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Ost und West · 1908-02-01 · Heft 2 (Februar 1908) · p. Seite 111 - 112

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 2 (Februar 1908)
Article
In der Verbannung
Date
1908-02-01
Page
Seite 111 - 112 (sequence 6)
Language
German
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111 Adam Szymanski: In der Verbannung. 112 Der Jude machte eine unwillige Bewegung. „Also das interessiert dich nicht?" „Ich habe niemals an diese Dinge gedacht", gestand er offenherzig. „Ah, jezt weiß ich, was dich angeht. Du möchtest gewiß erfahren, wie es den Leuten dort geht, wie der Handel steht?" „Ihnen geht es jedenfalls besser als mir." „Richtig. Dann möchtest du sicherlich wissen, ob das Leben bei uns teuer oder billig ist, wie hoch die Preise auf den Märkten stehen, wieviel man für Mehl, Fleisch u. s. w. bezahlt?" „Was würde mir das nützen, da ich mir hier doch nichts kaufen kann?" „Noch richtiger, aber schließlich, was zum Teufel willst du von mir?" „Ja, sehen Sie, Herr, ich weiß nämlich nicht, wie ich das sagen soll. Sehen Sie, zuweilen denk ich und denke, daß Rifka, meine Frau, zu mir sagt: Srul, was ist dir? Was soll ich ihr sagen, da ich doch selber nicht weiß, was mir ist? Die Leute würden mich vielleicht gar auslachen" fügte er hinzu, gleichsam forschend, ob ich nicht auch lachen werde. Aber ich lachte nicht. Meine Neugierde war angeregt. Offenbar bedrückte ihn etwas, wovon er sich selber keine Rechenschaft geben konnte, und das in der ihm nicht ganz geläufigen Sprache auszudrücken ihm nicht leicht fiel. Um ihm zu Hilfe zu kommen, beruhigte ich ihn, daß es keine Eile hätte, daß meine Arbeit nicht dränge, und daß es mir keinen Schaden machen würde, wenn wir uns länger unterhielten, und was noch dergleichen Redensarten mehr sind. Er dankte mir mit einem Blick, und nach einer Weile fing er an : „Wann sind Sie von Warschau abgereist?" „Gegen Ende April." „War es dort kalt oder warm?" „Vollständig warm. Anfangs trug ich Sommerkleider." „Nu, sehen Sie, und hier sind Fröste." „Was ist das, hast du schon vergessen, daß bei uns im April die Felder schon bestellt sind und alle Bäume grünen?" „Grünen?" Freude leuchtete in Sruls Augen. „Ja, ja, alles grünt dort, und hier ist Frost." Jetzt ahnte ich schon, um was es ihm zu tun war; aber um mich zu versichern, schwieg ich. Der Jude wurde immer lebendiger. „Nu, sagen Sie mir, bitte, gibt es bei uns , . . aber sehen Sie, ich habe schon vergessen, wie das heißt, ich kann nicht mehr gut Polnisch", entschuldigte er sich beschämt, als ob er jemals gekonnt hätte, „es ist so weiß wie Erbsen, aber doch keine Erbsen, es wächst bei den Häusern, an solchen großen Stangen ..." „Bohnen?" „Ja, ja, Bohnen, Bohnen, das wollte ich eben sagen", wiederholte er einige Male, als wollte er sich das Wort für ewig einprägen. „Versteht sich, daß es gibt, und zwar viele; gibt es denn hier keine?" „Hier? Seit drei Jahren habe ich kein einziges Körnchen gesehen; hier gibt es Erbsen, wie sie bei uns, mit Verlaub, die . . . die ..." „Die Schweine fressen", ergänzte ich. „Na, ja. Hier verkauft mans auf Pfund, aber man kanns nicht immer bekommen." „Issest du so gerne Bohnen?" „Das weniger, aber ich denke mir öfters, daß es so schön ist, wenn das beinahe wie ein kleines Wäldchen um das Haus herum wächst. Hier gibts nichts." „Und jetzt", fing er wieder an, „sagen Sie mir noch, ob es im Winter bei uns noch diese kleinen, ganz kleinen", hier zeigte er mit dem Finger, „Vögelchen gibt; ich habe schon wieder vergessen, wie sie heißen. Früher gab es ihrer viele. Zuweilen geschah es, ich stehe beim Fenster und bete, und diese kleinen Dinger kamen in ganzen Haufen herbei. Na, aber wer würde diese Geschöpfe beachten? Wissen Sie, ich hätte, niemals geglaubt, daß ich daran denken würde. Denn hier, hier fliegen ja seihst Krähen im Winter davon, und vollends diese winzigen Geschöpfe würden es ja gar nicht aushalten hier. Aber bei uns sind sie gewiß da, nicht wahr, Herr, sie sind da?" Aber jetzt antwortete ich ihm nicht mehr, ich zweifelte nicht länger, daß dieser alte Jude, dieser strenggläubigeChassid, sich ebensogut nach der Heimat sehnte wie ich, daß wir beide an derselben Krankheit litten. Dieses unerwartete Finden eines Leidensgenossen erschütterte mich tief, ich faßte den Juden bei der Hand und fing an, ihn meinerseits auszufragen: „Also davon wolltest du mit mir sprechen? Du denkst also weder an die Menschen, noch an dein eigenes trübes Schicksal, an das Leid, welches dich bedrückt, sondern du sehnst dich nach der Sonne, nach der Luft, nach der heimatlichen Erde? . . . Du denkst an die Felder, an die Wiesen und Wälder, an ihre Bewohner, die du in deinem armen Leben nicht einmal Zeit gehabt hast, kennen zu lernen, und jetzt, da die lieben Bilder aus deinem Gedächtnis zu verschwinden beginnen, fürchtest du die Leere, die dich umgeben, die Öde und die Verwaisung, die dich treffen würde, wenn die teuren Erinnerungen verblassen. Du willst also, daß ich deinem Gedächtnis zu Hilfe komme, daß ich diese Erinnerungen auffrische und dir erzähle, wie unsere heimatliche Erde ist?" . . . „Ach ja, Herr, ja Herr, deswegen bin ich gekommen ..." und er drückte meine Hände und lachte freudig wie ein Kind. „Höre also, Bruder!" Und Srul lauschte, ganz Ohr, mit offenem Munde, den Blick auf mich geheftet; dieser Blick brannte und erregte mich, riß mir die Worte von den Lippen, die mein begieriger Hörer schlürfte und tief auf dem Grunde seines glühenden Herzens verbarg . . . Als ich zu Ende war, stöhnte der Jude schmerzhaft: „O, weh mir, o, weh mir!". Sein Bart erbebte und große, reine Tränen rannen über sein abgehärmtes Gesicht! . . Und lange noch schluchzte der alte Chassid und ich weinte mit ihm ... * *

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