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Ost und West · 1908-02-01 · Heft 2 (Februar 1908) · p. Seite 107 - 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 2 (Februar 1908)
Article
In der Verbannung
Date
1908-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 4)
Language
German
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107 Adam Szymanski: In der Verbannung. 108 G. 13. PIAZETTA DRESDEN. Opferung Isaks. Städtchen gesehen, der wird ihn nicht nur in jakutischer, sondern auch in patagonischer Vermumrnung wiedererkennen. Und da ich ihm, wie gesagt, meine Frage halb unbewußt hingeworfen hatte, wurde durch sein Erscheinen mein Brüten nicht brutal unterbrochen, der Kontrast war nicht allzu schneidend. Im Gegenteil. Ich betrachtete die mir wohlbekannten Züge mit einem gewissen Wohlbehagen. Das Auftauchen eines Juden in dem Moment, da ich mit Herz und Gedanken in der Heimat weilte, war etwas ganz Natürliches, und ein paar Worte in polnischer Sprache waren meinem Ohre angenehm; Noch immer traumverloren, betrachtete ich ihn also wohlwollend. Der Jude verweilte ein wenig, dann wandte er sich um, trat zur Tür und fing an, eilig seine Hüllen auszuziehen. Erst Jetzt besann ich mich, daß ich ihm nicht geantwortet hatte, und befürchtete, daß mein Landsmann, mein Schweigen fälschlich deutend, vor mir seine Ware auskramen möchte. Ich beeilte mich, ihn von dem Irrtum zu befreien. „Um Gotteswillen, Mensch, was machst du?" rief ich lebhaft. ,,Ich kaufe nichts, ich habe nichts nötig, mache dir keine unnütze Mühe und gehe mit Gott deiner Wege." Der Jude hörte mit dem Auskleiden auf, sann eine Weile und seine Docha*) hinter sich verschleppend, trat er näher und fing an mit abgebrochener Stimme hastig und ungeordnet zu reden: *) Sibirischer Pelz. ,,0, das tut nichts, ich weiß, daß Sie nichts kaufen werden. Sehen Sie, Herr, ich bin hier schon lange, sehr lange .... Ich wußte bisher nicht, daß Sie gekommen sind. Sie sind doch aus Warschau, nicht wahr? Erst gestern sagte man mir, daß Sie hier schon mehr als vier Monate sind. Wie schade, daß ich dies so spät erfuhr! Ich wäre sogleich gekommen. Heute suchte ich Sie eine Stunde lang. Bis ans zweite Ende der Stadt bin ich gegangen, und da ist ein Frost, daß ihn der Dreiteufel . . . Erlauben Sie mir, ich werde Sie nicht lange stören, nur ein paar Worte ..." „Was willst du also von mir?" „Ich möchte nur ein wenig mit ihnen plaudern." Diese Antwort wunderte mich gar nicht. Ich war vielen Leuten begegnet, die kamen, um mit einem vor kurzem aus der Heimat Angelangten ein wenig zu plaudern. Es waren unter ihnen auch Juden. Diese Neugierigen interessierten sich für die verschiedensten Dinge. Es waren unter ihnen leere Schwätzer, es waren solche, die nur nach ihren Verwandten fragten, es gab auch Politiker, von denen so manchem schon ganz wirr im Kopfe geworden war. Im allgemeinen jedoch gaben sie alle der Politik den besonderen Vorzug. Doch befremdete mich das Verlangen meines Gastes gar nicht, und obgleich ich meine Stube schleunigst von dem unangenehmen Geruch der Docha zu befreien wünschte, bat ich ihn doch höflich, abzulegen und Platz zu nehmen. Der Jude war sichtlich erfreut; nach einer Weile saß er neben mir, und jetzt konnte ich ihn genauer betrachten. Alle Züge, die geeignet sind, einem Gesichte das Gepräge der Häßlichkeit zu geben, schienen sich in meinem Besucher vereinigt zu haben. Er hatte eine dicke, birnenförmige, etwas schief geratene Nase, durchdringende Habichtsaugen und einen keilförmigen Bart von der Farbe einer reifen Gurke; endlich eine niedrige Stirne, von dicken Haaren umgeben. Alles das hatte mein Gast, und doch machte mir seine Erscheinung im allgemeinen einen angenehmen Eindruck, da sie von dem Ausdrucke großer Leiden verschönt war und außerdem Treuherzigkeit und Wohlwollen verriet. „Sag' mir also, woher du bist, wie du heißt, was du treibst, und was du von mir erfahren willst." „Ich bin Srul (Israel) aus Lubartow, Herr, vielleicht wissen Sie, das ist ganz nahe bei Lublin. Nu, sehen Sie, bei uns glauben alle, daß das sehr weit ist, früher glaubte ich auch so, aber jetzt", fügte er mit Nachdruck hinzu, „jetzt wissen wir, daß es von Lubartow nach Lublin sehr nahe, ganz nahe ist/ f „Bist du schon lange hier?" „Sehr lange, beinahe drei Jahre." „Aber, das ist ja noch gar nicht so lange. Ich habe welche gesehen, die schon mehr als zwanzig Jahre hier wohnen; unterwegs ist mir ein Greis aus Wilna begegnet, der seit fünfzig Jahren hier ist. Das kann man lange nennen." Der Jude war entrüstet. „Was jene anbetrifft, so weiß ich nichts, aber ich, ich bin schon sehr lange hier." „Du bist sicherlich allein, daher kommt dir die Zeit so lange vor."

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