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Ost und West · 1908-02-01 · Heft 2 (Februar 1908) · p. Seite 71 - 72

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 2 (Februar 1908)
Article
Der Messias von Wien
Date
1908-02-01
Page
Seite 71 - 72 (sequence 2)
Language
German
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?1 ß. Samuel: Der Messias von Wien. 72 Parteien auf das antisemitische Programm eingeschworen. Dieselben Klassen, die die Träger des „liberalen Gedankens" waren, haben bei den letzten Wahlen enragirte Judenhasser in den Reichsrat entsendet. Mit Ausnahme des Kultusministers Marchet, eines ehrwürdigen Überrestes aus alten Zeiten, dessen Tage jedoch gezählt sind, sind alle deutschen Mitglieder des Kabinets Beck ausgesprochene Antisemiten. Die drei Wiener freisinnigen Abgeordneten bettelten vor der Türe aller deutschen Parteien um Aufnahme in den Partei verband, wurden aber höhnisch abgewiesen. Zwei von ihnen sind nämlich Juden und der dritte soll von Juden abstammen. Höhnisch abgewiesen, obgleich in den antisemitisch-deutschen Parteien ein paar mehr oder minder frisch getaufte Juden sitzen, die sogar noch jüdische Eltern oder Geschwister haben. Aber diese Herren sind offenbar nicht bloss aus der jüdischen Religionsgemeinschaft, sondern auch aus der jüdischen Rasse ausgetreten. Sie haben sich auf Antisemiten getauft. Sie haben in das Bekenntnis des neuen Glaubens auch den Judenhass aufgenommen. Darum sind sie würdig befunden worden, die Reihen der Vertreter des liberalen Deutschtums in Oesterreich zu zieren. Vollauf kann mann die Bedeutung dieser Tatsache erst würdigen, wenn man bedenkt, dass die Juden in den slavischen Ländern Oesterreichs, seitdem sie Bürgerechte erlangt, die Haupstütze und die eifrigsten Vorkämpfer des Deutschtums waren, dass sie sich dadurch den Hass der slavischen Stämme zuzogen, der sich mehr als einmal in blutigen Verfolgungen über sie entladen hat. Der deutsche Schulverein hat von Juden nahmhaftere Mittel bezogen, als sämtliche jüdische Kulturinstitutionen zusammen. In Prag wäre vom ganzen Deutschtum keine Spur mehr, wenn die Juden nicht mit eiserner Zähigkeit daran festhielten. Die „Rassedeutsehen" haben rasch ihre Nationalität abgeschworen, sobald die Slaven irgendwo die Oberhand gewannen, und die heftigsten Bekampfer des Deutschtums tragen deutsche Namen, wie Schwarzenberg, Sternberg, Reichstädter, Neumann, Richter, Reger, Riedel, Rieger; die Liste könnte hundertfach vergrössert werden. Häufig haben die Väter dieser Vorkämpfer für Am Zurückdrängung des Deutschtums noch kein Wort Slavisch verstanden. In Brody gründeten die Juden mit ihrem Gelde ein Gymnasium mit deutscher Vortragssprache, und die Deutschen betrachteten diesen „vorgeschobenen Posten des Deutschtums" so sehr als ihr Eigentum, dass nicht nur kein Jude an dieser Schule eine Anstellung finden konnte, sondern dass jetzt, da das Brodyer Gymnasium polonisiert worden, die antisemitischen Alldeutschen dafür die Eröffnung eines andern deutschen Gymnasiums in Galizien fordern. Heute sind, wie gesagt, sämtliche deutsche Parteien antisemitisch, unversöhnlich antisemitisch, und nur einzelne deutsche Abgeordnete haben nicht zur Fahne des Antisemitismus geschworen. Ursprünglich bildeten die beiden Schattirungen des Antisemitismus, die klerikale und die radikal-deutsche, ein einziges Agglomerat. Nachher trennten sie sich und befehdeten sich wütend, fanden sich aber brüderlich im „Judenpunkt" zusammen. Nunmehr, da die klerikalen Christlich- Sozialen dank ihren einflussreichen Verbindungen nach oben, sieghaft geworden, haben die tapferen Cheruskersöhne die liberale Fahne in den Staub geworfen und sich in den Heerbann der Schwarzen eingereiht. Der Anteil an der Majoritätsgewalt ist schon das bischen Liberalismus wert. Der Messias von Wien hat sich bankerott erklärt und ist gegangen. Aber es war unsere Gewohnheit von jeher, einem falschen Messias nachzulaufen, auch wenn er sich noch so oft als trügerisch erwiesen, auch wenn seine Gebeine längst schon im Grabe moderten. Man denke beispielsweise an Sabathai Zevi und an Jakob Frank. Dieser erzjüdische Fehler scheint so tief eingewurzelt, dass er sogar gänzlich entjudeten Juden noch anhaftet. In Wien hält man sich noch immer für verpflichtet, den verhallenden Schlagwörtern unwiederbringlicher Zeiten mit einem Eifer zu dienen, der einer besseren Sache würdig wäre, ohne zu beachten, dass man dadurch die wichtigsten Interessen des Judentums gefährdet und die Verfolgungssucht und den Hass gegen den ungeschützten Teil der Juden nur schürt. Weite Kreise der katholischen Bevölkerung Oesterreichs führen jetzt einen Kampf gegen das Eherecht und um die sogenannte freie Schule. Man will die Unlösbarkeit der katholischen Ehe aufheben und die Bevormundung der Sclmle durch den Klerus zurückdrängen, die sich besonders in dem auf Schüler und Lehrer geübten Zwang zu religiösen Uebungen äussert. Und in diesem Kampf drängen bich einige jüdische Persönlichkeiten, besonders Abgeordnete, hervor, und bei den letzten Wahlen hatten die Juden nichts Wichtigeres zu tun, als sich mit ganzer Energie für die Fahnenträger der Eheretorm und der sog. „freien Schule" einzusetzen. Da muss man sich doch fragen: Inwiefern geht uns Juden die Sache an? Sind das denn nicht rein intern katholische Angelegenheiten, die ausschliesslich die Katholiken betreffen? Man kann das tiefste Mitleid empfinden mit einem Ehepaar, welches von dem seinen Bekenntnis entspringenden Ehegesetz für ewige Zeiten aneinander geschmiedet ist, ohne die Möglichkeit einer Lösung, auch wenn die Seelen von einander sich längst gelöst haben und die einstige Liebe sich in Hass verwandelt hat. Man kann ferner ganz wohl den Unwillen der Eltern begreifen, wenn ihre Kinder von Seiten der Schulbehörde zur Teilnahme an religiösen Zeremonien gezwungen werden, und wenn deren religiöse Stimmung nach Massgabo dieser Uebungen im Zeugnis abgeschätzt wird. Aber schliesslich, sind denn die Katholiken nicht stark genug, um den Kampf mit ihrer Kirche selber auszufechten? Brauehen wir Juden uns da hineinzumischen, um am Ende den Hass beider Parteien auf uns zu laden? Sodann erhebt sich für den objektiven Beobachter folgende Frage: Wenn die Katholiken den Druck der Kirche in Sachen

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