Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 165 - 166 (sequence 2)
- Language
- German
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165 Bar Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 166 Alte war sehr verwundert und sagte: „Was kannst du von irgend einem Wasserträger lernen, der gewiss kaum beten kann?* Aber da der junge Mann immer umherging als wäre er nicht auf dieser Welt und immer schlechter aussah, so ging das dem Alten zu Herzen und er sagte: „Weisst du was, wir fahren hin". Er liess anspannen. Doch unterwegs brach eine Achse und sie mussten umkehren. Sie fuhren ein zweitesmal aus, aber da legte ein Pferd sich hin und verendete und sie mussten umkehren. Das drittemal, als sie über eine Brücke auf einem tiefen Fluss fuhren, stürzte die Brücke ein und um ein Haar wären die Reisenden ertrunken. Als der Alte das sah, sagte er: „Mein Sohn, es scheint nicht der Wille des Himmels zu sein, dass du hinfährst. Lass uns umkehren, und sprechen wir nicht mehr von der Sache.w Aber nach einiger Zeit fing es wieder an, wie ein Wurm am Herzen des jungen Mannes zu nagen und er konnte es vor Sehnsucht nicht aushalten. Als der Vater seine Qualen sah, sprach er: „Gut, fahren wir hin." Und er liess anspannen. Sie fuhren ohne Hindernis ihren Weg. In einem Gasthaus machten sie Halt, und dort fanden sie einen Kaufmann, mit dem sie sich, wie üblich, in ein Gespräch einliessen. Sie erfuhren, dass der Kaufmann aus jener Stadt war, wohin die beiden fuhren. Der Alte fing an, den Kaufmann auszufragen, ob er dort jenen Wasserträger kenne, der in dem verfallenen Häuschen ausserhalb der Stadt wohne. Als nun der Fremde hörte, dass die beiden zu jenem Wasserträger reisten, da der junge Mann sein Schüler werden wollte, begann er sehr zu lachen und verspottete den Jungen, der sich mit solchen Dummheiten abzugeben gedachte. Was kann einer von einem alten Wasserträger lernen, der sein ganzes Leben tagaus tagein die .Wasserkannen in die Häuser bringt, nur mit Mühe lesen kann und am Sabbat in der Synagoge ganz hinten bei der Türe steht? Er riet ihnen ab, die Reise fortzusetzen und der junge Mann sollte die Zeit nicht verlieren und das Studium der Thora nicht wegen solcher Kindereien unterbrechen. Der Vater war bereit, umzukehren, aber der Sohn beharrte darauf, bis ans Ziel zu kommen. Da sprach der fremde Kaufmann: „Nehmt euch in acht, ich warne euch davor, jetzt die Eeise fortzusetzen, denn es ist ein Schneesturm im Anzug und das kann gefahrlich werden." Aber, obgleich es Winter war, so war doch das Wetter still nnd sie glaubten nicht, dass ein Schneesturm bevorstand. Sie machten sich also auf und fuhren davon. Einige Meilen entfernt brach ein schrecklich Ungewitter los. Der junge Mann starb auf der Stelle, und da es nicht mehr weit von jener Sradt war, brachte ihn sein Vater dorthin und dort wurde er begraben. Als ein Jahr um war, fuhr der Vater trauernd zum Grab seines Sohnes. Unterwegs begegnete er abermals demselben Kaufmann, der setzte sich zu ihm in den Wagen und fing an: „Ich habe euch im vorigen Jahre abgeraten, weiterzufahren, ihr folgtet mir nicht, und so musste dein Sohn sterben. Ich musste verhindern, dass dein Sohn mit jenem Wasserträger, der nun auch schon tot ist, zusammenkomme. Dieser war nämlich nur zum Schein solch ein gemeiner Mann, er war aber einer der sechsunddreissig Gerechten, die im Verborgenen bleiben. Wäre dein Sohn, der so jung schon eine so hohe Vollkommenheit erreicht hat, zu ihm gekommen und sein Schüler geworden, mir wäre es schlimm ergangen in der Welt.u Der Alte erschrak und fragte: „Wer seid ihr denn?" — „Ich bin Satan," antwortete der andere und auf der Stelle war er verschwunden. kirn) dem ein schon im Talmud (Sukkah 45b) erwähnter Volksglaube zum Grunde liegt. Ein grosser Teil dieser Sagen hat, ebenso wie diejenigen über Eliah, den Propheten durch die Chassidirn eine starke Alterdation erfahren. Die 36 im Verborgenen blühenden Gerechten mussten den eha^sidischen Zaddikim, die eine möglichst grosse Publizität anstrebten, eine starke Konkurrenz bieten, zumal seitdem der „Grosse Maggid" die Theorie ausgebildet hatte, dass der „Rebbe" allein den Anspruch erheben darf, die Stütze der Welt zu sein. Ob dieses Widerspruchs entstanden Zweifel unter den Gläubigen, die ein berühmter Zaddik durch folgendes Diktum zu beschwichtigen suchte : „Na, das wäre nicht übel, wenn wir in Wirklichkeit nichts weiter wären, als was wir scheinen!a Das soll heissen, wir sind eben die 36 Zaddikim, wenn wir bekannt und berühmt sind, so enthüllt unser Ruhm doch nur einen verschwindenden Teil dessen, was wir in Wahrheit sind, der grösste Teil davon bleibt profanen Blicken verborgen. Viele alte Sagen von den 36 Gerechten wurden jedoch in chassidischem Sinne umgearbeitet, und der Rebbe trat an die Stelle des „Nisthar*', so wie ihm in den umgestalteten Eliah-Sagen die Rolle des Propheten zugeteilt wurde. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die chassi- •«v. Anmerkung: Diese Sage gehört zu dem Zyklus von den „Sechsunddreissig Gerechten" (Lammed-waw Zaddi- L. PILICHOWSKI Portraitstudien. PARIS