Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Einweihung des Tempels
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 3)
- Language
- German
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171 Binjamin Segel: Die Einweihungdes Tempels. 172 vor, stellte sieh in Positur und strich sich nervös den Schnurrbart. Er hatte offenbar eine Rede auf dem Herzen. Doch der Fürst-Statthalter ließ zur größten Verblüffung des ganzen Spaliers eino Strecke weit von dem Eingang halten, sprang aus dem Wagen und eilte mit sichtlicher Freude auf den abseits stehenden Alten zu. ,,Sie hier, Herr Rabbiner? Welche Überraschung!" Sie drückten sich herzhaft die Hände. „Seit ich Bezirkshauptmann in Ihrem kleinen Nest dort unten war, habe ich Sie nicht gesehen, schon sechs Jahre. Vergißt man so ganz seinen alten langjährigen Freund? Aber was machen Sie denn eigentlich hier?" „Wir sind gekommen, um uns die Einweihung des neuen Tempels anzusehen, aber wir haben keine Karten und man läßt uns nicht hinein." „Ja, lieber Freund, das ist hier nicht so, wie dort bei uns, draußen auf der Provinz. Hier sind wir zivilisiert. Wissen Sie, was das heißt? Na, ich werde Sie schon hineinbringen, Sie und Ihre ganze Schar. Sagen Sie doch, wie geht es den Leuten dort unten? Wissen Sie noch, wie wir Nächte lang bei Ihnen im Zimmer zwischen den vielen dicken Büchern saßen und schwatzten? Das waren schöne Zeiten. . . . Aber jetzt besuchen Sie mich doch, da Sie nun einmal hier sind. Nicht wahr? Und jetzt kommen Sie." Der Fürst faßte den Rabbiner unter den Arm, und sie näherten sich dem Spalier. Die funkelnden Zylinder wurden gelüftet. Die schneeweißen Vorhemdchen verschwanden schier unter den gebückten Köpfen, die Glatzen schimmerten. Der Vorsteher richtet sich auf und öffnet den Mund. Aber der Fürst reicht ihm die Hand und klopft ihm dann gemütlich auf die Schulter. „Schon gut, schon gut, mein Bester. Ich weiß. Sie würden mir aber einen großen Gefallen tun, wenn Sie den Herrn Rabbiner, der mein alter, lieber Freund ist, auf einen sehr guten Platz führen wollten. Ihn und seine Schüler. Nicht wahr, Sie werden die Güte haben?" Der Statthalter sprach sehr höflich, a.ber in seiner Stimme lag jener besondere Klang, vor dem das ganze Land zitterte. „Zu Befehl, Durchlaucht," hauchte das Spalier wie aus einem Mundo. » * w Der Rabbi und seine zehn Jünger saßen in der ersten Reihe des Mittelschiffes und konnten sich vor Staunen und Bewunderung nicht fassen. Der alte Mann, der sein halbes Leben aufrecht und mit erhobenem Haupte, ein Führer, ein Lehrer und ein Richter, unter seinem Volke gestanden hatte, fühlte sich hier seltsam beklommen und fast gedemütigt. Den ungeheuren, fensterlosen Raum erfüllte kaltes, gelbliches Licht unzähliger elektrischer Lampen. Mächtige Säulen reckten sich in die Höhe, wo das emporblickende Auge sich verlor, und zwischen den. Säulen wölbten sich bald runde, bald spitze Bogen, die die oberen Galerien trugen. Was aber die Augen des alten Rabbi am stärksten anzog, das war die Bühne, die sich einige Schritte vor ihm erhob. Von der Mitte des Raumes, wo sie in altmodischen Synagogen stand, hatte sie hier den Sprung nach vorne gemacht und dehnte sich, von einer niedrigen Marmorbalustrade umgeben, unter einem schweren Purpurteppich bis tief in die Nische dort oben hinein. Ein Altar unter einer goldgestickten Decke erhob sich, drei große goldene Leuchter tragend, und hinter dem Altar — was war das nur? Ein Schrein? Eine Kapelle? In blinkend weißem Material wundersam zart und fein geschnitzt, schien es in der Luft zu schweben und umrahmte das Allerheiligste, die Bundeslade, die ein schwerer Vorhang in Goldbrokat verhüllte. Davor hing an einer silbernen Kette eine kleine Öllampe hernieder. . . . Wie groß und herrlich war das alles. Ein würdiger Tempel des großen Gottes. Und wie klein, ärmlich und wochentäglich erschien ihm die Synagoge dort unten in seinem Heimatstädtchen. Was er bedauerte, war nur, daß er sich nicht gehörig nach allen Seiten umwenden konnte, um alles genau in Augenschein zu nehmen. Ringsum herrschte tiefe Stille, obgleich die Reihen gedrängt voll waren und oben in den Frauengalerien es förmlich hell war von den vielen lichten Sommerkleidern und den blumengeschmückten weißen Hüten, die sich übereinander türmten. Alle saßen steif und stumm. Und wenn einer eine Bewegung machte, wurde er sofort zurechtgewiesen. Es streiften nämlich zwischen den Abteilungen auf den teppichbedeckten Gängen einige hochgewachsene kräftige Männer mit seltsamen Käppchen und in langen Talaren und hatten auf die Anwesenden ein wachsames Auge. Später Ankommende wurden von ihnen stillschweigend zu den leeren Sitzen geführt. Aller Augen waren in spannungsvoller Erwartung auf die Bühne gerichtet, als sollte dort ein ungewöhnlich sehenswürdiges Schauspiel beginnen. Aber die Bühne blieb noch immer leer, nur der Schrein im Hintergrunde blinkte weiß und der Vorhang schimmerte und leuchtete. Die Spannung steigerte sich und bemächtigte sich des alten Rabbi immer mehr, aber zugleich beschlich ihn ein seltsames Gefühl der Fremdheit. Diese Welt war so ganz verschieden von der, in welcher er seit seiner Kindheit geatmet. Er suchte vergebens in seiner Erinnerung, in seiner ganzen L. PILICHOW3KI PARIS. Wo ist Ruhe? Radierung nac1! dem im Besitz des Direktor Zand, Lodz, befindI-chen Oelgeniälde.