Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Widerspenstige
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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181 A. Wrissenberg: Die Widerspenstige. 182 Geister, die dich umgarnt haben, werden dich noch in die Hölle bringen. Ich arme Mutter. Wo hat man solche Not gehört? Sieh, Tochter", und sie weist auf das aufgeschlagene Buch hin, „was in der heiligen Bibel steht: Durch solches Tun werden die bösen Geister geschaffen, die verbrennen und wieder werden, und die uns in die Hölle schleudern. In der Hölle, hörst du, wirst du Elende dein elendes Ende finden und wirst niemals wieder auferstehen." Die Tochter reißt sich hastig das Oberbett über den Kopf. Aber ein haßerfüllter Blick trifft noch die Mutter. Verzweifelt ringt sie die Hände. Ihre Augen, vom Schmerz zusammengepreßt, zur Decke gerichtet, sagt sie bitter: „Großer Gott, was läßt du mich leiden? Die eine Tochter hast du mir genommen. Hättest du mich nur zu dir genommen!. . . Nimm mich zu dir, wenn ich nur ein einziges gutes Werk vollbracht habe. Reiß mir, du, reiß mir das Herz aus dem Leibe, das Herz deiner Mutter (und sie zerrt ihrer Tochter die Decke vom Gesicht), zerreiß mein Herz und wirf es in brennende Kohlen! Dann litte es nicht wie jetzt!" Die Tochter will wieder unter die Decke kriechen. Aber die Mutter zerrt sie mit aller Gewalt auf die Erde hinunter, und vom Sturme der Seele gepeitscht, rast sie im Zimmer auf und ab. Plötzlich bleibt sie wieder vor dem Bett stehen. Ihre Augen sprühen Schrecken, und mit schneidender Stimme schreit sie: „Scheusal du! Unter meinem Dach soll diese Sünde nicht hausen. Leben oder sterben!"— Sie eilt zum Kinderbett, nimmt einen Strick, den sie doppelt legt und stürzt auf die Tochter, die, ihre nackten Beine unter das Nachthemd gezogen, zusammengekauert im Bette liegt. Erschreckt blickt sie auf die rasende Mutter; die aber schreit: „Genug gesündigt! Genugsam verhüllt! Jetzt muß aufgedeckt werden. . . In meinem Haus ist die Sünde, die Sünde, die Sünde." Und die Tochter greift nach dem Strick, der über ihrem Kopfe hin und her schwingt. Aber schon saust der harte Strang auf den weichen Leib der Tochter nieder .... Der junge Ehemann schrickt in seinem Bette auf, als hätte sich der Strick in seinen Leib gegraben. Nur eine Sekunde. Und da er seines Weibes jämmerliches Wehgeschrei hört, blitzt sein Auge, flammt sein blasses Antlitz wild vor — Genugtuung! „Soll sie nur für ihre Widerspenstigkeit büßen, ja büßen." Und die Schadenfreude fächelt sein Herz. Ich blicke schaudernd auf die Szene. Da bekomme ich einen Stoß gegen den Arm. Ich drehe mich um, Jossei, der Fuhrmann! Ihre Stimme zerrt ihn an das Fensterchen. In anderen Zimmern tobt der Tumult. Die Kinderchen sind aufgewacht,-zappeln und schreien, wie junges Geflügel am Vortag des Versöhnungsfestes. Doch die Alte peitscht die Tochter immer wilder und blickt auf sie herab mit Augen, in denen die Wut und die Lust der Genugtuung sich giftig mischen: „Wars gut, ja, wars gut?" „Schlag mich doch tot!" Ja, dich muß man totschlagen!" Und da der Strick immer wieder niedersaust, sinkt der Oberkörper der Tochter über den ßettrand. Die eine Hand stemmt sie gegen den Fußboden und reißt mit der anderen Hand das Oberbett nach unten. Die Mutter wirft sich auf sie. Ein wildes Ringen. Die Tochter schnellt ins Bett zurück und gräbt sich in den Strohsack unter dem Laken ein. „Hilfe, Hilfe!" schreit sie mit aller Kraft, und ihr Schrei übertönt das Weinen und Lärmen der Kinder. Da stürzt Jossei gegen die angekettete Tür. Die Wut knirscht in seinen Zähnen. Ein Stoß und sich zusammenkauernd noch ein kräftiger Stoß mit den Schultern: und die Kette zerbricht krachend. Die Tür springt auf, und Jossei, stürmt ins Zimmer wie toll! Die Mutter schrickt empor, wie er drohend vor dem Bette stehen bleibt. „Deborah", schreit er, „du willst dich tot schlagen lassen? Deiner Mutter zulieb. Meinst du, sie wird dich beklagen, wenn du tot bist?" „Kerl! Elender! du Lump! Du wagst es, in meine Stube einzudringen/' Der Ehemann springt aus dem Bett, daß die Schläfenlöckchen vor Schreck hüpfen. „In deine Stube, haha!" Jossei dringt auf ihn ein und schlägt ihm die Fäuste ins Gesicht, bis der Mann blutüberströmt zu Boden fällt. „Mörder!" schreit die Alte und hält dem Fuhrmann die Hände fest. „Mörder du!" Doch Jossei achtet ihrer nicht und nicht der wimmernden Kinder und der zerrenden Fessel an seiner Hand. Mit sehnigen Füßen wie festgegossen steht er da. Und sich über den heulend am Boden kauernden Mann beugend, ruft er: „Was liegst du so still da? Das Schäflein ist gebunden. Geh und schlachte es. Ja, warte nur. Du wirst noch früher geschlachtet werden." Und Jossei greift hastig in seine Taschen. In seinen Augen flimmert ein wildes Lachen und bittrer Zorn. Ich begreife schnell, was in seinem Hirn tobt: Er sucht sein Messer. Und ich springe auf ihn zu: „Was machen Sie?" „Ich muß ihn totschlagen!" schreit Jossei und seine Augen blitzen wie die eines blutdürstigen Tieres. „Warum, um Gotteswillen! Einen Menschen ermorden?" Und ich packe ihn fest an der Hand. „Das soll ein Mensch sein?!" lacht Jossei höhnisch. Das ist ein Lappen, den man in der Hand zerknäult, ein Blättchen, das jeder Windhauch fortbläst!" „Aber was haben Sie nun vor?" „Sehen Sie die da an!" Und er zeigt auf das junge WTeib im Bett. „Nun ja! . . . . Die Mutter!" „Aber dieser Mensch lag doch geradeübt^ in seinem Bett und hat's ruhig mitangesehen. Seine stillen Augen haben noch zugeredet, diese Augen!" „Das geht aber doch nur ihn an! Sie ist sein Weib!" Da wurde Jossei still. „Sein Weib, sein Weib", seufzt er und seine Geste sagt: Vorbei! „Lassen Sie mich los. Ich bin ganz ruhig. Da sie s e i n' Weib ist, ge.^ ich zu meinem Pferd