Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Jüdische Bücher-Sammlungen in alter und neuer Zeit
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 83 - 84 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583970-2597767--08005-2597843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
83 A. Benesra: Jüdische Büchersammlungen in alter und neuer Zeit. 84 Familie war sehr reich und Oppenheim verwandte einen grossen Teil seiner Kevenuen auf den Ankauf hebräischer Druckwerke und Handschriften, die er aus aller Herren Ländern, besonders aus dem Orient, durch Vermittelung zahlreicher Agenten herbeischaffte. Einer seiner rührigsten Agenten war der berühmte Feldherr Erzherzog Eugen, der auf seinen Feldzügen gegen die Türkei alle hebräischen Bücher, die ihm in die Hände fielen, anstatt zu vernichten, dem Prager Rabbi zusandte und sich glänzend dafür honorieren liess. Die österreichische Regierung war engherzig genug, nicht zuzulassen, dass diese Bibliothek im Bereiche ihrer Herrschaft aufgestellt wurde, Oppenheim hielt sie also in seiner Geburtstadt Worms. Dort durften viele Lernbegierige und Forscher sie benutzen. U. a. bediente sich ihrer J. Ch. Wolff bei der Abfassung seines monumentalen Werkes Bibliotheca Hebraea in 4 Bänden. Im Jahre 1711 gab Oppenheimer ein Verzeichnis seiner Desiderata heraus, d. h. jener ihm bekannten Werke, die er nicht besass, und die er zu kaufen begehrte. Noch nicht volle hundert Jahre nach seinem Tode befanden sich seine Nachkommen in derart traurigen pekuniären Verhältnissen, dass sie die merkwürdige Sammlung nicht nur nicht zu vermehren, sondern auch nicht zu erhalten imstande waren. Bedeutende christliche Gelehrte bemühten sich bei den deutschen Regierungen um den Ankauf der Bibliothek, jedoch vergebens. In den Kreisen der reichen deutschen Juden herrschte dazumal die sogenannte „Aufklärung", eine Art von stupidem Banausentum, dem kein Interesse tür eine hebräische Büchersammlung abzugewinnen war. So wanderte denn die Oppenheimeriana nach Oxford gegen den unglaublichen Spottpreis von neuntausend Talern, und wurde der Bodleyana einverleibt. Die Prachtausgabe des Talmud auf Pergament, ein Unikum, wurde allein auf 1000 Pfund Sterling geschätzt. Als die Bodleyana sich im Besitz der reichsten hebräischen Büchersammlung jener Zeit sah, dachte sie daran, einen kritischen Katalog herauszugeben. Diese Arbeit wurde Moses Steinschneider übertragen, der nach dreizehnjähriger rastloser Arbeit seinen bewunderungswürdigen Catalogus librorum hebraeorum in Bodleyana (1860) herausgab. Dieser Katalog ist eine ebenso unerschöpfliche wie unentbehrliche Quelle für alle Forschungen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte und wird für alle Zeiten ein ehrenvolles Denkmal unvergleichlicher Akribie, Gewissenhaftigkeit, scharfsinniger Kritik und allseitigen Wissens bleiben. Der Bodleyana folgte das British-Museum. Schon im Jahre 1759 vermachte der in London ansässige portugiesisch-holländische Jude Isaac da Costa dieser Institution eine Anzahl von 180 sehr kostbaren hebräischen Büchern. Seither wuchs die Sammlung, aber nur sehr langsam. Im Jahre 1846 umfasste sie 600 Bände, darunter freilich sehr kostbare Unica? „weisse Raben", Pergamentdrucke, Inkunabeln. Aber als Direktor S. van Straaten seinen Katalog im Jahre 1892 abschloss, belief sich die Zahl der hebräischen Werke des British- Museum schon auf die imponierende Ziffer von 22550, darunter sehr viele mehrbändige. Auch das British-Museum hatte, gleich der Bodleyana, seine hebräische Büchersammlung mit einem Schlag ungeheuer bereichert, indem es die Bibliothek des im Jahre 1846 zu Hamburg verstorbenen Chajjim Josef Michael erwarb. Michael war ein wohlhabender Kaufmann, der seine freien Stunden dem Studium der Wissenschaften widmete. Solches war dazumal, auch unter den deutschen Juden, eine sehr häufige Erscheinung. Michael stand in regem brieflichen Verkehr mit den grossen jüdischen Forschern seiner Zeit, denen er mit grösster Bereitwilligkeit Abschriften und Notizen aus seiner reichhaltigen Sammlung alter Druck- und Handschriften mitteilte. Zunz und andere erwähnen in ihren Werken häufig diese Bibliothek und deren freigebigen und hilfsbereiten Besitzer. Auch mit Eapoport hat Michael Briefe gewechselt. Um seltene Bücher zu erwerben, bediente er sich der ausgebreiteten Beziehungen seines Handelshauses. Bücher kaufte er auf allen seinen weiten Reisen, die ihn beinahe durch ganz Europa führten. Nach seinem Tode wanderte seine Bibliothek nach dem unersättlichen England. 860 handschriftliche Codices, die 1300 Werke umfassten, wurden von der Bodleyana erworben, von den 5471 Druckwerken, die der Katalog verzeichnete, erwarb das British-Museum 4500. Seither kauft diese Bibliothek ausnahmslos alles, was irgendwo in der Welt mit hebräischen Buchstaben gedruckt wird, sei es Hebräisch, sei es Jargon. Die verhältnismässig jüngste, aber reichste Sammlung hebräischer Bücher in der Welt ist die des Asiatischen Museums, welche sich im Besitze der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Petersburg befindet. Noch im Jahre 1860 besass diese Institution kaum 1500 hebräische Werke, die seinerzeit von Jonas Gurland flüchtig katalogisiert worden sind. Aber schon im Jahre 1892 befanden sich im Asiatischen Museum nahezu 10000 hebräische Druckbände, die freilich wohl zum weitaus grössten Teil aus den Pflichtexemplaren aller im russischen Reiche seit 1811 erschienenen Bücher bestanden. Im Jahre 1892 erhielt diese Sammlung mit einem Schlag einen riesigen Zuwachs durch die Schenkung der grossen Friedlandschen Bibliothek, die ausführlicher beschrieben zu werden verdient. Moses Löb Friedland, geboren in Dünaburg 1826, war Ehrenbürger der Stadt Petersburg. Seine Familie war am Anfang des 17. Jahrhunderts aus der Ntadt Friedland in Böhmen nach dem nördlichen Litauen eingewandert. Moses Löb fing an, alle diejenigen Bücher zu sammeln, welche Beiträge zur Geschichte seiner. Vorfahren enthielten, oder von manchen seiner Vorfahren verfasst waren. Allmählich jedoch erweiterte sich sein Horizont und er fasste den Plan, eine grosse Sammlung von Büchern anzulegen, welche zur Aufhellung der Ge-