber warum stehen wir hier? Komm ein bischen!" sagt sie. Und wir gingen auf die Chaussee zu und setzten uns am Graben ins Gras. Und wie wir dasitzen, blickt sie auf den Himmel, als ginge sie nichts weiter an, als die stillen Sterne, die über unsern Köpfen funkeln. Ich für mein Teil gucke in die Welt hinein — so — und wenn ich auch mehr an uns beide denke, als an die ganze Welt umher, starre ich wie versessen auf die verbogene Weide mit den flüsternden Blättern, die drüben an der Chaussee steht. Stilleists ringsum. Und Deborah blickt schier ohne zu atmen immer auf die friedlichen Sterne. Ich kann mich nicht länger halten und frage: „Was siehst du denn da?" „Was soll ich da suchen?" „Zählst etwa die Sterne?" Sie antwortet: „Ich suche einen Stern, meinen Stern." „Nun, siehst du ihn?" „Meinst du, er ist so — hell?" Und sie wirft mir einen Blick zu. Sie stützt ihren Ellenbogen in den Schoß und läßt den Kopf auf ihre Hand sinken. Ich soll ihr nicht ins Gesicht sehen können. „Was ist dir, Deborah?" Ich fasse ihre Hand. „Gar nichts!" antwortete sie kurz. Und ich denke, sie sehnt sich nach ihrer toten Schwester und sage: „Nach so einer Schwester kann man sich wirklich bangen und sehnen. Aber was nützt das alles?" „Ach, nicht daß sie tot ist!" seufzt sie. „Was also?" „Daß ich lebe!" In ihrer Stimme zittern Tränen. Ich wurde still. Ihre Hand glitt wie von selbst von meiner. Ich fühlte, wie ein tiefes Mitleid mir am Herzen zupfte. „Du bist so still" sagt sie, „so still. Weißt du mir nichts zu sagen?" „Ich bin so still", antwortete ich, „denn ich weiß nichts zu sagen." „Du bist so still! Ja es ist schöner zu schweigen." „Glaub' mir, ich weiß wirklich nichts zu sagen. Was sollte ich auch sagen? Was sollte ich auch wissen?" „Weißt du wirklich nichts," sagte sie oder willst du nichts wissen? Ach, es ist alles eins: im Wasser zu ertrinken oder im Feuer zu verbrennen. Nur zwei Worte: „Willst du mich retten? Nimm mich von hier!" — „Warum das, und wohin?" frag ich erschrocken und mein Herz pocht mir vor einer bösen Ahnung. „Wohin du willst. Und wär's in die Weichsel hinein; nur fort aus meiner Mutterstube." Und sie sinkt mir weinend ans Herz. „In die Weichsel? Du närrisches Mädel. Was ist denn bei euch los?" Aber sie antwortet auf meine Frage nicht. Sie hört nicht. Oder will nicht hören, und als fürchtete sie sich, preßt sie immer wilder ihren Kopf an meine Brust, wie ein Schulbub sich an die Mutter drückt, der sich in tiefer Nacht vor Dieben fürchtet. Ich frage dringlicher und das Herz will mir schier zerspringen. „Aber was ist denn geschehen?" „Noch nichts! Aber es wird kommen. Es wird kommen! Ich soll den Schwager heiraten." Wie sie das sagt, bebt ihr Leib. Und mir ist, als schnitte mir ein Glasscherben in die Seele. Und gewaltsam halte ich an mich. „Und was willst du tun?" „0, nichts!" Und sie hebt ihren Kopf von meiner Brust ab, als hätte ich sie gestochen. Sie blickt mir scharf ins Auge: „Wenn d u mich fragst, w7as ich tun will, dann ist's aus, dann kann ich nicht mehr leben." „Nein, du mußt leben! leben!" Ich umschlinge

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