Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Widerspenstige
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 189 - 190 (sequence 8)
- Language
- German
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189 A Weissenberg: Die Widerspenstige. 190 ihren Hals und bedecke ihre Wange mit Küssen. „Du wirst leben. Ich gebe alles drum." Und mein Kopf sinkt auf ihre Schulter und ich weine... Ein Schluchzen durchbebt ihren Körper und wie ich mich auch mühe, ihr streichelnd und kosend die Ruhe zu geben, ich schluchze nur mit. Und ich suche mich selbst zu stützen: „Steht's so? Was tut man da?" „Du fagst, was man tun muß", sagt sie schluchzend. „Sag du's!" bitte ich sie wieder. „Tu mit mir, was du willst." „Du! Ist die Hochzeit schon festgesetzt?" „Ja. Auf den Sabbath nach Pfingsten. Doch wie ich zu weinen anfing, daß es gar so früh sei, haben sie sie für den Sabbath Nachmu bestimmt." „Still nur", sage ich, „das ginge schon an, da kann man noch etwas unternehmen. Ich nehme dich zu mir, verstehst du, in die ganz fremde Stadt nach — nach Kaluschin zu meiner Mutter. Nur Mut! Gott wird schon helfen." „Warte nicht, mein Jossei", fleht sie kosend. Warte nicht. Ich hab so Angst." „Sei ohne Angst", sage ich und ich streichle ihr das weiche Haar, „es wird schon alles werden." „Nein, Jossei, nein!" „Was denn?" „Nimm mich gleich, gleich auf der Stelle und wärs zu dir ins Haus", sagt sie verschämt. Da bleibe ich verwirrt stehen. Dumme Geschichte. Ein Einfall von einem Mädel! Nimm sie nach Haus! Gut. Ich machte es so. Ich komme in später Nacht daheim an, klopfe gegen die Fensterladen. „Mamme macht auf." Das Kettchen knarrt, und ich und Deborah kommen rein. „Willkommen!" Meine Mutter ist eine kluge Frau und begreift schnell. Fragt so zum Anfang, wie um ihr auf den Zahn zu fühlen: Deborah was machst du Gutes?.44 Mittlerweile hebt meine Schwester den Kopf vom Bett und guckt sich verwundert um, bald zu mir, bald zu Deborah, als will sie sagen: feine Geschichte! Für seine ältere Schwester sorgt er nicht! Geschälte hat er. Na, ja!" Aber das ist noch gar nichts. Kleinigkeiten. Und am Sabbath! Da wirds nur so regnen von Sticheleien. „Unsere Brüder" haben ein loses Maul. Ja, wär's nicht so gekommen? Ich mußte doch daran denken, wenn ich ihr den Willen tun wollte, und so schlage ich ihr vor: „Höre nur, Deborah, du sprichst wie ein Kind. Deine Mutter wird dir nachlaufen bis in die Stadt, und der Rabbi wird bald seinen Diener schicken." „Du fürchtest dich vor dem Rebben?! (und sie schüttelt ihren Kopf) Du fürchtest dich? Und ich? Glaub mir, mein Josse!e, ich kenne nicht Furcht und nicht den Tod, wenn du nur willst! Doch, willst du etwa, daß ich mich fürchten soll?" Das sind böse Worte, denke ich mir, und laut sage ich: „Glaube mir, Deborah, ich will dir folgen, wohin immer und mein Herz ist bei dir. Aber die Menschen.44 Da wurde sie still. Sie hatte verstanden. Konnte sie mir ganz Unrecht geben? Ich fühlte, daß mir das Herz zerspringen wollte. Aber was war zu tun. Man mußte eben warten. Keiner wagte ein Wort zu sprechen. Und versonnen saßen wir im Grase. Ihr Kopf liegt an meiner Brust. Oft seufzt sie und ihr ganzer Körper bebt. So saßen wir, bis der Morgenstern aufging. Da standen wir auf, küßten und umschlangen uns. Sie ging heim, und ich blickte ihr nach, wie sie in leichten, hurtigen Schritten fortlief. Ich blickte ihr nach, bis ich den Riegel an ihrer Tür knarren hörte. Ich hatte mein Pferd wieder angespannt und war kaum wieder auf dem Wagen, da höre ich die Türe von Deborahs Haus wieder gehen und sehe das Mädchen auf der Schwelle. Sie steht still da, regungslos ohne Wort, ohne Zeichen. Und mir wird so bang ums Herz, daß es mich nicht fortfahren läßt. Was sollte ich nur tun? Mitnehmen — nicht mitnehmen. Ich sehe keinen Weg. So ists schlecht und anders auch. Sie aber regt sich nicht. Ich werfe die Zügel wieder hin und steige vom Wagen. Ich fasse ihre Hand und sage: „Deborah, sei nicht traurig, meine Deborah. Gott wird helfen. Nach Pfingsten wird alles werden.44 t Sie hat kein Wort geantwortet, blickte mich nur starr und weinend an. Und als ich sie wieder und wieder küßte, preßte sie sich dicht an mich, und ich fühlte küssend das Beben ihres jungen Leibes. Wir nahmen Abschied, still und lieb. Ich sprang auf meinen Wagen. Sie aber blickte mir nach, bis ich weit auf der Chaussee verschwand. Und in ihren Augen lag die Klage: „das letzte Mal". Wirklich — das letzte Mal. Die Mutter hatte ihr vorgeredet, daß die Hochzeit auf Sabbath Nachmu verschoben sei. Vielleicht könnte dieser fromme Trug die Tränen hemmen in Deborahs Augen. Als aber Pfingsten vorüber war, den Freitag darauf, hatte die Mutter zehn Männer herbeigerufen. Vier hatten das Tuch gehalten und die Geschichte war fertig. — Aus! Der Himmel wurde bleich und bleicher, das Sterngefunkel wurde matt und verlosch wie ein Jahrzeitlicht. Der Mond senkte sich tief zur Erde herab und rot, als wäre er trunken vom Blute, guckte die eine Hälfte über den Horizonz hervor und warf einen letzten traurigen Blick auf das Haus, vor dem wir hielten. Ich blickte Jossei an, der versonnen dastand und sagte: „Was wollen wir hier noch länger stehen!?" Er antwortete: „Sie haben recht". Und er setzte seinen Fuß auf das Vorderrad. „Sie haben recht. Ich habe hier gar nichts mehr zu suchen."---- Vorwärts, mein Pferdchen! Hopp!