Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Jüdische Bücher-Sammlungen in alter und neuer Zeit
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 85 - 86 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583970-2597767--08006-2597844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
85 A. Benesra: Jüdische Büchersammlungen in alter und neuer Zeit. 86 schichte und Kulturgeschichte der Juden in Osteuropa dienen könnten. Es bedurfte nur noch eines Schrittes, um diese Liebhaberei auf die gesamte jüdische Literatur auszudehnen. Friedland gewann in der Person des Samuel Wiener einen Bibliothekar von seltener Gelehrsamkeit und Umsicht. Mit der Zeit vereinigte er in seiner Sammlungungefähr 14000 hebräische Drucke, darunter 32 Inkunabeln (vor 1492), ausserdem 300 handschriftliche Codices, die etwa 1000 Werke enthalten. Hieher mündeten einzelne kleinere, aber in ihrer Art hervorragende Bibliotheken früherer Sammler, wie Isaak Ber Bampi und Elieser L. Rabbinowicz in Minsk, Schemaria Zuckermann in Mohilew am Dnieper, David Slucki in Warschau, Josef Masel in Wiasun bei Wilna, Mendel Landesberg in Krzemieniec Podolski (diese Bibliothek hatte noch Isaak Ber Levynsohn benützt), 50 Bände Handschriften aus der Hinterlassenschaft des bekannten Historikers und Publizisten Samuel Josef Fünn in Wilna und die seltene, in ihrer Art vielleicht einzige Kollektion von Bibeln aus dem Nachlass von Michael Lewi in Innowraclaw. Die kabbalistische und chassidische Literatur soll, wie es heisst, in der Friedlandiana in nahezu lückenloser Vollständigkeit enthalten sein. Es kommt bisweilen vor, dass ein Buch wegen der Schicksale, die es durchgemacht, der geschichtlichen Ereignisse, deren Zeuge es war, interessanter ist, als wegen seines Inhaltes. Die Kandbemerkungen und Aufschriften der ehemaligen Besitzer können wichtiger sein, als der Text. Derartige Bücher besitzt die Friedlandiana eine Menge, manche mit Aufzeichnungen von historischen Persönlichkeiten, wie Josef Salomon del Medigo, Chajjim Josef David Azulai, Simson Wertheimer, Eliah Gaon von Wilna. Die Duplikate, etwa 1500 an der Zahl, vermachte Friedland dem grossen Bet-Hammidrasch in seiner Vaterstadt Dünaburg, die ganze Bibliothek aber dem der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg gehörenden Asiatischen Museum, wo sie, im Vereine mit dem bisherigen Besitzstand an hebräischen Büchern, wie auch den neu hinzukommenden, für ewi^e Zeiten den Namen des Begrüuders zu führen hat. Wenn wir noch die etwa 30U0 Jargonbücher hinzurechnen, die schon im Jahre 1892 im Besitz der Akademie waren und die für die Sittengeschichte und Volkskunde der Juden so ungeheuer wichtig sind, so wird es wohl nicht zu hoch gegriffen sein, wenn wir die Zahl der im Asiatischen Museum befindlichen hebräischen Bücher auf dreissigtausend anschlagen. (Ausserdem besitzt die Akademie eine überaus reichhaltige Sammlung von „Judaica" in allen Sprachen) Die russische Regierung hat grossmütig dem Bibliothekar Herrn Samuel Wiener das lebenslängliche Aufenthaltsrecht in Petersburg verliehen, wo er im Auftrage der Akademie einen meisterhaft bearbeiteten Katalog der Friedlandiana von grossem Umfange und erschöpfendem Inhalt herausgibt. Diese Bibliothek hat nur den einen Fehler, dass sie einem jüdischen Forscher, der nicht das Glück hat, russischer Untertan zu sein, unzugänglich ist, und auch russischen Juden nur, insofern sie das Wohnrecht in Petersburg haben. Zum Lobe der Akademie sei jedoch erwähnt, dass sie sich stets sehr liberal erwiesen hat und dass deren Präsidium sich allemal mit grosser Energie eingesetzt hat, einem jüdischen Gelehrten den Aufenthalt in Petersburg zu ermöglichen. Neben der Friedlandiana verdient die (einstige) Merzbacheriana erwähnt zu werden. Sie wurde von dem im Jahre 1885 verstorbenen Münchener Bankier Abraham Merzbacher gegründet. Dieser sammelte ursprünglich nur alte Ausgaben des Talmud, um dem rühmlich bekannten Forscher Raphael Nathan Rabbinowicz (aus Litauen) die kritischen Studien zum talmudischen Text zu ermöglichen, aus denen das auf Merzbachers Kosten herausgegebene Monumentalwerk „Dikduke Soferim" (Variae Lectiones) in 16 Bänden hervorgegangen ist. Schliesslich sammelte er auch Bücher anderen Inhalts, deren Anzahl, laut dem im Jahre 1888 herausgegebenen Verzeichnisse, sich auf 1334 Werke belief, darunter zahlreiche Inkunabeln, Unikate, Seltenheiten, wie auch 156 handschriftliche Kodices. Besonders reich vertreten war in der Merzbacheriana die Responsenliteratur. Vor etwa 5 Jahren wurde diese Bücher Sammlung von der Stadtbibliothek in Frankfurt a. M. angekauft. Vorher noch hatte die genannte Stadtbibliothek die kostbare und seltene Sammlung des Dr. A. Berliner erworben. In beiden Fällen wurde die Erwerbung durch die Munifizenz einiger Frankfurter jüdischer Notabein ermöglicht. Auch aus dem Nachlass des Baron Wilhelm Rothschild sind der Bibliothek sehr wertvolle Schätze zugefallen, so dass sie jetzt eine der reichhaltigsten hebräischen Büchereien besitzt, obgleich doch Frankfurt a. M. kein Zentrum jüdischer Wissenschaft ist, Von den achtRabbinerseminarien, die in Europa existieren, besitzt wohl die an Handschriften und wertvollen alten Druckwerken reichste Bibliothek das Breslauer Seminar, das älteste von allen. Dieses hatte die Savarol'sche Sammlung in Triest erworben und mehrere grössere und kleinere Sammlungen geerbt, so z. B. die von Bernhard Beer zu Dresden. Nach dem Breslauer rangiert wohl das jüngste Seminar, das Wiener nämlich, das u. a. die sehr wertvolle Büchersammlucg des Dr. A. Jellinek erworben und dem der grosse Forscher Josua Heschel Schor in Brody (Galizien) seine Bibliothek nebst einem Kapital von ca. 300 000 Mark vermacht hat. In Polen und Litauen war der Bücherbedarf der Juden seit Anfang des 17. Jahrhunderts sehr gross, und steigerte sich noch, als nach den verheerenden Kosakenaufständen und Schwedenkriegen im Lande Beruhigung eintrat. Die jüdischen Druckereien in Krakau, Lemberg, Zolkiew, Lublin, Slawuta, Zytomierz, Wilna u. a. waren bis in die neueste Zeit in ganz Europa bekannt. Man darf wohl sagen, dass auch ' das ärmste jüdische Familienhaus eine kleine Büchersammlung