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Ost und West · 1908-02-01 · Heft 2 (Februar 1908) · p. Seite 73 - 74

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 2 (Februar 1908)
Article
Der Messias von Wien
Date
1908-02-01
Page
Seite 73 - 74 (sequence 3)
Language
German
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73 B. Samuel: Der Messias von Wien. 74 des Eherechtes und der Schule tatsächlich so schwer empfinden, dass jüdische Persönlichkeiten und jüdische Wähler ihnen zu Hilfe eilen müssen, wie kommt es denn, dass die Wiener Juden aus allen Schichten und Klassen sich so massenhaft zur katholischen Kirche drängen? Seit Jahren weist die Zahl der Täuflinge in Wien eine steigende Tendenz auf, im letzten Halbjahre hat sie in erschreckender Weise zugenommen. Nun braucht ein Jude gegen niemanden um die Auflösbarkeit der Ehe zu kämpfen. Die Institution der Ehescheidung ist im Judentum so alt, wie das Judentum selbst. Im Verlaufe der Jahrhunderte hat sich die Praxis den Anforderungen der Zeit und der Verhältnisse wunderbar anzupassen gewusst, und in unserer grossen diesbezüglichen Responsenliteratur findet sich eine Summe von gesetzgeberischer Weisheit, die kennen zu lernen man den Gesetzgebern der modernen Staaten von Herzen wünschen möchte. Nie aber ist es einem Juden eingefallen, dass die Moral und die Grundlagen der Familie nicht anders aufrecht zu erhalten seien, als durch die unbedingte Unauflösbarkeit der Ehe. Eine Institution, die die meisten europäischen Völker erst in neuester Zeit nach schweren Kämpfen errungen haben, nennt das Judentum seit den Urzeiten sein eigen. Wie soll man es sich also erklären, dass Wiener Juden, die gestern einem Vorkämpfer der Eherechtsreform wider die katholische Kirche ihre Stimme gegeben, heute derselben Kirche Treue schwören? Wer zur Kirche kommt, der unterwirft sich ihren bestehenden Satzungen. Und es ist eine Perfidie, sich in die Kirche einzuschleichen und dann ihre Grundfesten unterwühlen zu helfen. Man hat auch nie etwas davon gehört, dass jüdische Kinder von Seiten einer jüdischen Schulbehörde zu irgend welchen religiösen Uebungen gezwungen worden wären. Bei uns bleibt alles, was die religiöse Erziehung der Kinder betrifft, vollständig dem freien Ermessen der Eltern anheimgestellt. Wir wissen, dass in religiösen Dingen der Zwang nur heuchlerische Frömmelei und seelenlosen Formendienst erzeugt. Jeder denkende Jude kann die deutschen Orthodoxen begreifen, dass sie für die Aufhebung des obligatorischen Unterrichtes in der jüdischen Religion in der öffentlichen Schule sich einsetzen. Wie kommen aber jüdische Eltern, die ihre Kinder haben taufen lassen, oder im Begriffe sind, es zu tun, dazu, gegen die von katholischen Priestern als gut befundenen Einrichtungen sich aufzulehnen? Wenn der Katholizismus so viele Vorteile bietet, dass es sich lohnt, seinetwegen das Judentum abzuschwören, so wird er wohl noch das bisschen Ehezwang und Schuldruck wert sein, oder aber es ist klar, dass der Uebertritt sowohl, als der Kampf gegen die Bedrückung nichts ist, als Heuchelei.*) *) Vor kurzem fand ich in einem Wiener juristischen Blatte einen Artikel über einen Fall von Unauflösbarkeit einer jüdischen Ehe. Mit gespannter Neugierde lese ich nach, und siehe da, es handelt sich um ein So viel hat die Erfahrung gelehrt: so oft Juden, getaufte oder ungetaufte, an dem Kampf gegen kirchliche Einrichtungen sich beteiligten, hat sich das am ganzen jüdischen Volke gerächt. Die Kirche hat mit ihren Gläubigen und Ungläubigen früher oder später Frieden gemacht, und dann kehrte sich der Groll beider Teile gegen die Juden. Nicht gegen die Teilnehmer am Kampfe, die häufig ausser Schussweite waren, sondern gegen das Gesamtjudentum. Man liess ganz Unbeteiligte für den Eifer büssen, mit dem einzelne Juden ihren christlichen Mitbürgern helfen zu sollen vermeinten. Die christlichen Mitbürger bedankten sich nachher schönstens! Braucht man an die traurigen Folgen zu erinnern, die der Anteil von Politikern jüdischer Abstammung am Kulturkampf in Deutschland nach sich zog? Und doch waren diese Politiker weltenweit vom Judentum entfernt und hatten mit ihm gar keinen Zusammenhang mehr. Wir Juden müssen ja ohnehin stets den Sündenbock abgeben, wenn irgend etwas in der Welt nicht stimmen will. Gäbe es keine Juden, man müsste welche erfinden, damit man alle Schuld auf sie ablade Da fand vor kurzem im österreichischen Parlament eine Debatte statt, aus der nicht die Wiener Juden allein vieles lernen könnten. Es handelte sich um einen Antrag, gerichtet gegen die von Lueger, dem Oberhaupt des dummen Kerls von Wien, angedrohte Eroberung der Universitäten durch die Klerikalen. Sogar die giftigsten Antisemiten deutsch-radikaler Couleur hatten gegen Lueger und seine Scharen Stellung genommen. Aber wie diese es verstanden haben, mit der Fingerfertigkeit von Falschspielern und der Unverfrorenheit von Zigeunern die ganze Debatte am Ende gegen die Juden zu wenden, das war bewundernswert. Sogar das Blutmärchen erschien bei dieser Gelegenheit auf dem Tapet. Und wir erfuhren, dass auch den christlichsten Antisemiten längst getaufte Juden, noch in der zweiten und dritten Generation als Volljuden gelten. Dabei vergassen diese Herren gerne einige Zierden ihrer eigenen Partei, den Herrn Kaspar Schwarz, Vorsitzenden des katholischen Schulvereins, der aus einer ungarischen Jeschiva noch mit Seitenlöckchen an den Schläfen nach Wien kam; den Vizebürgermeister Porzer, der noch jüdische Verwandte hat; den Grossmeister Luegers und der ganzen antisemitischen Partei, Dr. Ignaz Mandl, ein Individuum höchst fragwürdigen Charakters, das sich im 72. Lebensjahr, zwei Jahre vor seinem Tode, taufen liess; die Gattin des Prinzen Lichtenstein, Tochter eines jüdischen Bankiers (die Sprösslinge dieses erlauchten Hauses hatten stets Appetit gewesenes jüdisches Ehepaar, das sich nach der Hochzeit katholisch taufen liess; dann brach die Frau die Ehe nach katholischem Ritus, wurde dabei vom Gatten ertappt und wahrscheinlich, ebenfalls nach katholischem Ritus, weidlich geprügelt, und der oberste Gerichtshof betrachtet die Ehe als katholisch und untersagt deren Auflösung. Der Verfasser des besagten Artikels bemerkt zum Schlüsse, der genannte Fall beweise, dass die Ehereform nicht nur für Katholiken von Wichtigkeit sei. — Nicht nur für Katholiken, sondern auch für solche, die es werden wollen. Was geht das aber uns Juden an?

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