Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Die Zustände in Odessa seit November 1905
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 61 - 62 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583969-2597660--07970-2597733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Die Zustände in Odessa. 62 Verbäudler auf den 70 jährigen Abram Ornischa und Moisia Ostrowski und verwundeten sie lebensgefährlich, dann brachten sie dem Gerscha Tsepa, den Leiha und Jankel Tautowitsch, Schreibmann und dem ihnen zu Hilfe eilenden Christen Platonow Messerstiche bei. Am Tage vor diesen Unruhen hatte der Vorsitzende des Verbandes der russischen Leute, Graf Konownitzin in der Zeitung „Für den Zaren und das Vaterland" (No. ^om 5. Oktober) geschrieben: „Es ist Zeit, dem blutigen Sabbat der jüdischen Kanaille ein Ende zu machen. Schwarzes Hundert, vergiss nicht, dass das Blut der Märtyrer nach Rache schreit!" Seit dem 6 Oktober ist kein Tag vergangen, ohne dass vereinzelte Augriffe auf Juden stattgefunden hätten. Auch die anarchistischen Verbrechen haben nicht aufgehört. Es ist also dem General Nowitzki nicht gelungen, die Ordnung in der unglücklichen Stadt wiederherzustellen. Ein mächtigerer ELlAuss als der seine widersetzt sich allen gegen den Verband russischer Leute gerichteten Massregeln. Wie das Organ des Finanzministeriums, der „Westnik Finauzow", feststellt, haben die Pogroms „in Odessa Handel und Industrie vernichtet." Die wohlhabenden Juden verlassen bei der ersten Gelegenheit die Stadt, und die zurückbleibenden Armen müssen die Kosten der Herrschaft des Generals Kaulbars und des Verbandes der russischen Leute bezahlen. Das Beispiel der Stadt Odessa zeigt, welchem Unglück das ganze Land ausgesetzt ist, wenn nicht bald eine Wendung zum Guten eintritt. . . . Der hier wiedergegebene Bericht enthält die Geschichte der Gewaltherrschaft der „Schwarzen Hundert" in Odessa. Mit unbedingter Wahrhaftigkeit ist er niedergeschrieben. Er ist traurig genug. Es ist begreiflich, dass unter dem Eindruck einer steten Besorgnis, ja Todesangst, zuweilen der nahe Beobachter die Ereignisse, die er zu befürchten Ursache hatte, schon als eingetreten ansah, dass er von einein „Pogrom" sprach, wo nur eine gewöhnliche Ausschreitung vorlag. Wir haben für richtig gehalten und halten für richtig, solcher Uebertreibung, so erklärlich sie ist, entgegenzutreten. Dass das Mögliche geschieht, die Gefahr für Leben und Habe unserer Glaubensgenossen abzuwenden, ist selbstverständlich. Selbstverständlich ist auch, dass der Wunsch solcher Abwendung in den gesitteten Kreisen allgemein ist. Wir haben die Zuversicht, dass man in Bälde unsere Ansicht von den anzuwendenden Mitteln und von der Katsamkeit vorsichtiger Berichtsmethode liberal 1 teilen wird. DIE ISRAELITEN IN BAGDAD. (Spezialbericht für die A. I. 17 Bagdad, 27. September 1907. Als die Allianee im Jahre 1865 in Bagdad eine Schule errichtete, war die jüdische Gemeinde hier weit von dem materiellen Gedeihen entfernt, dessen sie sich heute erfreut. Unwissenheit, war eins der hauptsächlichsten Hindernisse für die EntWickelung des Handels unter unseren Glaubensgenossen. Bildung s man gel hinderte sie, sich mit den grossen europäischen Häusern in unmittelbare Beziehung zu setzen. Dieses Verhältnis wurde durch unsere Schule schnell gebessert. Die ersten von unserer Schule ausgebildeten Generationeu widmeten sich dem geschäftlichen Betrieb gerade in der Zeit, als die Fertigstellung des Suezkanals den "Warenaustausch zwischen dem Golf von Persien und dem Mittelmeer erleichterte und für die Handelstätigkeit der Juden von Bagdad eine neue Aera herbeiführte. Die aus unserem Unterricht hervorgegangenen Zöglinge brachten hinreichende Kenntnis des Englischen und Französischen mit, um ohne Vermittler mit Bombay, Marseille, London und Manchester verkehren zu können. Mehrere dieser jungen Leute . VOll Schuldirektor Albala.) Nachdruck verboten. Hessen sich in den obengenannten industriellen und Handelszentren nieder, gründeten dort Exporthäuser, die dank der ungewöhnlichen Geschäftskenntnis der Unternehmer schnell an Kraft und Kredit wuchsen. Der Verkehr mit Persien war eine weitere Quelle zunehmenden Wohlstands für unsere Glaubensgenossen. Bagdad wurde der Stapelplatz für die Provinzen Hatnadan und Kirmanschah. In den letzten 20 Jahren sind zahlreiche und beträchtliche Vermögen — zwi>chen 10 000 und 100 000 Pfund türkisch — gesammelt worden, vornehmlich durch Zöglinge unserer Schule, die den Gedanken gefasst und ausgeführt hatten, sich in Manchester niederzulassen und dort die Ausfuhr von Baumwollwaren nach Irak und Persien zu unternehmen. Dieser Erfolg ermutigte die späteren Geschlechter, nach England, Egypten und in alle asiatischen Länder englischer Zunge zu gehen. Die Auswanderung führte Jahr um Jahr um Jahr die Elite unserer Klassen fort, die in Hongkong, Bangoon, Kalkutta, Bombay, Kairo, Alexandrien, Manchester, Marseille, Wien usw. Bagdadkolonien gründeten und meist zu hoher Blüte