Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Zustände in Odessa seit November 1905
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 57 - 58 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583969-2597660--07968-2597731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 4× ep/1000834
OCR text
57 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Zustände in Odessa. 58 in die Polizeiwache und schössen auf die Schutzleute. Dieser Parteikrieg brachte die Polizei ausser sich, machte sie wütend. Der Verband der russischen Leute machte sich die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung der Polizei zunutze, und warf sich gewissermassen zu ihrem Beschützer gegen die „Juden" auf, die sie vernichten wollten. Jedem terroristischen Akt folgten als Gegenstreich Mordtaten an der jüdischen Bevölkerung, die nichts Unrechtes getan hatte. Da man die Polizei zu überzeugen versuchte, dass die Progrome das einzige Mittel zur Unterdrückung des anarchistischen Terrors bildeten, gab sie sich gar keine Mühe, die Tätigkeit der Mörderbande zu stören. Darum sind alle Bemühungen des Präfekten zur Aufrechterhaltung der Ordnung fruchtlos geblieben. Nach der von Anarchisten verübten Ermordung des durch seine Grausamkeit gegen Untersuchungsgefangene berüchtigten Polizeikommissars Panasik organisierten die Verbändler im Mai 1907 auf die Hetzereien der „schwarzen" Presse einen Pogrom, ohne die geringste Strafe dafür zu befürchten. Durch Ungeschicklichkeit der Beamten war auf einer Polizeiwache eine konfiszierte Bombe explodiert und hatte viele Menschen getötet und verwundet: das war für die Mitglieder des Verbandes der russischen Leute eine neue Veranlassung zur Ermordung von Juden. Vor jedem Pogrom spielten sich dieselben Vorfälle ab: man begann mit der feierlichen Bestattung der Opfer, Polizei und Militär wohnten der Leichenfeier bei, danach machten sich die Verbändler daran, die Häuser und Läden der Juden zu belagern. Die Bevölkerung und die Behörden der Stadt wussten jedes Mal, dass die Leichenbegängnisse mit Mord und Totschlag enden würden, aber niemals ist das geringste zur Verhütung des Unglücks geschehen. General Grigorieff, der Präfekt von Odessa, war über diese Sachlage so entrüstet, dass er nach Petersburg reiste, um dort persönlich über den Stand der Dinge zu berichten. In Petersburg suchte General Grigorieff eine Audienz beim Kaiser nach; er wollte ihm die ganze Wahrheit sagen und von ihm Hilfe verlangen zur Bekämpfung der Ausschreitungen des Verbands der russischen Leute. Die Audienz wurde bewilligt. Der alte General, der einen Vortrag über die Lage in Odessa vorbereitet hatte, erwartete in höchster Erregung das Erscheinen des Kaisers. Als der Kaiser erschien, bemerkte General Grigorieff zu seinem Schrecken auf der Brust seines Souveräns die Abzeichen des Verbands russischer Leute, dieselben Abzeichen, die er bei den Mordtaten in Odessa so oft gesehen hatte. Infolge des Schreckens vergass General Grigorieff die wohlgesetzte Bede, stammelte nur ein paar Worte vom „getreuen Untertan" und zog sich ganz entmutigt zurück. Bald darauf benachrichtigte der Vorsitzende des Ministerrats den Generalmajor Grigorieff, Seine Majestät habe geruht, ihn unter Beförderung zum Generalleutnant von seinem Posten als Präfekt von Odessa abzuberufen. Das geschah gegen Ende Juli 1907. Die Abberufung des Generals Grigorieff und die systematische Begnadigung aller wegen Ermordung von Juden oder wegen Plünderungjüdischen Eigentums vom Gericht verurteilten Personen ermutigten die Verbändler Odessas noch mehr.*) Seit dem August und bis zum heutigen Tage steht Odessa, richtig gesagt, unter der Herrschaft der schwarzen Hundert. Am 25. August endeten die Angriffe der Banden mit der Ermordung eines Juden. Am 27. August begannen die Mitglieder des Verbandes, die auf dem Boulevard Nikolaus, im vornehmsten Stadtteil, spazieren gehenden Juden anzugreifen. Ein christlicher Lehrer an der Kadettenanstalt, Professor Tschuiko, legte sich zu Gunsten der Juden ins Mittel. Darauf warf sich die Mordbande auf diesen Verteidiger der unschuldigen Opfer, der sich in das am Boulevard Nikolaus belegene Hotel Petersburg flüchtete. Die Verbändler umzingelten dieses Hotel ersten Randes und verlangten die Auslieferung des Herrn Tschuiko. Nach einer halben Stunde wurden sie von der Polizei auseinandergetrieben, und zwei Personen wurden verhaftet. Am 31. August platzte im Stadteil Peter und Paul eine von der Polizei konfiszierte Bombe und verletzte mehrere Beamte tötlich. Am 1., 2. und 3. September, nach der Beerdigung der Opfer dieser Explosion floss in Odessa wieder Blut. — Nach dem Bericht des Oktobristen-Blattes „Golos Moskwy" (Moskauer Stimme) wurden während dieser Tage allein ins jüdische Krankenhaus 45 Verwundete eingeliefert, von denen 12 mit Feuerwaffen verwundet worden waren, die übrigen Wunden rührten von scharfen Werkzeugen her. Ein Mann starb an den Verwundungen, von den verwundeten Kindern blieben ein vierjähriger Junge, namens Towbar, und ein kleines Mädchen, namens Schestopal, verstümmelt. Die Petersburger antisemitische *) Alle für Beteiligung am Pogrom in Kertsch verurteilt gewesenen Leute sind begnadigt worden.