Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Die Einweihung des Tempels
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 2)
- Language
- German
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- L. PILICHOWSKI Müde Wanderer. (Im Besitz von Spokorny, Warschau). Lächeln des goldbetreßten Kastellans, der verachtungsvoll auf diese vorsintflutlichen Gestalten herabblickte, die ohne Karten Einlaß begehrten. ,,Ohne Karten darf niemand hinein," sagte der Polizeibeamte trocken, während er über die Köpfe der Gruppe hinwegschaute und das Karten besitzende Publikum hineinströmen ließ. Der Rabbi und seine zehn Jünger blickten einander in stummer Verwunderung an. Die meisten wollten einfach Kehrt machen. Aber der Alte war nicht gewöhnt, einen gefaßten Plan so leicht aufzugeben. Mit einer Handbewegung befahl er den jungen Leuten, dazubleiben. Sie fingen nun an, mit der Geduld und Langsamkeit von Kleinstädtern die prunkvolle Fassade des Gotteshauses zu betrachten und bemühten sich, die über dem Portai in goldenen verschnörkelten Lettern angebrachte Inschrift zu entziffern: „Das ist die Pforte des Ewigen, die Gerechten kommen da herein.46 „Nun verstehe ich es," scherzte einer, „nur Gerechte kommen da herein. Wer von uns ist ein Zaddik?" „Ich nicht, ich habe keine Karte/' antwortete der Alte, und alle lachten. Mittlerweile fuhren zahlreiche Karossen vor, die Festgäste brachten. Die funkelnden Zylinderhüte und die schneeweißen Vorhemdchen eilten jedesmal heraus und geleiteten unter tiefen Bücklingen die Ankommenden ins Vestibül. Endlich wurde es still. Der Platz hatte sich geleert, aber die Herren in Frack und Zylinder standen noch immer arn Eingang und warfen jedesmal unruhige Blicke nach beiden Seiten der Straße, als erwarteten sie noch einen wichtigen Gast. „Wollen wir's versuchen," sagte einer von den jungen Leuten. „Vielleicht gelingt es." Ein offener vierspänniger Wag^n rollte majestätisch heran. Zwei Herren in großer Staat^gala, mit goldenem Degenknauf an der Seite wurden sichtbar. „Seine Durchlaucht Fürst Lufnirski," ging ein aufgeregtes Flüstern durch das Vestibül des Tempels. „Seine Durchlaucht der Statthalter kommt." Die funkelnden Zylinder mit den schneeweißen Vorhemdchen stürzten heraus und bildeten Spalier. Einer trat