Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Einweihung des Tempels
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 175 - 176 (sequence 5)
- Language
- German
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175 Binjamin Segel: Die Einweihung des Tempels. 17G die über diese unerwartete Störung des Gottesdienstes mit Recht entrüstet waren. * * * Draußen fing die Dämmerung schon an herabzusinken. Der Rabbi und seine Jünger schritten rasch über weite Plätze, durch breite Straßen, gewundene und schmale Gäßchen, bis sie sich weit draußen vor dem Tore befanden. Im Herzen des Alten tobte ein Sturm. Er empfand etwas wie gekränkte und enttäuschte Liebe und zugleich fühlte er sich von all dem heidnischen und fremdartigen Prunk und dieser sinnlich berauschenden Musik wie befleckt und verunreinigt. Dann kam ihm der Tempel zu Jerusalem in den Sinn, mit seinen Priestern in goldschimmernden Gewändern, mit seinen glänzenden Hallen, seinen kostbaren, funkelnden Geräten, die Leviten mit ihren Harfen, Zithern und Posaunen. Er wurde weicher, fast wehmütig gestimmt. Aber der unmittelbare Eindruck, den er soeben empfangen, war so stark, daß er sich alles, was .je gegen den Tempel und dessen Diener gesagt wurde, ins. Gedächtnis zu rufen anfing. Und mit unheimlicher Klarheit stand vor ihm das Wort der alten Weisen: „Als der Tempel zerstört wurde, fiel eine eiserne Wand, die zwischen Israel und seinem Vater im Himmel geschieden hatte." Kühne und trotzige Gedanken huschten ihm durch den Kopf, doch hielt er die Zeit noch nicht für gekommen, sie seinen Jüngern mitzuteilen. Sie schritten immer weiter und weiter, bis sie sich weit außerhalb der Stadt befanden. i Draußen war es schön und still. Mild und freundlich lächelnd erlosch der Tag, wie ein Held, der nach getaner Arbeit, wenn die Stunde schlägt, heiter und friedlich sich zur Ruhe begibt. Der blaßblaue Himmel wölbte sich riesengroß wie ein unermeßliches Zelt, von waldbekrönten Bergen getragen, am westlichen Rand von flammenden Gluten eingesäumt. Ein tiefes Schweigen ringsum, nur in der Ferne rauschte der breite Strom und die Wälder flüsterten leise. „Spät, spät, Kinder," rief der Alte einmal nach dem andern. Der Sturm in ihm hatte sich völlig gelegt, er fühlte, wie die milde und weiche Sabbatstimmung in seine Seele einzog. „Spät, spät, Kinder!ct Es wrar in der Tat schon Zeit, die Sabbatlieder anzustimmen: Kommt, wir wollen singen dem Ewigen, Jubeln dem Hort unsrer Erlösung. Mit Lobhymnen wollen war ihn grüßen, Unsre Lieder sollen ihm entgegenschallen. Denn ein großer Gott ist der Ewige Und der größte König über alle Mächtigen. Er hält in seiner Hand die Grundfesten der Erde Und die Zinnen der Berge, ihm gehören sie. Sein ist das Meer, Denn er hat's geschaffen, Und das Festland haben seine Hände gebildet. Denn er ist unser Gott Und wir sind das Volk seiner Weide Und die Schäflein, Von seiner Hand geleitet. Die Nacht sank herab. Königin Sabbat kam und breitete ihren strahlengewobenen, sternenges tickten Mantel hoch oben über die Welt. Der Wind umspielte das Antlitz der Sänger und brachte ihnen den kräftigenden Geruch der schlummernden Erde, vermischt mit dem Duft frischen Taues und sprießender, knospender Blumen, und sie fühlten den Odem Gottes, der durch die Welten wehte: Singet dem Ewigen ein neues Lied. Es singe dem Ewigen die ganze Erde. Sprechet unter den Völkern: Der Ewige ist König Und fest steht die Welt, Sie wanket nimmer. Er richtet die Völker in Milde. Es freu'n sich die Himmel, Es frohlockt die Erde Es erbraust das Meer und seine Fülle, Es jauchzen die Gefilde Und all, das sie bewohnt. Es singen all die Bäume im Walde Vor dem Ewigen, Denn er kommt, er kommt, Zu richten die Erde. Er richtet die Welt in Gerechtigkeit Und die Völker in seiner Treue. So sangen sie, und lange noch hallte ihr Gesang durch die tiefe Stille der wundervollen, blauen, duftigen, strahlenden, heiligen Sabbatnacht. DIE WIDERSPENSTIGE. Eine Dorfgeschichte von A. Weissen!)erg. — Dem Jüdischen nachgebildet von Theodor Zlocisti. Auf der Lubliner Chaussee fuhr ich einmal mit einem jungen kräftigen Fuhrmann durch die Nacht. Wir sitzen still da. Das Wägelchen schaukelt uns her und hin über den festgewalzten W7eg. Von fern her funkeln die Sterne. Sie flimmern und zittern, als wollten ihre zuckenden Seelen sich tief in die dunkle Nacht einbohren. Ein kühler Septembervvind küßt mir die Augen, streichelt die Wangen und raunt mir stille Märehen zu. Nachdruck verboten. Der tiefdunkle himmel neigt sich schwer zur Erde und hüllt das Feld in seinen Mantel. Und Stille rings umher. Die Felder in der Runde schlafen, umschlungen von den silbergrauen Schleiern des Taus, auf dem sich die Träume wiegen. Nur hier und dort ein Baum. Und der sorgenblasse Mond, in Gedanken versunken, lauscht dem Rauschen der Blätter. Den Weg säumen zwei Zeilen kalkiger, vom Mond-