Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Der Messias von Wien
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 75 - 76 (sequence 4)
- Language
- German
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75 B. Samuel: Der Messlas von Wien. 76 auf reiche Jüdinnen) und viele, viele andere. Für alle getauften Juden, insofern sie nicht selber enragierte Antisemiten sind, werden wir also zur Verantwortung gezogen. Wir haben auf die Handlungen getaufter Juden keinerlei Einfluss, aber es ist notwendig, dass wir uns nachdrücklich dagegen verwahren, dass jüdische Abgeordnete, welche mit Hilfe jüdischer Stimmen gewählt werden, sich in dem Kampfe um rein katholisch-konfessionelle Angelegenheiten exponieren. Haben wir nicht in unserer eigenen Mitte genug Kulturarbeit zu verrichten? Als vor einiger Zeit der Wiener Verein „freie Schule" Geld für den Bau eines eigenen Heims sammelte, flössen ihm fast ausschliesslich von Juden Summen zu, die weit höher waren, als die, welche für die russischen Juden z. B. gesammelt wurden. Unsere Schule ist ohnehin frei, und für unsere Mitwirkung beim Kampfe um die Befreiung der christlichen Schuljugend von der klerikalen Bevormundung werden wir nur Hass, Beschimpfungen und Schläge ernten. Und was fechten uns der letzte päpstliche Syllabus und die Encyklika an? Um die müssen sich höchstens die liberalen, aufgeklärten Wiener „Israeliten" kümmern, die seit dem Erlass dieser Schriftstücke in den Schoss der heiligen römischen Kirche sich aufnehmen Hessen. Diese Israeliten haben gewiss die Bücher von Maimonides, Jehuda Halevi, Gabirol, Kreskas und Albo verbrannt, als sie sich zum Katholizismus bekehrten, denn in den bezeichneten Werken wurden die von den Modernisten gelehrten und vom römischen Papst so nachdrücklich verdammten „Ketzereien" schon vor Jahrhunderten vorweggenommen. Wer als verantwortlicher Mensch das Sakrament der heiligen Taufe empfängt, tut dies ja nur unter den vom Pa^st gutgeheissenen Bedingungen, und muss sich, den Satzungen der Kirche gemäss, den Anordnungen ihres Oberhauptes unbedingt unterwerfen. Was aber habea uns Juden, die wir Juden sind und bleiben wollen, die Einrichtungen und Lehren des Katholizismus zu kümmern? Oder ist es wahr, was ein Spötter unlängst von den Wiener „Israeliten" behauptete, dass sie nämlich deswegen die Eherechtsreform und die sog. „freie Schule" anstreben, weil sie sich das Christentum vorerst nach ihrer Bequemlichkeit appretieren wollen, um nach der Taufe nichts von den Vorteilen zu verlieren, die die jüdischen Institutionen ihren Bekennern bieten, und dabei des Judentums ledig zu sein? Dann haben die katholischen Führer ja vollkommen recht, sich gegen eine derartige destruktive Arbeit zu wehren. Wir Juden aber müssen auf der Hut sein, damit der hierdurch entstandene Hass sich nicht gegen uns und gegen die uns teuren Güter in noch höherem Grade wende, als dies schon jetzt der Fall ist. EIN MOSES MENDELSSOHN-DENKMAL Von Dr. Simon Bernfelcl. Nachdruck verboten. In jüdischen Kreisen ist es in der jüngsten Zeit angeregt worden, Moses Mendelssohn in Berlin, in der Stadt, in der er über vierzig Jahre gelebt und seine kulturgeschichtliche Bedeutung erlangt hat, ein Denkmal zu errichten. Die Verwirklichung dieses Planes, für die sich eine Anzahl angesehener jüdischer Männer lebhaft interessiert, stösst aber auch auf Widerspruch. Von der einen Seite wird hervorgehoben, dass die Ehrung Moses Mendelssohns durch Errichtung eines Denkmals nicht von den deutschen Juden allein, sondern vom gesamten deutschen Volke, für dessen kulturelle Hebung der feinsinnige philosophische Schriftsteller soviel getan habe, ausgehn müsste. Und von der andern Seite wird gar behauptet, die Bedeutung Mendelssohns für das Judentum, für die Geschichte des jüdischen Volkes, sei gar nicht so gross, dass ihre Anerkennung in der gedachten Weise zum Ausdruck gelangen sollte. Die Frage, ob Moses Mendelssohn in Berlin ein Denkmal erhalten soll, ist somit eigentlich zu einer literarischen und geschichtlichen geworden. Die gerechte Würdigung des Mannes, der bei Lebzeiten und in der ersten Generation nach seinem Tode bewundert, ja verhimmelt wurde, wird zwar durch die Errichtung eines Denkmals, wenn es zustande kommen sollte, nicht herbeigeführt werden; auch seine Volkstümlichkeit, soweit sie nicht mehr -vorhanden ist, wird man anf diese Weise nicht erhöhen. Aber die Diskussion über diese Frage kann vielleicht dazu führen, Moses Mendelssohn den ihm gebührenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte und in der Geschichte des jüdischen Volkes anzuweisen. Ihm ist das eigentümliche Schicksal widerfahren, dass er zuerst sehr überschätzt und dann ebenso sehr masslos unterschätzt wurde. Jedenfalls wurde seine Bedeutung, sein Tun und Wirken vielfach verkannt, wodurch ihm am Ende grosses Unrecht zugefügt wurde. Was Moses Mendelssohn in der deutschen Literatur bedeutet, ist gebildeten Menschen zur genüge bekannt. Er war ein hervorragender philosophischer Schriftsteller von seltener Klarheit des Gedankens und der Darstellung, wozu noch der Umstand kommt, dass er für die Behandlung tiefer Probleme die Sprache zum grössten Teil erst schaffen musste. In späterer Zeit, als man Mendelssohn bereits zu unterschätzen begann, gewöhnte man sich daran, von ihm etwas geringschätzig als von einem „Popular-Philosophen" zu sprechen. Die deutsche Zunftgelehrsamkeit versteht für gewöhnlich unter volkstümlicher Darstellungsweise unwissenschaftliche Oberflächlichkeit Wer das, was er denkt und weiss, klar erfasst und verständlich zum Ausdruck bringt, sei kein