Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Widerspenstige
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 177 - 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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177 A. Weissenberg: Die Widerspenstige. 178 licht umsilberter Steine. Wir fahren in der Mitte des Weges langsam dahin. Der Fuhrmann ist eingenickt. Und ich blicke über seine breiten Schultern hinaus versonnen in das Dunkel. Auf der rechten Seite der Fahrstraße ahne ich zwei dunkle Flecken. Und da wir näher kommen, sehe ich, daß es die Dächer zweier Häuschen sind. Der Fuhrmann reckt sich auf und sagt: „Hier wTill ich das Pferd füttern." Nun noch ein hölzernes Brückchen, und der Wagen steht vor der Tür eines der Häuschen. Sie beide sind plump. Die lehmbeworfenen Wände sind zerschlissen. Und an der einen Seite des Hauses, wo wir halten, sind beide Laden verschlossen. Nur durch die ausgeschnittenen Halbmöndchen in dem einen Fensterladen quillt ein Lichtstrahl heraus und fließt bis an den Bauch des Pferdes. Die Fenster der anderen Wand sind mit Brettern vernagelt. Das andere Haus hat an beiden Seiten zwei große, verbogene Einfahrttore. Wind und Sturm haben die morschen Bretter zerrissen. Die hohlen Fenster gucken mit starrem Blick, wie die Augenhöhlen eines Skelettes, in die weite Welt hinein, als suchten sie die umherschweifenden Händler und Fuhrleute mit vollen Wagen. Versonnen blickt der Mond auf das altersmüde, halbzerfallene Dach, das vor sich hin träumt in alten Erinnerungen. Irgendwo in der Ferne kräht ein Hahn. Ich blicke um mich. Rings umher noch viele vereinzelte Dächer, die aus einem Tale hervorlugen. Die Nacht hat sie in einen tiefen Traum verzaubert. Ein Traumgewebe, in welches das Mondlicht Millionen siberner Fäden hineingewirkt hat. Da wiehert das Pferd. Ich schrecke empor. Der Fuhrmann hat ihm einen Beutel mit Hafer umgebunden. Ich springe vom Wagen herab und, angelehnt an die Seitenbretter, ziehe ich meine Uhr: Punkt zwölf! — Aus dem Hause dringen wirre Stimmen zu uns. Ich höre die Worte: „W7as soll das?" Der Fuhrmann zuckt die Schultern. Und seine flammenden Augen starren auf den Laden, aus dem das Licht in die Nacht schleicht. Er tritt näher heran, legt horchend sein Ohr an den Laden und blickt auf mich, was ich wohl zu alledem sagen würde. „W7ohnt wer da?" frage ich. „Eine Witwe!" — Und seine Blicke sinken auf die Brust nieder. Er rückt vom Laden ein wenig ab. „Wohnt sie allein da?" „Nein, mit ihrer Tochter und dem Schwiegersohn. Horchen Sie! Das ist die Stimme der Tochter." „Warum schreit sie denn?!" „Bin ich ein Prophet! Gehen wir hinein! Wir werdens gleich erfahren!" antwortet er. Und er geht auf den Eingang zu und schlägt kräftig mit der Faust gegen die Tür. Die Tür kracht. Bald hören wir eine Weiberstimme: „Wer ist da?" „Machen Sie nur auf, Pessele." „Das geht jetzt nicht!" ruft die Stimme von innen. „So?! Du kannst also nicht öffnen", schreit der Fuhrmann mit verhaltener Wut. „Nun. dann kann ichs." „Wer ist denn draußen? Bist dus, Jossei?" „Ja, ich", ruft er böse. Und mir seine flammenden Augen zuwendend, sagt er mit weichem Ton: „Der Teufel soll sie holen. Jetzt kennt sie mich schon nicht mehr!" Die Kette klirrt, und die Tür g^nt auf. An der Schwelle steht eine Frau in einem dunkeln Kleide, ein Bauerntuch um die Schultern. Eine weiße Haube verhüllt ihr Haar. In dem blassen Widerschein des Mondes sieht ihr Gesicht noch blasser aus. Und die Angst lugt ihr aus den Falten und Runzeln. „Jossei, du?! Ich hab dich kaum noch erkannt." „Schon gut", sagt Jossei, und er wehrt mit ein: i Geste ab. Mir aber winkt er, ihm in die Stube zu folgen. Ich bleibe an der Tür stehen. Es ist finster, und ich wage keinen Schritt nach vorwärts. An der Wand mir gegenüber ist ein rundes Fensterchen, durch das ein matter Lichtschein sickert. Dahinter ist wohl noch ein Zimmer. Die Alte geht auf die Wand zu, öffnet die Tür. Und unter dem sich hastig eindrängenden Lichte gehe ich ein paar Schritte tiefer in die Stube hinein. Bald kommt die Frau wieder aus dem Nebenzimmer zurück, eine brennende Lampe in der Hand. Nun sehe ich die ganze Aufmachung: einen Kramtisch an der Wand, einen Kastenschrank mit Zigarettenpäckchen, Tabak letzter Güte, Stearinlichte, Cichorie und vielen Zigarettenhülsen. Ganz oben eine Menge voller und halbleerer Papierbeutel. In einem Winkel ein großes Glasgefäß mit Kaffeebohnen und daneben, dicht am Tisch, auf einem Brett ganz auf der Erde zwei halbe Säcke Mehl, ein Sack Salz, eine primitive Gießkanne, deren Schnauze sich das an der Wand hängende Konzessionspatent ironisch anguckt. „Willst du Hafer?" fragt die Alte lächelnd den Fuhrmann. „Wenn ich abfahre! Vorläufig hats noch zu fressen", sagt Jossef, ins Licht blinzelnd. „Wer soll nachher auf den Boden klettern, wo der Hafer liegt?" „Klettern? das brauchts nicht." „Natürlich. Wenn man nur die Leute aus dem Schlaf reißen kann!" Und ärgerlich wandte sie sich zur Tür und schraubte die Lampe tiefer. „Immer langsam! Wen haben wir aus dem Schlafe gerissen?" „Nu, wen?!" Die Alte dreht sich um und hält Jossein die Lampe vors Gesicht. „Euch etwa?! Wenn man das Geschrei bis auf die Strasse hört! Euch hab ich geweckt! Lächerlich. Das könnt Ihr Eurer Großmutter erzählen." „Du Ekel. .. mein lieber Jossei!!41 Und in tiefer Wehmut sagt sie seufzend: „Ich werde noch vor meiner Zeit die Erde kühlen." „Was ist denn los?" „Gar nichts. Immer das gleiche. Die Tochter bleibt bei ihrer Widerspenstigkeit. Ich habe furchtbare Nächte durch sie", jammert die Alte, und sie preßt ihr faltiges dürres Gesicht in beide Hände. „Ihr sollt doch aber schuld daran sein!" „Du bist ein Kind. Was kann eine arme sündige Mutter für den bösen Geist. Frag die Nachbarn im Dorf."