Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- In der Verbannung
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 113 - 114 (sequence 7)
- Language
- German
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113 Adam Szymanski: In der Verbannung. 114 Seit jener Zeit ist viel Wasser in der kalten Lena dahingeflossen und viele menschliche Tränen sind über die Wangen der Leidenden geronnen. Und heute noch, obgleich das schon sehr lange her ist, in schlaflosen Nächten, taucht oft vor meinen Augen das wie in Stein gemeißelte Antlitz Baldygas auf, mit dem Stigma unendlichen Schmerzes behaftet, und daneben erscheint das vergilbte und gerunzelte, mit reinen Tränen begossene Gesicht Sruls. Und wenn ich diese nächtlichen Gesichte länger betrachte, scheint es mir oft, daß ich sehe, wie die bleichen Lippen des Juden sich bewegen, und eine verzweifelte Stimme flüstert neben mir: „0 Gott, warum strafst du so hart einen deiner treuesten Söhne?" KOENIG OSKAR IL VON SCHWEDEN. Von Dr. M. Fried. Nachdruck verboten. Das schwedische Volk betrauert innig seinen alten geliebten König Oskar II. „Unser alter König ist nicht mehr," oder: „Dahingegangen ist er, der Geliebte des Volkes" las man in den hiesigen Tagesblättern oft nach dem Heimgange des Königs. Und es lag so viel in diesen Worten. Der König war alt — er wäre am 21. Januar 79 Jahre alt geworden — aber er war mehr gebeugt unter der Last des Kummers, als unter der des Alters. Die Unverträglichkeit zwischen den Schweden und Norwegen und der endliche Abfall Norwegens von seiner Krone lasteten schwer auf dem alten König und verdunkelten gleich trüben Wolken die letzten Jahre seines Lebens. Aber diese Tatsache bewirkte anderseits, dass man die wahre Humanität dieses Fürsten so recht erkennen und schätzen lernte. Unvergleichlich edel hat er gehandelt, indem er, um seinem Volke und Lande den Frieden zu erhalten, auf seine Rechte in Norwegen verzichtete. Das schwedische Volk liebte nun Oskar II. noch einmal so sehr, als es ihn bisher geliebt hatte. In dieser Liebe und Verehrung gegen ihren Herrscher standen die Juden in Schweden ihren christlichen Mitbürgern nicht um Haaresbreite nach. Wussten sie es doch am besten, dass er allen seinen Untertanen ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung in gleicher Weise Hecht und Gerechtigkeit wiederfahren Hess. Die Gleichstellung der Juden in Schweden ist nicht auf dem Papiere geblieben, wie in anderen Ländern Europas. Und wenn hier Tausende aus Russland mit dem nackten Leben geflüchteter Juden leben und durch schwere Arbeit ihr Brot verdienen können, so ist es vor allem dem Umstände zu verdanken, dass jeder Schwede den humanen Sinn seines Königs kannte und wusste, dass letzterer auch gegen die Juden von unveränderlichem Wohlwollen erfüllt war. Wie er von jedem Vorurteil gegen unsere Glaubensgenossen frei gewesen ist, mögen folgende Beispiele zeigen: unter seiner Regierung war ein Jude — Herr S. Rubenson — fünfzehn Jahre Polizeipräsident in Stockholm. Als dieser nach seiner Ernennung den König darauf aufmerksam machte, dass er Jude sei, antwortete der König: „Das ändert nichts an der Sache." Ferner ist es hier in Stockholm allgemein bekannt, dass der hiesige Rabbiner, Herr Professor Dr. G. Klein zu den wenigen Vertrauenspersonen Oskar II. gehörte. Er durfte eine Zeitlang vor dem Könige wissenschaftliche Vorträge halten über die Propheten und auch über die Entstehung des Christentums. Der König gab ihm oft Themata, die er beantwortet wissen wollte, und forderte ihn auf, sich in seinen Ausführungen von keinen anderen, als rein wissenschaftlichen Rücksichten leiten zu lassen. Mit ihm besprach der König auch oft seine philosophischen Essay es, die er in seinen Mussestunden zu Papier brachte Ja, in philosophischen und religiösen Fragen war Professor Klein der Beirat des Königs Oskar II. Dabei dart man nicht vergessen, dass der schwedische Herrscher zugleich summus episcopus der schwedischen Kirche ist, wessen Oskar II. sich stets bewusst war. Wir schliessen mit dem Satze der heiligen Schrift: „Das Andenken des Gerechten ist zum Segen." (Spr. 10, 7.)