Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Einweihung des Tempels
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 173 - 174 (sequence 4)
- Language
- German
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173 Binjiimin Segel: Die Einweihung des Tempels. 174 Seele nach einein Anknüpfungspunkt, nach einer Anlehnung und Verbindung. Er wußte nicht, was es war, das ihn von dieser Welt schied, aber sie war so ganz und gar anders. War das das Neue, Große, war das die Verjüngung? . . . Während er sann, traten von zwei entgegengesetzten Seiten zwei Männer an die Bühne heran, sie waren in weite, wallende schwarzseidene Talare gehüllt und trugen eine seltsam geformte Kopfbedeckung, beinahe wie die christlichen Geistlichen. Langsam und feierlich stiegen sie die Stufen hinan und traten an den Altar, verbeugten sich vor dem Vorhang und gingen dann jeder auf seinen Platz. Alsbald trat ein dritter Mann auf, stieg langsam und feierlich die Stufen zur Bühne hinan, trat vor den Altar, verbeugte sich, richtete sich wieder auf und stimmte einen Gesang an. Der alte Rabbi horchte hin. Gesang war seine besondere Leidenschaft, und in jüngeren Jahren war er selber ein großer Sänger vor dem Herrn gewesen. Er horchte, ganz Ohr, aber er verstand kein Wort. Auch sie Melodie in ihrer feierlichen Getragenheit klang ihm do fremd, ließ keine Saite in seiner Seele mitschwingen, als hätte er nie etwas ähnliches gehört. Und ringsum saß alles reglos da, ein Ausdruck verhaltener Neugierde lag auf den Gesichtern, lautlos hörten sie dem immer mehr sich entfaltenden Gesang zu, teilnahmslose Zuschauer, die abwarteten, was sich vor ihnen abspielen würde. . . War das das Neue und Große, war das die Verjüngung? . . . Dieser wohlabgetönte Gesang schien auf die Menge gar keine Wirkung zu üben, er erwärmte sie nicht, riß sie nicht hin. Kein Jubelruf entrang sich ihrer Brust, aus den Reihen kam kein Aufschrei, in welchem die Seelen zusammenschmelzen und sich emporschwingen. Erstarrt in ihrer Wohlerzogenheit, saßen sie da und blickten mit höflicher Neugierde auf den Mann am Altar, der wie eine Statue dastand und aus dessen Kehle die herrlichsten Töne emporquollen. Jetzt zuckte der Alte zusammen. Ein Knabenchor erscholl, weiche, klare Kinderstimmen schwebten wie ein silberheller Regen irgendwo aus unsichtbarer Höhe nieder. Dem Alten war es, als wendete sich ihm das Herz im Leibe um. Es erfaßte ihn ein ungeheures Heimweh nach seinem kleinen, verfallenen Städtchen, das er mit leiblichen Augen vor sich zu sehen glaubte. . . Freitag Abend . . . die Leute eilen aus dem Bad heimwärts, um sich für den Abend anzuziehen. Auf dem Platz vor der Synagoge stehen kleine, barfüßige Mädchen und streuen aus ihren Schürzen Körner und Brosamen den Tauben und freuen sich, wie die lieben Vögel aus ihrem Nest in dem hohen Dach des alten Gebäudes herbeifliegen. Im Innern flackern die Lichter auf, und das Abendrot dringt durch die geöffneten Fenster, und in dem Laub der nahen Bäume raschelt leise der Wind. Müde und abgearbeitete Gestalten in fadenscheinigen Sabbatgewändern füllen nach und nach den Raum, jung und alt, Arme und Reiche mengen sich durcheinander, ein heiteres Geplauder, und jeder setzt sich auf seinen Platz. Der Gesang erschallt und entzündet einen Funken in ihren Seelen . . . Wo beten hier denn die Armen? . . . Erst jetzt wurde es dem alten Rabbi klar, daß er sich da in einer völlig fremden Welt befand. Der Herrgott, der in diesem prächtigen Palast thronte, ließ seine Türe von zwei Polizeidienern und einem Pförtner in goldenen Tressen bewachen. Und um zu ihm zu gelangen, mußte man ein Stück Papier vorweisen. Nicht Kinder traten hier in das Haus ihres Vaters, um ihm ihr Leid zu klagen oder ihm für seine Wohltaten zu danken, sondern geschniegelte, wohlerzogene Herren und Damen statteten nach den Anforderungen der strengsten Etikette einem übelgelaunten, griesgrämigen fremden Herrn einen pflichtgemäßen Besuch ab, und wer sich nicht in acht nahm und etwas geräuschvoller auftrat, wurde von den livrierten Dienern des Hauses zur Ordnung gewiesen. War das der alte Gott Israels, der die gebrochenen und demütigen Herzen tröstet, zu dem die Demütigen und Schlichten kommen, zu dem man in der Seelennot schreit, zu dem man in der Freude jauchzend aufjubelt? . . . Der Alte ließ den Blick in die Runde schweifen, und jetzt erschienen ihm diese herrlichen Säulen und Bogen und goldenen Leuchter und Purpurteppiche und Marmorbalustraden wie ein lebloser Haufe von Steinen und Metallstücken, die Menschen ringsum wie eine Versammlung von seelenlosen Wachspuppen, herausgeputzt, um einer feierlichen und leeren Paradezeremonie teilnahmslos beizuwohnen. Er glaubte, einen eisigen Hauch zu verspüren, der von ihnen ausging und sich lähmend auf sein Herz legte. Doch konnte er nicht lange diesen Betrachtungen nachhängen, denn jetzt krachte es dort oben in der Höhe wie das Grollen eines Donners, schien herabzufallen, in der Luft zu zittern und sich schwebend über den Köpfen der Versammlung auszubreiten, dann wieder in die Höhe zu entfliehen, um sich gleich darauf wie ein Purpurstrom in die Tiefe zu ergießen. Den Alten durchrieselte ein wonniger Schauer . . . Die Orgel! Die Orgel! . . . Sie sang oben bald mit tausend menschlichen Stimmen, bald klagte sie in schmelzenden Flötentönen, die in Vogel trillern ausklingend verhallten. Lind schon erbrauste es wieder, wie ein Orkan, der aus dem Schlummer in tiefen Abgründen erwacht, über Berge und Wipfel dahinstürmt und dann in sanftem Säuseln erstirbt. Die Töne füllten den weiten Raum wrie zahllose glimmernde Funken oder wie glitzernde Strahlenbänder .... Welch ein Wunder! dachte der Alte und ließ sich eine Weile von den Wellen dieses Tonmeeres wiegen, die ihn umschlangen und einhüllten und seine Nerven liebkosten. Es schien ihm, als wäre irgend eine unreine Macht an ihn herangetreten und wollte seine Sinne betören und Gewalt über ihn gewinnen. Er fühlte sich wie von einem Taumel umfangen, aber er sah deutlich, daß es nicht jener reine, aus dem Innern emporsprudelnde Rausch der Begeisterung war, der die Seele emporträgt. Er kam von außen her, ein sinnlicher Kitzel, der die Menschen niederzwang und betäubte. Etwas Fremdes und Mechanisches schob sich starr und leblos, wie eine dunkle, schimmernde Wolke zwischen den Menschen und seinen Gott .... Der Alte raffte alle seine Kräfte zusammen, erhob sich, trat aus der Bank und wandte sich dem Ausgang zu, von seinen zehn Jüngern gefolgt, begleitet von den indignierten Blicken der Zuschauer.