Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Zustände in Odessa seit November 1905
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 59 - 60 (sequence 6)
- Language
- German
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- Odesa 4× ep/1000834
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59 Mitteilungen der Alliance Israelite Uuiverselle: Die Zustände in Odessa. 00 Zeitung „Nowoje Wremja" brachte ein vom 2. September aus Odessa datiertes Telegramm iii dem es heisst: „Heute ist es schon der dritte Tag, seit in den verschiedensten Stadtteilen die Passanten augefallen werden; viele Leute sind verwundet worden." Eine grosse Anzahl von Läden wurde zerstört und ausgeraubt. Als Folge dieser mörderischen Angriffe entstand eine Panik, Fondsbörse und Handelsbörse stellten ihre Tätigkeit ein. Eine Abordnung des Börsenkomitees wurde vom militärischen Generalgouverneur Glagolef empfangen und bekam von ihm den Bescheid, die Polizei wäre machtlos und die Verantwortlichkeit für alle Vorgänge träfe die Juden, unter denen sich sehr viele Revolutionäre befänden. Selbst in Petersburg machten diese Morde Aufsehen. Der Minister beeilte sich, für den Präfektenposten von Odessa den General Nowitzki zu ernennen, der den Unruhen ein Ende zu machen und der Polizei ihre Stellung als „alleinigen Herrn der Strasse" zurückzugeben versprach. Aber diese Worte waren nur in die Luft gesprochen, denn nach der Aukunft des Generals Nowitzki hörten die „Kundgebungen" der Verbändler nicht nur nicht auf, sondern gestalteten sich immer furchtbarer. Als am 15 September die Beerdigung des von Anarchisten getöteten Polizeiinspektors Kartschenko stattfand, bewiesen die Mitglieder des Verbandes der russischen Leute, dass sie die wahren „Herren der Strasse" waren. Die Regierung liess durch ihr Nachrichtenbureau eine offizielle Mitteilung über die Vorkommnisse von Odessa veibreiten, deren Ungenauigkeit und Parteilichkeit von der Presse aus Licht gezogen wurden (siehe No. 212 des ..Ejesch" von 1907). Das Nachrichtenbureau stellte fest, Kartschenko wäre von den Juden umgebracht worden — aber tatsächlich ist niemals einer der Mörder entdeckt worden — der Mord hatte ia einer einsamen Strasse abends 9 Uhr stattgefunden, und Kartschenko war gestorben, ohne noch ein Wort gesprochen zu haben. Die offizielle Mitteilung sprach dann noch von einer vierzehnjährigen Christin, namens Pronine, die entweder von der jüdischen Selbstverteidigung oder von den Verbändlern verwundet worden war ((-Jenaues konnte nicht festgestellt werden), verschwieg aber den von den Verbäudlern begangenen Mord an einem christlichen Kind von 6 Monaten, das auf dem Arm seiner Mutter, einer Frau Labiuski, erschossen wurde, die die Verbändler für eine Jüdin gehalten hatten (die Aussage stammt von der Mutter des Kindes). Die offizielle Mitteilung verschweigt ebenfalls den Mord an dem Juden Itzka Winograd und die sonstigen zahlreichen jüdischen Opfer, darunter eiue Frau von 87 Jahren. Ebensowenig erwähnt sie, dass eine aus vielen Personen bestehende und von dem relegierten Studenten Gesalabow angeführte Rotte von Verbändlern mit Gewalt in das jüdische Krankenhaus eingedrungen war, dort viele Schüsse abgefeuert und ohne jede obrigkeitliche Erlaubnis eine regelrechte Haussuchung vorgenommen hatte. Am nächsten Tag liess der Präfekt Nowitzki deshalb bei der Verwaltung des jüdischen Krankenhauses um Entschuldigung bitten und verfügte die Verhaftung Gasalabows. Dieser aber wurde sehr bald wieder in Freiheit gesetzt, und zwar auf einen über den Kopf des Präfekten hinweg erlassenen Befehl eines anderen Beamten. Der Verband „delegierte" darauf den jungen Gasalabow nach Ungeni. In liebenswürdigster Aufmerksamkeit begleitete die Polizei ihn zum Bahnhof, löste ihm das Billet und half ihm beim Einst einen. Die Geschichte dieses jungen Organisators von Massenmorden ist wirklich interessant. Nachdem er so sänftiglich aus Odessa ausgewiesen war, kam er sehr bald wieder zurück und erschoss am 3. Oktober in Begleitung einer Bande junger Kinder den fünfjährigen kleinen Schmul Binkowitsch. Da es unmöglich war, diese Sache totzuschweigen, wurde Gasalabow wiederum verhaftet und vor Gericht gestellt. Man darf aber sicher sein, dass er es schon verstehen wird, vor oder nach dem Eichterspruch sich der Bestrafung zu entziehen. Am 27. September fielen die Mitglieder des Verbandes in den Hauptstrassen der Stadt die vorbeigehenden Juden an und erschlugen den Schneider Weinstein, der Frau und sechs Kinder ganz mittellos hinterlies. Endlich am Sonntag, den 6. Oktober, organisierten die Verbändler wiederum bei der Eückkehr vom Begiäbnis eines Polizeiinspektors des von den Eevolutionären ermordeten Delfinski, einen neuen Kiawall, den zu verhüten die Polizei des Generals Nowitzki nicht imstande war. Eiue grosse Anzahl von Kaufläden wurde zerstört uud die Waren geraubt. Die Eäuber hielten sechs Omnibusse an, zwangen die jüdischen Fahrgäste, auszusteigen, und misshandelten sie vor den Augen der Polizei. In der Preobraschenskaja- und der Grossen Arnautskajastrasse tiaf die Bande auf zwei Polizeiinspektoren und begrüsste sie mit Hurrahgescbrei (siehe No. 336 der Nowoje Obosrenie.) ... An demselben Tage schössen die