Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Jüdische Bücher-Sammlungen in alter und neuer Zeit
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 4)
- Language
- German
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87 A. Benesra: Jüdische Büchersammlungen in alter und neuer Zeit. 88 besass. Die erste Sorge und der Stolz eines jeden besser situierten Juden war ein wohlversehener Bücherschrank. War der Besitzer selber ungebildet, so sagte er sich: dann werden meine Kinder oder Enkel aus den Büchern „lernen" und betrachtete sie mit heiliger Scheu und lieh sie gerne solchen, die ihrer bedurften. In jedem, auch noch so armseligen Städtchen war ein Beth- Hammidrasch, später auch eine „Klaus", die mitunter sehr ansehnliche und wertvolle Sammlungen von Büchern und auch Handschriften besass. Das fällt alles leider immer mehr der Verwahrlosung anheim. Und wie viele kostbare Schätze sind nicht in den letzten Jahrzehnten Opfer der Flammen und der Verwüstung geworden! Man darf ruhig sagen, dass ein sehr grosser Teil der hebräischen Bücher, die die öffentlichen und privaten Sammlungen des Westens füllen, aus jenen Ländern stammt. Ausser den bereits erwähnten grösseren jüdischen Büchereien in jenen Gegenden wären noch zu nennen die des Salomo Dubno (geb. in Dubno 1778, gest. in Amsterdam 1813), von der jedoch ein Teil ins Ursprungsland zurückgebracht wurde. L. Kosenthal (geboren in Nasielsk 1794, gestorben in Hannover 1868) besass eine bedeutende und ausgewählte hebräische Bibliothek. Sein Sohn erwarb in Holland Bürgerrecht und Adelstitel und vermachte die väterliche Bibliothek der Amsterdamer Universität. Einen Katalog der Sammlung gab M. Eoest 1875 in zwei umfangreichen Bänden heraus. Der vor einigen Jahren in Bielitz verstorbene Salomon Chajjim Halberstamm, ein hochverdienter Kritiker und Bibliograph, in seiner Jugend Freund und Genosse von ßapoport und Luzzatto, hatte eine bedeutende Bibliothek hinterlassen, deren Handschriften nach dem Tode des Verfassers vom British-Museum erworben, die Druckwerke aber nach Wien angekauft und in der dortigen jüdischen Gemeindebibliothek aufgestellt wurden. Chajjim Nathan Dembicer in Krakau, der unübertroffene Historiker der Juden in Polen, muss, nach seinem „Kelilat Jophi" zu urteilen, über eine ungewöhnlich wertvolle und seltene Sammlung von Druckwerken und Handschriften verfügt haben. Was aus ihr nach dem Tode des Besitzers geworden ist, konnte ich nicht erfahren. Die mehrere tausend Bände der Bibliothek des 1875 verstorbenen grossen, in der ganzen Welt berühmten Rabbiners von Lemberg Josef Saul Nathansohn, wurde nach letzt williger Verfügung des Erblassers in drei gleiche Teile geteilt und drei verschiedenen Institutionen vermacht. Ein Teil kam nach der Geburtsstadt Nathansohns, Brzezany, wo sie im sog. „Beth-Hammidrasch des Chazzan" aufgestellt wurde, der Stätte, wo der berühmte Erblasser seine ersten Lehrjahre durchgemacht hatte. Dort vermodern die Bücher nun ungenützt, denn in jenem Beth-Hammidrasch wird jetzt, wie in den meisten dieser Anstalten, nicht mehr „gelernt". Was aus der überaus reichhaltigen Sammlung geworden ist, die der Kaufmann J. Schlosser in Stanislau zusammengebracht hatte, weiss ich nicht zu sagen. Der Oeffentlichkeit ganz unzugänglich bleibt die riesenhafte Bibliothek, welche sich im Besitze der Wunderrabbis von Sadagöra befindet. Dank einer besonderen Protektion durfte ich vor Jahren einmal dieses Heiligtum flüchtig betreten. Die Bibliothek wächst unablässig und dürfte, wenn auch nicht frei von Einseitigkeiten, eine der reichhaltigsten der Welt sein, — wenn sie nicht in alle Winde zerflattert. Eine bedeutende Bibliothek besass der vor wenigen Jahren verstorbene, bekannte Schriftsteller Eli es er Schulmann in Kijew, ferner der hochverdiente Literarhistoriker David Kahana in Odessa. Ob diese Bibliotheken wohl den Stürmen der letzten Jahre standgehalten haben? Im Besitze der diversen Familien Kothschild befinden sich sehr wertvolle Sammlungen hebräischer Bücher und Handschriften, namentlich illuminierte Handschriften, Haggaden usw., deren Erforschung für die Geschichte der Kunst bei den Juden von grosser Bedeutung wäre. Leider ist von Seiten der Besitzer bisher in dieser Richtung nichts unternommen worden. Der wertvollste Teil der Bibliothek des der Wissenschaft zu früh entrissenen Prof. Dr. David Kaufmann, überaus wertvolle Stücke zur Kunst- und Kulturgeschichte der Juden enthaltend, ist von der Schwiegermutter des Verblichenen der Budapester Akademie der Wissenschaften vermacht und in einem besonderen, nach dem Erblasser benannten Zimmer aufgestellt worden. Von den jüdischenGemeindebibliotheken ist die älteste, wie erwähnt, die Amsterdamer. In Mantua wurde 1767 eine jüdische Gemeindebibliothek eröffnet, ferner in dem kleinen Städtchen Pitilione (Toscana). Ob diese beiden noch existieren, konnte ich nicht ermitteln. Ueberaus wohl versehen und trefflich verwaltet ist die Wiener. In Deutschland haben mehrere jüdische Gemeinden Bibliotheken errichtet. Die von Hannover hat sogar einen von Herrn Oberlehrer Zuckermann verfassten Katalog herausgegeben. Die jüngste, aber gleichwohl die reichhaltigste ist die Berliner jüdische Gemeindebibliothek, die einen musterhaft eingerichteten Lesesaal besitzt und vor nicht langer Zeit durch die Schenkung der sehr wertvollen Sammlung des Dr. S. Neumann bereichert wurde. Doch die weitaus grösste und reichhaltigste jüdische Gemeindebibliothek dürfte die Warschauer sein, um deren Gründung und fortwährende Vergrösserung sich ein dortiger Bürger, der bekannte Bibliophile Ignaz Bernstein, grosse Verdienste erwarb. Auch in Krakau und in Lemberg wurden vor einigen Jahren jüdische Gemeindebibliotheken eröffnet, die aber erst im Werden begriffen sind. Zu dieser Kategorie gehört auch die hauptsächlich dank dem unermüdlichen Eifer des Dr. Chazanowicz in Bialystok errichtete hebräische und judaistische Bibliothek zu Jerusalem, die schon über zwanzigtausend Bände fassen soll und vor 4 Jahren ein eigenes Heim bezogen hat.