Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Widerspenstige
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 185 - 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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185 A. Weissenberg: Die Widerspenstige. 186 gerade, wie „unsere Brüder" alle solche Sachen hassen. Schließlich, ein paar Gulden mit einem guten Bruder durchzubringen, da bin ich immer bei. Aber solche beglückenden Einladungen machen auch tot! ... Aber wissen Sie, Deborah kann ich nichts abschlagen. Ich falle eben wieder darauf rein... Ich denke, du wirst versuchen, für's Essen zu zahlen. Ich esse und frage dann nach meiner Schuldigkeit — Donnerwetter! „Sie haben nur für Hafer und Zigaretten zu zahlen" sagt sie. Und dabei lächeln die kleinen Lippen so süß, und die Augen blicken mich mit so schelmischem Blick an, als wollten sie sagen: „Reingefallen!"... Was denken Sie davon? ... Nun, so schnell lasse ich mich nicht reinlegen. Und wie sie gerade wegguckt, lasse ich in ihrer Tasche — mir nichts, dir nichts — ein Silberstück verschwinden — ganz heimlich. Ich drücke mich aus der Stube und bin schon auf meinem Wagen. Hopp, mein Waßke! Ich ziehe die Leine an und schwinge die Peitsche. Fort ging's. Erst auf der Chaussee traute ich mich, mich umzudrehen. Deborah steht auf der Schwelle und blickt mir nach und winkt mir von fernemit dem Kopf wie einer sagt: Fahr gesund! Und ich denke: Sei du gesund. Und ich lasse meinen Gaul langsamer laufen, damit wir uns länger angucken können — ich und Deborah. Ein paar Tage später komme ich desselben Weges und gebe meinem Gaul zu saufen. Ich habe kaum die Krippe zwischen den Rädern vorgeholt, da steht Deborah schon hinter mir. So — sagt sie — willst du mich reinlegen! Sei brav und nimm das Silberstück zurück! Und sie zwingt mir das Guldenstück in die Hand. „Dummes Zeug", sage ich und weise sie zurück, als wüßte ich von garnichts. Sie aber läßt sich auf nichts ein und beschwört mich bei ihrer Gesundheit, das Geld zurückzunehmen. Stecke ich also das Geld in meine Tasche. Werden uns später sprechen. Und vvie sie mich wieder mal zu einer guten Suppe einladen will, sage ich kurz: nein. Und sie? Meinen Sie, sie hat gegessen? Donnerwetter! Sie ist in die Stube gegangen und hat sich ans Fenster gestellt. Und ihre Augen suchten mich. Ich lehne an meinem Wagen und blicke sie an. Wir schweigen beide. Aber ihre Augen reden, bitten, flehen. Vielleicht, daß ich in die Stube kommen soll. Wer weiß? Aber ich bleibe fest. Nein. Und so bliebs. Ich bin weitergefahren und habe nicht mal zum Abschied gewinkt; nicht einmal umgesehen habe ich mich, ob sie mich grüßte..... Wie ich nun am anderen Morgen zurückfahre, halte ich wieder vor dem Gasthaus, um den Gaul zu füttern. Deborah sieht mich vom Fenster aus, kommt gleich heraus und bleibt auf der Schwelle stehen. Ihr Gesicht ist kreidebleich, die Augen müde, versonnen und voller Tränen und so still sieht sie aus wie ein Huhn, das sich vom Dach aus den bewölkten Himmel anschaut. Ich gehe auf sie zu. „Was ist dir, Deborah?" sage ich. „Gar nichts", antwortet sie — und Tränen perlen ihr in den Augen. „Du siehst so blaß aus!" sage ich und ich fühle, wie ein seltsames Mitleid mich packt. „Blaß? Vielleicht! Ich bin nicht ausgeruht. „Hast du die Nacht nicht geschlafen?" „Nein." sagte sie leise. „Warum denn?" „Ach, du weißt es schon!" sagte sie und wendet sich ab und wischt sich die Augen mit der Schürze. In mir siedets und ich sage: „Möge uns nie böses treffen, wie ich von nichts weiß." „Aber warum hast du dich gestern nicht nach mir umgeblickt?" „Neue Geschichte!" sage ich, „wie kommt eines zum andern. Deswegen schläfst du nicht?" „Nein ... aber es hat mir leid getan, daß ich dich zwang, den Gulden zurückzunehmen." „Wegen eines Guldens all das! Na, da hast du dreie, aber schlaf!" Und ich zog meinen Geldsack. „Und wenn ich sie nehme, bist du dann wieder gut mit mir?" fragt sie, und um die tränenden Augen huscht ein Lächeln. „Ja!" antworte ich, als ob's mir im Traum eingefallen wäre, ihr zu zürnen. „Drei nicht. Den einen Gulden kann ich nehmen." „Nun gut", sage ich und lasse die drei Gulden auf dem Handteller tanzen. „Aber du bist mir nicht mehr böse?" „Wirklich nicht! Ich wiederhole dir's!" Sie nimmt den einen Gulden. Die Tage gingen dahin. Wir lebten freundlich miteinander. Da kommt das Unglück. Am Vortag des Osterfestes wird die ältere Schwester, die verheiratete, krank und kaum sind zehn Tage vorbei, gerade einen Tag nach dem Fest, stirbt sie. Ein goldiges Weibchen, lieb wie eine Schwester — das kann ich euch versichern. So war ich ein Jude bin, tief ins Herz hat mich dieser Schmerz getroffen. Ich konnte nicht in die Stube gehen und nun gar Deborah in die Augen sehen. Deborah ging wie ein Schatten herum, den Kopf gesenkt. Ihr Gesicht war bleich wie eine eben gekalkte Wand. Früher — es war so lieb und heimlich. Und nun das Unglück. In jedem Winkel der Stube hockt die Trauer. Die Mutter — bei jedem Wort kommen ihr die Tränen. Selbst die Wände standen so traurig da. Man jagt das gewaltsam unterdrückte Leid aus der Stube. Einmal, vor Pfingsten war es, fahre ich eine Schar Ghassidim zum Rebben nach Kalibiel, da in ein nahes Städtchen. Und wie ich hier nun anhalten will, um meinen Gaul zu füttern, lassen es die Chassidim nicht zu: ich solle schneller fahren. Was kehre ich mich drum? Ich denke, mein Pferd ist kein Chossid und hat keine Eile mit dem Rebben. Aber ich will mich auch nicht besonders aufhalten. Ich kehre also nicht in meiner alten Stelle ein und bleibe auf der Chaussee stehen. Vor der Brücke. Lade die Krippe ab und gehe zum Brunnen — da hinterm Haus. Ich seh mich um: Deborah sitzt auf dem Gras, blaß wie der Tod, den sorgenschweren Kopf in die Brust gedrückt. Da muß sie wohl Tritte hören. Sie blickt auf und sieht mich und das Blut schießt ihr vor Scham ins Gesicht. „Was sitzt du so?" frage ich. „Ich weiß es selbst nicht" antwortet sie „ich sitz eben so und bin so ganz vergrübelt.a Und vergrübelt sah sie wirklich aus — ich weiß selbst nicht: ich hätte gern erfahren, was sie beschäftigt. Aber fragen,"das ist nicht meine Art. Na, ich schöpfe