Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 3 (März 1908)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583971-2597915--08122-2597973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 KU AUS DER JUEDISCHEN SAGEN- UND MÄRCHENWELT. Die Sechsunddreissig Gerechten. Mitgeteilt von Bar-Ami. Nachdruck verboten. Seitdem die Menschen auf der Welt verdorben worden sind und angefangen haben, sich der Sünde zu ergeben, hat Gott gefügt, dass in jedem Zeitalter sechsunddreissig Gerechte leben, die im Verborgenen bleiben. Sie gehören zu den ärmsten und geringsten Leuten im Volk, und keiner unter den Menschen ahnt, dass sie die Stützen der Welt sind, die sie durch die Reinheit ihres Lebens und durch ihre Fürbitte vor Gottes Zorn bewahren, der längst niedergezuckt wäre, ob der vielen schrecklichen Sünden, die da unablässig geschehen. Der eine von den sechsunddreissig Gerechten ist ein Lastträger, der andere ein Wasser führer, der dritte ein Flickschuster, der vierte ein Abheber oder dergleichen. Bei Tag geht jeder von ihnen seiner ärmlichen Beschäftigung nach und kümmert sich anscheinend um nichts in der Welt. Xachts aber, wenn die ganze Welt schläfr, vertiefen sie sich in die heilige Lehre, deren Geheimnisse alle ihnen offenbar werden, sie beweinen und beklagen die ,««••• * * M I U 1 ■ h PILICIIOWSKI Poesie und Prosa. (Im Pesitze des Dr. Bacr, Wiesbaden). PARTS Sünden der Menschen und beten zu Gott, dass er den Frevlern vergebe. Wenn alle sechsunddreissig Gerechte zusammen kommen können, um ihre Gebete und ihre heilige Kraft zu vereinen, so würden sie die Erlösung herbeiführen und Messias würde kommen müssen. Aber da die Zeit des Messias noch nicht da ist, so fügt es der Himmel, dass sie, trotz der Sehnsucht nach einander, fern von einander bleiben müssen. Und kein Mensch erfährt etwas von ihrem stillen Gebahren, nur zuweilen wird einem, der dessen würdig ist, ein kurzer Blick in ihr Geheimnis gewährt. Aber gleich ist Satan dahinter und so mancher hat schon dieses kurze Glück mit dem Leben bezahlt. Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen einzigen, gar wohlgeratenen Sohn. Schon als er ein kleiner Knabe war, könne man wessen, dass einmal aus ihm was Rechtes werden würde. Sein Vater sparte kein Geld und hielt ihm die besten Lehrer, und als der Knabe heranwuchs, konnte er sich mit den grössten Gelehrten der Umgegend in der Kenntnis der Thora messen. Sein Ruf drang in die Ferne und aus entlegenen Städten kamen Abgesandte und wollten ihn zum Rabbiner erwählen. Aber der Vater gab es nicht zu und sagte: Mein Sohn soll, so lange es ihm behagt, ruhig unter meinem Dach bleiben und sich in der Lehre vervollkommnen; nachher verheiratete er ihn, und räumte ihm ein besonderes Zimmer ein, in welches viele gelehrte und heilige Bücher geschafft wTurden, so dass der junge Mann dort ganz ungestört nach Herzenslust lernen und forschen und Gott dienen konnte. Eines Tages fuhr er mit seiner jungen Frau nach einer fernen Stadt zu Verwandten auf eine Hochzeit, und als sie heimkehrten, kamen sie in der Nacht an einem kleinen verfallenen Häuschen vorbei. In dem Häuschen brannte ein trübes Licht, dessen Schein durch das verhängte kleine Fensterchen kam, und heraus drang eine Stimme, die gar wundersam klang. Dort drinnen musste einer lernen und beten. „Hörst du die Stimme?" frug der junge Mann die Frau. Aber sie antwortete: „Ich höre nichts!" Er frug den Fuhrmann, ob er die Stimme vernehme, aber auch er hörte nichts. Das war dem jungen Mann ein grossses Wunder und er erkundigte sich, wer in dem verfallenen Häuschen wohnte. „ Ach, da wohnt ein armer Wasserträger," erklärte ihm der Fuhrmann, „der trägt den ganzen Tag Wasser in die Häuser der Stadtbewohner. Jetzt liegt er wohl auf seinem Strohsack und schnarcht.4, Sie fuhren von dannen, aber dem jungen Mann war die Stimme so zu Herzen gedrungen, dass er sie nicht vergessen konnte. Daheim dachte er immer mehr daran und sagte sich, dahinter steckt etwas. Aron nun an erschien ihm sein ganzes Treiben leer und zwecklos, weder im Lernen noch im Beten konnte er den richtigen Taam (Geschmack, Gefühl) wiederfinden. Er ging immer sinnend herum und sehnte sich nach jenem verfallenen Häuschen und der Stimme, die daraus erscholl. Das Herz sagte ihm, dass er nur auf diesem Wege Vollkommenheit erlangen könnte. Der Vater fragte ihn: „Was fehlt dir, mein Sohn?'4 Aber er wusste nicht, was er antworten sollte, denn er schämte sich lange, seine Sehnsucht einzugestehen. Endlich gestand er seinem Vater, dass er nach jener Stadt fahren wolle, um den Wasserträger in dem verfallenen Häuschen zu sehen und mit ihm bekannt zu werden. Er wolle sein Schüler werden, um Vollkommenheit zu erlangen. Der