Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- In der Verbannung
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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109 Adam Szymanski: In der Verbannung. 110 „Nein, mit Frau und Kind, einer Tochter nämlich. Vier hatte ich, aber das ist eine Reise, daß sich Gott erbarme. Wir gingen ein ganzes Jahr. Wissen Sie, mein Herr, was das heißt, Etappen? . . . Drei Kinder starben mir auf einmal, in einer Woche nämlich, das ist ja, wie auf einmal. Drei Kinder!!! Eine Kleinigkeit zu sagen ... Es war nicht einmal, wo sie zu begraben, denn dort gibt es keinen jüdischen Friedhof . , . Ich bin ein Chassid", fügte er leise hinzu, „Sie wissen wohl, was das heißt, ich hüte das Gesetz . . Und Gott straft mich so hart ..." Er schwieg erschüttert. „Mein Lieber, in einer solchen Lage kann man an derlei Dinge nicht denken. Das ist im Grunde alles eins. Überall ist ja Gottes Erde", bemühte ich mich, ihn, so gut es ging, zu trösten. Doch der Jude sprang empor, wie abgebrüht. „Gottes Erde? Wieso Gottes? Was für Erde Gottes? Was sagen Sie? Eine Hundserde ist das! Pfui, pfui! Gottes Erde? Reden Sie nicht solche Sachen! Schämen Sie sich! Gottes Erde, die niemals auftaut? Das ist eine verfluchte Erde! Gott will nicht, daß hier Menschen wohnen. Wenn er wollte, wäre sie nicht so. Verflucht, niederträchtig ist sie, diese Erde! Pfui, pfui!" Er fing an auszuspucken, stampfte mit den Füßen, mit zusammengepreßten Zähnen und krampfhaft geballter Faust drohte er der unschuldigen jakutischen Erde, flüsterte glühende Flüche, bis er, erschöpft von ~ , •» •# PISA (Dom). Opferung Isaks. A. DEL SARTO DEESDEX. Opferung Isaks. der Anstrengung auf den Sessel zu meiner Seite O 01 niedersank. Alle Verschickten, ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Nationalität, lieben Sibirien nicht. Doch diese kräftige Natur schien nicht geteilt hassen zu können. Ich wartete, bis er beruhigt war. Der in einer harten Lebensschule erzogene Jude bemeisterte bald seine Aufregung, und als ich ihm nach einer Weile fragend in die Augen blickte, antwortete er mir sofort: „Verzeihen Sie, bitte, ich spreche hier mit niemandem davon, denn mit wem sollte ich sprechen?" „Gibt es denn hier keine Juden?" „Sind das Juden, Herr? Keiner von ihnen hütet das Gesetz . . ." Da ich einen neuen Ausbruch fürchtete, ließ ich ihn nicht zu Ende kommen und beschloß, das Gespräch abzukürzen. Daher fragte ich ihn direkt, worüber er mit mir sprechen wollte. ,,Ich möchte erfahren, was man dort hört, Herr. Ich bin schon so viele Jahre hier und habe noch nicht gehört, was dort vorgeht, Herr." „Du fragst aber etwas wunderlich. Ich kann dir doch nicht alles auf einmal erzählen. Ich weiß nicht, was dich interessiert. Vielleicht die Politik?" Er schwieg. In der Meinung, daß mein Gast sich für die Politik interessiere, ohne den Namen dieses Gegenstandes zu kennen, fing ich an, die infolge der häufigen Wiederholung bei mir stereotyp gewordene Schilderung herzusagen, indem ich mich über die Lage Europas und die unsrige verbreitete.