Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Widerspenstige
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 183 - 184 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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183 A. Weissenberg: Die Widerspenstige. 184 Und Jossei geht aus dem Zimmer. Ich helfe der Alten noch, den jungen Mann ins Bett heben. Und da das Kissen sich blutig färbt, legt die Alte ihm eine Schürze unter den Kopf, und scheltend und fluchend wäscht sie ihm das blutige Gerinsel von dem leichenblassen Gesicht. Zwei feuchte Augen blicken erbarmungsvoll müde zur Decke empor..... Ich lege ein paar Kupfermünzen auf den Tisch. Noch einen hastigen Blick auf das junge Weib im Bett, und ich gehe auf die Straße. Jossei steht draußen, den Kopf gesenkt. Er pfeift wieder sein Liedchen, so süß und in herziger Trauer, als weinte eine Seele darinnen. Aber oft lösen sich kräftigere, bittere Töne von den Lippen und die Töne jagen einander wie die Wellen im Bach, wenn ein Gewitter sie aufpeitscht. Und da war keine weinende Seele darein: die Geister der Rache und des Hasses und der Genugtuung tanzten darin im Flammenwirbel. Das Pferd — den Kopf in den Hafersack vergraben — lauscht des Fuhrmanns Pfeifen und seine Ohren zittern hin und her. Vom Nacken zur Stirn! Ich stelle mich an den Wagen una starre Jossei an, der mich (scheints) gar nicht bemerkt, und immer weiter pfeift und unruhig über den knisternden Sand auf und ab geht und über die kleinen Steine, die im Lichte des Mondes glitzern. Da bleibt Jossei stehen. Das Lied verstummt. Er sieht mich mit einem langen, forschenden Blick an, als wollte er sagen: Wie gefällt dir die Geschichte?! Ich bleibe still und mag ihn nicht stören in seinem Sinnen. Der Mann redet wenig. Aber sein Sinnen ist kraftvoll (denk ich) und schweift suchend in die Runde und ist scharf, daß es wie ein stählern Messer, so das Herz zerschneidet und doch wieder von der Weichheit einer zärtlich gestreichelten Mädchenhand. Ohne ein Wort zu sa en, geht er zu seinem Pferde, gibt ihm ein paar kosende Schläge auf den Rücken, streichelt ihm den Nacken und schüttelt den Hafersack. Das Pferd hebt den Kopf und beugt ihn wieder, spitzt die Ohren — und frißt ruhig weiter. — „Friß nur, Baschke!" Und Jossei kitzelt seinem Gaul den Bauch. Dann kommt der Fuhrmann auf mich zu. Er sieht etwas im raschelnden Stroh des Wagens. Er holt die Peitsche vor. Andächtig prüft er den Riemen und den Knoten und fuchtelt durch die stille Luft. Er stellt den Peitschenstiel auf den Boden und kritzelt wirre Runen in den Sand und der Riemen schaukelt hin und her... Schweigend blickt er auf die Zeichen im Sande. Und ich fühle, wie das Schweigen seine Seele einpreßt; ich muß ihn etwas fragen. Wie immer. Doch ich finde den Anfang nicht. Da fragt er plötzlich, und seine Augen suchen den Boden, als schämte er sich seines Sprechens: „Wie gefällt Ihnen die heutige Nacht?" „Sehr schön! Der Mond scheint so lieblich." Ich lenke seinen Blick auf den Himmel und suche in seinem Gesicht die Wirkung, die meine Worte wohl machten. „So? Wirklich? ... Gottes Wunder!" spöttelt er und dreht mit sich höhnischem Achselzucken um. „Bleiben Sie nur! Wie meinen Sie das?" Ich suche ihn festzuhalten. „Jedenfalls nicht das, wovon Sie mir sprechen." Und er blickt mich fest an: „Sie. tragen städtische Kleidung und sind wohl ein gebildeter Mensch und warfen mir vorhin eine Antwort an den Kopf, die wie die Faust aufs Auge paßt." „So! Sie meinten vorhin Ihre Nacht, Jossei? So so!" „Dachten Sie vielleicht, ich kümmere mich um Mond und Sterne?— Ja, von meiner Nacht sprach ich." „0, die interessiert mich sehr. Aber ich verstand eigentlich nichts von alledem, was da in der Stube vorging.'4 „Liegt Ihnen was dran, das zu verstehen?" fragten mich seine funkelnden Augen. „Nun gut, so hören Sie mich an, und Sie sollen dann sagen, ob ich ein Mörder bin." „Ich fahre diesen Weg sehr oft, weil mich mein Geschäft hier vorbeiführt. Ich halte hier immer, um den Gaul zu füttern. Schon so lange, wie mein Vater tot ist. So etwa fünf Jahre. Das heißt: meine Mutter lebt noch und auch eine Schwester. Da muß man für's Leben sorgen. Und so hab* ich mir das Fuhrwerk zugelegt. Na, so fahr ich also hier ganz oft vorbei und halte hier dann immer, wie gesagt, eine, zwei Stunden. Die Deborah, die Sie da im Bett gesehen haben, war noch ein Mädel, und so oft sie mich durch's Fenster sah, da stand sie schon an der Tür und ihr Lachen und Jüchen hallte so freudig überrascht, als käme ihr toter Vater ihr entgegen.--- Sie verstehen mich doch. Kurz, sie konnte mir und sogar meinem Gaul nicht genug tun. Da gab's gutes Essen uud einen guten Schluck. Nicht umsonst. Gott behüte! So was läßt unser einer nicht zu. Wir stehen uns gut. Und ich lasse mich nicht lumpen, wenn man mich gut behandelt. Gut — ist eigentlich nicht richtig gesagt. Stellen Sie sich vor! Wie oft hat Deborah zu mir gesagt: So einen Bruder hätte ich mir gewünscht — einen so getreuen! Und ich - offen gestanden! ... Na, und wenn man so was von einem fremden Mädel hört, dann wird das Herz weich wie Butter auf frischem Brot. Und warum auch nicht? Aufrichtig gesprochen: Mit meiner Schwester setzt es auch mal einen derben Fluch. Aber da die Deborah, wie ein schönes, liebes Täubchen! Stellen Sie sich vor: Hier zum Beispiel steht mein Gaul. Wie oft hat sie ihm den Rücken gestreichelt... Was ist dabei schließlich, wenn sie mein Pferd streichelt... Und doch ist das so lieb, daß ich kaum hinzugucken wagte. Die Augen wollen sich mir schließen vor lauter Lust; und ich drehe mich weg und betrachte das Dach... Aber das hilft alles nicht, denn hinter mir — weiß ich — steht eine und streichelt mein Pferd... Und ein wohlig weicher Hauch kost mir durch die Knochen, als ob sie nicht das Pferd, sondern mir den Rücken streichelt. Nur noch so möcht ichs. — Stellen Sie sich vor! Ich komme gerade an, wo die Leute zum Essen gehen. Deborah ißt nicht. Warum? Ich soll mich auch an den Tisch setzen. Natürlich laden mich die andern auch ein. Und selbstverständlich wird sich auch die Mutter nichts weiter dabei denken. Offen gestanden liebe ich solche Einladereien nicht