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Ost und West · 1908-03-01 · Heft 3 (März 1908) · p. Seite 167 - 168

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 3 (März 1908)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1908-03-01
Page
Seite 167 - 168 (sequence 3)
Language
German
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167 Bar Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 168 dische Umarbeitung der vorliegenden Sage, wie sie unter Nr. 8 der 13 Erzählungen enthaltenden Sammlung „ Sippure Maharan" von Rabbi Nachman aus Braclavv, vorkommt. Rabbi Nachman gab der Geschichte sogar eine Wendung gegen die Vertreter des strikten Talmudismus, die Rabbiner, indem er den Vater des jungen Mannes Rabbiner sein lässt, sodass dieser dem Zaddik gegenüber als Repräsentant eines minderwertigen Prinzips erscheint. Der Streit zwischen den Chassidim und Misnaggdiin w*r zurzeit Xaehmans heftig entbrannt. Uebrigens sind alle 13 Erzählungen des Rabbi Nachman nichts als mehr oder minder ungeschickte und gescnmacklose mit kabbalistischen Floskeln versehene Bearbeitungen bekannter Volkssagen, von denen einige sogar schon literarisch fixiert waren." Eine von ihnen geht auf die mittelalterliche Märtyrer Chroniken zurück. — Beachtenswert ist der Volksglaube, dass noch ein siebenunddreissigter Zaddik nisthar gleichsam als Ersatzmann für den Fall eines plötzlichen Todes eines der Sechsunddreissig lebt. Diese Vorstellung geht, wenn ich mich nicht irre, auf Chajjim Vital zurück. DIE EINWEIHUNG DES TEMPELS. Novelle von B inj am in Segel. Nachdruck verboten. Der Rabbi und seine zehn Jünger bahnten sich mit Mühe einen Weg durch die wogende, festliche Menge, welche die ragenden Mauern des neuen Tempels umflutete. Es war Freitag nachmittags, und eine herrliche Maisonne beschien die starren Häuserreihen rings um den weiten Platz, entzündete ein schimmerndes Gefunkel hoch oben an der vergoldeten Kuppel des Tempels und spiegelte sich in den Augen der drängenden, rauschenden Menschen, die ungeduldig des Augen blicks harrten, da die hohen Tore des Heiligtums sich öffnen würden, um hineinzuströmen und das Fest der Einweihung zu feiern. Und der Rabbi und seine Jünger bahnten sich mit Mühe einen Weg durch die bunte, festlich gekleidete Menge, die mit verwunderten und spöttischen Blicken die fremden Gäste musterte, welche aussahen, als kämen sie aus einer fernen Welt. Voran der Alte in seiner altfränkischen, stark abgenutzten Zobelmütze, um die breiten aufrechten Schultern einen schwarzen, verblichenen, lang herabwallenden Atlasmantel, in dem von weißem Bart und Schläfenlocken eingerahmten Gesicht ein Paar energischer, fast gebieterisch dreinblickender Augen. In seinem Gefolge einige schlanke L. PILJCHOWSRT Salomo. '(Radierung nach dem Gemälde.) frische Jünglingsgestalten, in altfränkischen, schlecht anliegenden oder verschlissenen Kaftans steckend, lachende Gesichter unter den breitkrämpigen Samthüten und blitzende Augen, die etwas befangen dreinschauten, und in die manche Großstädterin einen verstohlenen, neugierigen Blick warf. Es waren da aber auch einige magere Asketenfiguren mit leidenschaftlichen Bewegungen und eigensinnigen Köpfen, andere wieder waren schlottrig, mit bleichen Gesichtern und gekrümmten Schultern und schienen in den Falten der langen Pekesche Jahrhunderte von Not, Elend und Moder zu tragen. Über ihnen allen lag es wie ein altertümlicher Staub, wie Rost und Schimmel verschollener Zeiten. Und sie stachen seltsam ab von den glitzernden Mauern ringsum, von dem Prunk der Auslagen, den schmucken Linien der Türmchen und Säulen des Tempels und von den eleganten Gewändern des versammelten Publikums. Sie hatten sich aus der weiten Entfernung aufgemacht, waren zwanzig Meilen weit von ihrem weltvergessenen Neste zu Fuß nach der Hauptstadt gewandert, um die Einweihung des neuen Tempels zu sehen, von dem im ganzen Lande Wunderdinge erzählt wurden und der ein neues Zeitalter einleiten sollte. Eine neue, verjüngte Lehre sollte von ihm ausgehen, und die Geister weit unten in der Provinz waren erregt und aufgestachelt. Den Rabbi und seine zehn Jünger aber litt es nicht länger in ihrem verfallenen Städtchen, bis sie hieher kamen, um mit eigenen Augen das Wunder zu schauen. Alle warteten ungeduldig, bis die hohen Pforten sich von innen auftaten. Zu beiden Seiten pflanzten sich zwei Polizeibeamte auf, daneben ein feierlicher Kastellan, breitschultrig, in goldbetreßter Uniform, einen szepterähnlichen Stab in der Rechten. Im Vestibül wurden einige funkelnde Zylinder* hüte sichtbar, Fräcke und blütenweiße Yorhemdchen eilten hin und her. Die Menge fing an hineinzuströmen. Mitgezogen von dem Strom, stand das Häuflein der Fremden bald vor der Schwelle des Heiligtums. Die weißbeschuhte Hand eines Polizisten streckte sich dem Alten entgegen. „Karten!" „Karten? Wa — was meinen Sie damit?'c Er bemerkte nicht das spöttische PABIS.

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