Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Widerspenstige
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 179 - 180 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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179 A. Wrissenberg: Die Widerspenstige. 180 „Also der ,Böse' schreit aus ihr heraus?" „Gewiß! Das Mädel — das heißt der hose Geist in ihr — schreit, sie wird ihre Mutter morden. Sie flucht dem Rebhen, wo doch alle Menschen vor dem Rebben zittern/' „Und was macht sie mit dem Mann?" „Nun — fluchen tut sie zwar nicht — aber sie läßt sich von ihm nicht — berühren!. . . ." „Ich denke, sie will ihn nicht? Sie hat mirs selbst gesagt." „Gut gesagt! Die Mutter morden und dem Rabbi fluchen. Weiß sie denn, was sie spricht. Und das — •Widere, wen gehts was an?" „Gewiß nicht. Aber man redet eben darüber." „Genug schon!" Und wütend wendet sich die Alte mit der Lampe zur Tür. Doch ich halte sie wieder zurück und frage: „Habt Ihr vielleicht ein Glas Tee?" „Ein paar Minuten, dann könnt Ihr's haben." „Gut so", sag ich, ihr zunickend. Sie nimmt die Lampe und verschwindet ins zweite Zimmer. „Sollen wir hier im Finstern sitzen?" frage ich den Fuhrmann. „Wenn Sie wollen, gehen Sie nur da hinein", und er weist mich auf das erleuchtete Fensterchen in der Tür. „Und Sie?" „Ich nicht! Ich will hierbleiben. Steckt doch eine Kerze an" ruft der Fuhrmann, „ich werde sie bezahlen." Die Alte kommt herein: „Was ist denn? Bald wirds wieder losgehen." „Nichts. Zündet ein Vierkreuzerlicht an!" Sie gibt ihm das Licht. „I c h soll schuld haben! So ein junges Blut zu begraben, so ein Weib wie ein Juwel — du hast sie ja gekannt — Ach Gott! Ich bin ihrer sicher nicht würdig. Und man wirft mir noch Steine aufs Herz . . , Zwei liebe Schwälbchen zurückgeblieben ohne Mutter. Und der junge Mann liegt mir auf dem Hals. Ein lieber Junge. Er hält mich wie eine Mutter. Was soll da eine Mutter, eine unglückliche Mutter anderes machen, wenn sie noch eine erwachsene Tochter hat? Den jungen Mann fortjagen, die Schwälbchen fortjagen zu einer Stiefmutter und die Tochter mit einem fremden Mann verheiraten?" „Nu, .ja. So habt Ihr doch nicht gehandelt! sagt, man." „Ja, ich habe wirklich geglaubt, daß die vVunde in meinem Herzen ein bischen zusammenschrumpfen würde. Der erste Schlag war schon eine Strafe von Gott. Sag, Jossei, hab ich das alles leichtsinnig, aus Übermut getan? Hab ich nicht erst den Rebben gefragt? Was bin ich? Aber das Wort eines Frommen muß man verstehen. Und als ich ihm alles erzählte und ihm dann sagte, was ich tun will, hat er mir geantwortet: Gewiß, es wäre ein Jammer, wenn die Kinder verwaist blieben. Was kann er anderers damit gemeint haben? .... Gestern noch war ich wieder in der Stadt, ging wieder zum Rebben (seiner Ahnen Gedächtnis soll mir; beistehen). Er hat mir Abschabsel vom Teufelfinger und besprochenes Baumöl gegeben. Kostet zwar etliche Gulden. Aber was tuts. Vielleicht erbarmt sich Gott doch! Und welche Mutter gibt nicht ihr letztes Hemd für ihr Kind hin?" Sie weint, die Alte. Und die Tränen perlen ihr auf den bebenden, faltigen Lidern. Dem Fuhrmann greifts in die tiefste Seele. Eine schmerzliche Geste, als wollte er sie beruhigen! Und als sie wieder in das zweite Zimmer geht, drückt er sich scheu beiseite. Er setzt sich dicht an die Kerze auf den Ladentisch; die Beine hängen willenlos herab. Jetzt kommt die Alte mit den beiden Gläsern Tee zurück. Sie stellt sie auf den Tisch und geht, ohne ein Wort zu sagen, wieder in das andere Zimmer, dessen Tür sie hinter sich verschließt. Ich trinke meinen Tee, zünde mir dann eine Zigarette an und gebe dem Fuhrmann auch eine. Wir blicken schweigend in die Rauchringel. Das Lichtflämmchen hebt sich sehnend zu den Balken empor, und sein blaßblauer Schimmer wiegt sich hin und her wie eine fromme Frau beim Segnen der Sabbathlichte. Auf der bleichen Wand liegt ein stiller verträumter Schatten: des Fuhrmanns Schattenbild. Jossei rührt sich nicht und blickt versonnen auf den Rauch der Zigarette, der sich wie ein zartblauer Schleier durchs Zimmer weitet, und wiegend flechten sich die dünnen Fädchen ineinander und verschweb en wie lichtes, sommerliches Gewölke. Immer tiefer umwallt den Fuhrmann das Meer der Träume. Und wie mächtige Schatten legt sich die Trauer um seine braunen Züge. Aus seinen blauen Augen schweifen durch die verkrampften schwarzen Brauen die Blicke in das Wesenlose hinein.- In die Stille gleitet ein Lied. Die Lippen mögen es pfeifen, eine traurige Melodie. Jossei selbst weiß nichts davon. In seine Seeleneinsamkeit dringt nicht sein eigenes Lied und nichts von der Alten Reden im anderen Zimmer. Ich aber schleiche mich an die Tür und blicke durch die kleine Scheibe. Ein Zimmer. Ein Bettchen mit zwei schlafenden Kindern. Oben steht ein Tisch gegenüber zwei nebeneinander stehenden Betten, die an eine kalkgetünchte Wand gerückt sind. In dem einen blickt aus der Überdecke ein blasser, von schwarzem Haar umrahmter Kopf hervor. Und seine Augen sehen zum andern Bett, wo ein junges Weib mit einem weißen, gestickten Kopftuch liegt. Ihr Oberbett ist halb abgedeckt. An dem Gestell steht die Alte; ihre flehenden Blicke sprechen zur Tochter: Wie lange soll das dumme Spiel noch dauern? Willst du mir den letzten Tropfen Blut aus dem Herzen nehmen? Die Alte bittet und weint. Das junge Weib rührt sich nicht und blickt wehmütig still auf das Lämpchen, das neben dem offenen Gebetbuch auf dem Tische steht. „Sieh", fängt die Alte wieder an, „will ich etwas Schlechtes von dir! Kann eine Mutter etwas Schlechtes von einer Tochter wollen? Aber du mußt nun doch endlich mit deinen Kindereien aufhören. Schon acht Wochen, acht geschlagene Wochen bist du verheiratet. Und noch immer nicht bist du .... Ach deine Widerspenstigkeit, ach die bösen Teufel und