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Ost und West · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. Seite 55 - 56

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Die Zustände in Odessa seit November 1905
Date
1908-01-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 4)
Language
German
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55 Mitteilungen der Allianee Israelite Universelle: Die Zustände in Odessa. 56 der Juden gewesen waren und kein einziges bei den Mitgliedern der Liga. In diesem Bericht heisst es: „Einige Personen aus der Menge wendeten sich an den auf dem Platz erschienenen Präfekten und baten ihn um Schutz gegen die Ausschreitungen der Revolutionäre. Drohende Stimmen riefen: „Da ist der Vater der Juden!" Die Entrüstung der Damen war besonders lebhaft." Dasselbe Blatt hat die bewusst falsche Mitteilung gebracht, der Präfekt weigere sich, die von den Revolutionären verwundeten Polizeibeamten zu besuchen. Natürlich musste das Blatt dann auch das offizielle Dementi abdrucken, aber sein Ziel war erreicht: es war ihm gelungen, beiden Polizeibeamten Misstrauen und Feindseligkeit gegen den Präfekten zu erwecken Ein anderes Blatt, „Die Schwarzen Hundert — Za Zaria i Rodinu (Für den Zaren und das Vaterland)", schrieb am 26. Mai: „GenernImajor Grigorieff, Präfekt von Odessa, liebt unseren Verband nicht, und dieser liebt den Generalmajor Grigorieff nicht... Es wird behauptet, dass die Mitglieder des Verbandes die friedliche Bevölkerung, besonders die Juden, ermordet. Sie haben es immer dann getan, wenn „sie beleidigt worden waren." Die Russkaja Rjetsch" bringt am 22. Mai die Wort für Wort erfundene Meldung, die Juden hätten mehrere chiistliche Kinder ermordet, und schreibt dazu: „Man steht hier vor einer unersättlichen blutgierigen Leidenschaft, die die Ausrottung der Christen zum Ziel hat. Das russische Volk muss endlich begreifen, dass es sich hier um einen wilden Rassenhass handelt, der wegen seiner Unfruchtbarkeit und wegen seines unmenschlichen Charakters besonders verabscheuungswürdig ist" Mit diesem wilden Hass behandelten die vom General Kaulbars offiziell protegierten und in seinem Auftrage unter Offizieren und Soldaten verbreiteten Blätter die jüdische Bevölkerung und den Präfekten, der keine Pogrome wollte. Im Palast des Truppenkommandeurs befand sich die Heimstätte dieser Agitation, die die Polizei von Odessa vollständig demoralisierte Selbst in der unmittelbaren Umgebung des Präfekten Grigorieff waren seine eigenen unerbittlichen Feinde zu finden. Die revolutionäre Bewegung der letzten Jahre hat deutlich die absolute Unfähigkeit der russischen Polizei bewiesen, mit gesetzlichen Mitteln die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten und Leben und Eigentum der Bürger zu verteidigen. Die ungebildeten, rohen und schlecht besoldeten Polizeibeamten bedrückten die Bevölkerung mit ungesetzlichen Plackereien und machten oft gemeinsame Sache mit den Mördern und Plünderern. Waren aber ein Revolutionär oder einKonstitutoneller die Betroffenen, so verzieh man der Polizei jeden Missbrauch. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Erinnerungen eines Gouverneurs" schreibt Fürst Urussow, ehemaliger Gehilfe des Ministers des Innern, dass nach den annähernden Schätzungen, die er als Gouverneur von Kischinew gemacht, die von der Ortspolizei auf ungesetzlichem Wege gewonnenen Einnahmen über eine Million Rubel jährlich betragen. Nach dem Zeugnis desselben Verfassers, der als Autorität angesehen wird, streicht die Petersburger Polizei nur für die Eintragung verschiedener Dokumente eine halb-erlaubte Einnahme von sechs Millionen Rubel ein. In Odessa ist die Käuflichkeit der Polizei noch überraschender. Dort wie übrigens in ganz Russland wird die Tätigkeit der Polizei von ihrem direkten Ziel, dem Schutz der öffentlichen Sicherheit, abgewendet, um zum Kampf gegen die sozialistische und konstitutinelle Bewegung verwendet zu werden. Von ihrer Unbildung geleitet, hat die Polizei den Kampf gegen friedliche liberale Gruppen begonnen, die nichts anderes wollten als in voller Gesetzlichkeit, am hellen Tage arbeiten zu dürfen. So ist es der Polizei gelungen, in kurzer Zeit die Tätigkeit der demokratisch-konstitutionellen Partei lahm zu legen. Seitdem 25 Kadetten auf Grund des Belagerungszustands zu 28000 Rubeln Strafe verurteilt worden sind, weil sie bei Herrn Pankeew in Odessa eine Zusammenkunft gehabt hatten, sind gesetzliche öffentliche Vereinigungen politischer Männer unmöglich geworden. Um bei den Wahlen zur Stadt-Duma eine Kandidatenliste aufstellen zu können, fanden die Wähler kein anderes Mittel als sich zur gleichen Stunde ins Badehaus zu begeben. So geschehen in einer russischen Stadt mit einer halben Million Einwohner! Nachdem so die friedliche Opposition matt gesetzt war, fand die Polizei sich ohnmächtig gegenüber der anarchistischen Bewegung, die sich seit einigen Jahren in Odessa in furchtbarer Weise entwickelt hat, nachdem gemeine Verbrecher sich ihnen angegliedert hatten, die bis dahin sans phrase gemordet und geplündert hatten. Der Kampf der Polizei gegen die anarchistische Bewegung beschränkte sich auf Massenverhaftungen unter der Jugend. Die arretierten Personen wurden auf die Wache geführt und dort misshandelt. Um sich zu rächen, erschlugen die Revolutionäre und Anarchisten dann die Polizeibeamten, warfen Bomben

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