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Ost und West · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. Seite 53 - 54

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Die Zustände in Odessa seit November 1905
Date
1908-01-01
Page
Seite 53 - 54 (sequence 3)
Language
German
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53 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Zustände in Odessa. 54 Die Auffassung des Generals Kaulbars setzte die Universitätsprofessoren sehr in Erstaunen: wenn der General Beweise dafür hatte, dass die Studenten mit den Eevolutionären im Einverständnis waren, warum verfolgte er diese Angelegenheit nicht? Aus allem, was der General im Verlauf der Sitzung" gesagt hatte, ging deutlich hervor, dass die oberste Behörde der Stadt es als einen normalen Zustand betrachtete, dass die Verbrechen von Einzelnen auf die Gesamtheit der Bevölkerung zurückfielen, auf Greise, Frauen und Kinder. Die mörderische Tätigkeit des Verbandes der russischen Leute wurde als normal angesehen, jede Diskussion über diesen Punkt war also überflüssig. General Kaulbars hat noch immer dieselben Ansichten von den Pogroms wie im November 19u5. Durch ihre hohe Protektion ermutigt, entfalteten die Mitglieder des Verbandes der russischen Leute eine immer grössere Tätigkeit. Sie hatten Erlaubnis bekommen, in den ersten Tagen des Februars 1907 feierliche Umzüge mit den Bannern zu veranstalten, die ihnen für den Stiftungstag der Ortsgruppe des Verbandes übersaudt worden waren. In der Bevölkerung war man überzeugt, dass diese Prozessionen zu Mordtaten führen würden. Darum wendete sich der christliche Vorsitzende des Börsenkomites, Herr Anatra, rechtzeitig telegraphisch an Herrn Stolypin und an den Handelsminister mit der Bitte, die Prozessionen zu untersagen, da diese — so sagte das Telegramm — nur ein Vorwand für ein neues Blutbad seien. Diese Bitte wurde nicht gewährt, die Feste des Verbandes der russischen Leute fanden statt und wurden durch wüste Ausschreitungen jeder Art begleitet. Zur Entschuldigung für ihre Exzesse behaupteten die Verbäudler, dass die Juden auf ihre Prozessionen geschossen hätten. Aber sie konnten keinen einzigen Fall anführen, dass eines ihrer Mitglieder von einem Juden verwundet worden wäre, selbst die „Russkaja Rjetsch" konnte in ihren Hetzartikeln gegen die „blutdürstigen Juden" keine präzise Tatsache, keinen einzigen Namen anführen. Es sind nur einige Fälle von Selbstverteidigung einzelner Personen festgestellt, während die Verbäudler gemeinsam unter den Augen von Polizei und Militär vorgingen, die ihnen gegenüber eine wohlwollende Neutralität bewahrten, Infolge dieser Vorkommnisse wurde am 20. Februar 1907 im Stadtrat von Odessa von einer Gruppe von 14 Mitgliedern folgende Resolution vorgeschlagen: „Die Bevölkerung der Stadt Odessa ist entsetzt über die unerhörten Gewalttaten, die fortwährend von den organisierten Abteilungen des Verbandes der russischen Leute unter andauernder Passivität der Aufsichtsbehörden bedangen werden. Der Stadtrat von Odessa ist diesen systematischen Morden gegenüber auf das lebhafteste erschreckt und fra^t sich: wie kommt es, dass in eiuer von Militärgesetzen regierten Stadt eine Menge mit den Abzeichen einer bestimmten Organisation geschmückte Personen, darunter ganz junge Kinder, mit Gummistöcken und Feuerwaffen bewaffnet sind, wie kommt es ferner, dass diese Personen sich frei in den Strassen bewegen, friedliche Bürger mit ihren Waffen bedrohen und auf sie schiessen, während Polizei und Militär diese bewaffnete Menge als untätige Zeugen begleiten." Alle diese Klagen blieben unberücksichtigt. Nachdem General Kaulbars öffentlich die Kämpfer des Verbandes der russischen Leute für r Diener der Ordnung" erklärt hatte (siehe No. 66 des „Russ" von 1907), brauchten sie sich nicht mehr zu genieren. Der Schrecken der „Schwarzen Hundert*' übte immer weiter seinen Druck auf die Stadt. Er liess erst ein wenig nach, nachdem die Mitglieder des Verbandes einmal einen ausländischen Untertan verwundet hatten, dessen Verteidigung der zuständige Konsul übernahm.'1') Betrachten wir jetzt einmal die Rolle, die die Polizei von Odessa in all den Angelegenheiten gespielt hat. Die Stellung der russischen Provinzpresse ist eine der seltsamsten; sie geniesst oft die grösstc Freiheit im Kritisieren der Minister, wagt aber kein abfälliges Urteil, nicht nur über den Chef der Regierung, sondern auch über den geringsten Vertreter der Ortsverwaltung. So war es auch in Odessa, wo die fortschrittliche Presse sich nicht die leiseste Kritik über die Tätigkeit des General Kaulbars und der von ihm ernannten General- Gouverneure erlauben durfte. Dagegen durfte die reaktionäre Presse nach Belieben den Präfekten und den vom Minister des Innern ernannten General Grigorieff angreifen: nach dieser Richtung war den Blättern der schwarzen Bande die unbedingteste Straflosigkeit sicher. Die „Russkaja Rjetsch" (Das russische Wort) brachte in ihrer Nummer vom 22. Mai 1907 einen Bericht über eine „Kundgebung" der Verbändler, die sie gewohnheitsmässig dem aggressiven Vorgehen der Juden zuschrieb, obgleich alle Opfer auf Seiten *) Siehe Swoboda und Rawenstwo (La Libertr et PEgalite.) No. 9. 1907.

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