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Ost und West · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. Seite 51 - 52

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Die Zustände in Odessa seit November 1905
Date
1908-01-01
Page
Seite 51 - 52 (sequence 2)
Language
German
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51 Mitteilungen der Alliancc Israeli te Universelle: Die Zustände in Odessa. 52 Zeitung „Russkaja Rjetsch" (Das russische Wort); er veranstaltete nicht nur Sammlungen zum Besten des Blattes, sondern verhalf ihm auch durch offizielle Briefe zu vielen Inseraten. Kurz darauf wurde das zweite Blatt begründet: „Das schwarze Hundert", „Za Isaria i Rodinu" (Für den Zaren und das Vaterland), das für das niedere Volk bestimmt war und mit Genehmigung des Generals Kaulbars gratis an die Soldaten verteilt wurde. Diese beiden Zeitungen führten den schamlosesten antisemitischen Feldzug und gingen bis zur direkten Aufforderung zum Mord. Jede gegen die Polizei gerichtete terroristische Tat diente diesen beiden Blättern zum Vorwand, um die Christen vor den „blutdürstigen Juden" zu warnen, die nach ihrer Darstellung darauf ausgingen, alle Christen auszurotten. Gleich nach seinem Zusammentritt eröffnete der Verband der russischen Leute in der Handelsstrasse ein Kaffeehaus, das bald ein Sammelpunkt der „Schwarzen" wurde. Dort rekrutierten sich die Abteilungen der Ligisten und wurden mit Stöcken, Messern und Revolvern bewaffuet. Mit dieser Ausrüstung verteilten sich die „Kämpfer" des Verbandes der russischen Leute bei Einbruch der Dunkelheit über die Stadt und erschlugen die Studenten und die Juden, die ihnen zufällig in den Weg kamen. Die Universität wurde ganz besonders der Mittelpunkt für die Taten der Liga und hatte wiederholt eine regelrechte Belagerung auszuhalten, und die von den Abendvorlesungen heimkehrenden Studenten waren häufig das Ziel verwegener Angriffe. Alle Klagen von Seiten der Einwohner blieben ohne Erfolg. Trotz seines guten Willens konnte der Präfekt von Odessa nicht gegen den Verband ankämpfen, der öffentlich von General Kaulbars beschützt wurde. Die vom Kommandeur der Truppen inspirierten Blätter betrieben neben der Judenhetze auch eine Präfektenhetze, und der vom General Kaulbars ernannte militärische Generalgouverneur von Odessa, Glagoleff, der eigentliche Chef des Piäfekten, bestrafte auf dem Verwaltungswege jedermann mit drei Monaten Gefängnis, der die Mitglieder des Verbandes der russischen Leute wörtlich beleidigte, denn diese Leute wurden gewissermassen als Beamte angesehen (Fall Oikhmann). Im Januar 1907 griff eine Gruppe von Verbäudlern auf der Strasse den Studenten Adler an und verwundete ihn so schwer, dass er seinen Verletzungen erlag. Die Studenten unterbrachen darauf ihre Studien und der Senat der Universität schickte Herrn Stolypin, dem Vorsitzenden des Ministerrats, eine Keihe von Depeschen, um seinen Schutz anzurufen. Dieser Schutz wurde zugesagt, kam aber nicht. Als die verzweifelten Studenten sich zu bewaffnen anfingen, um sich selbst zu verteidigen, begann die Polizei unter dem Beistand des Verbandes echt russischer Leute sie zu verfolgen, und General Kaulbars bestimmte, dass alle bei ihrer Verhaftung im Besitz von Waffen betroffenen Studenten als Revolutionäre vor ein Kriegsgericht zu stellen wären. Am 18. Februar 1907 richtete der Senat der Universität Odessa folgendes Telegramm an Herrn Stolypin: „Da die von den Mitgliedern des Verbandes der russischen Leute ausgehenden Morde an Studenten und Bürgern in den Strassen Odessas nicht aufhören, obgleich vom Senat zahlreiche Depeschen an den Unterrichtsminister und den Vorsitzenden des Ministerrats geschickt worden sind — da diese Mordtaten einen immer bedrohlicheren Umfaug annehmen und die Studenten infolge davon sich im Zustand äusserster Aufregung befinden — hat der Senat der Universität beschlossen, vorläufig die Vorlesungen zu suspendieren." General Kaulbars lud darauf die Professoren der Universität zu einer Sitzung ein. Er erklärte ihnen, es wäre ihm unmöglich, den Verband der russischen Leute aufzulösen, der nach seiner Meinung eine Macht im Dienst der Ordnung bedeutet. Die Urheber der Ausschreitungen wären nach seinem Dafürhalten nur als Verbändler verkleidete Revolutionäre (kein einziger Fall dieser Art war festgestellt worden). Der General machte die Professoren noch auf die Tatsache aufmerksam, dass die Mitglieder des Verbandes „nur mit Gummistöcken" operierten, während die Eevolutionäre sich der Bomben bedienten. Schliesslich sagte der General: „Es ist mir unmöglich, das Cafe des Verbandes der russischen Leute zu schliessen; wenn ich es täte, würden die 20000 Mitglieder des Verbandes einen Pogrom organisieren, gegen den der Pogrom vom Oktober 1905 ein Kinderspiel war. Ausserdem darf nicht übersehen werden, dass die Taten der Mitglieder des Verbandes der russischen Leute gemeinhin auf die terroristischen Taten der Eevolutionäre folgen; wenn diese aufhören, werden jene auch aufhören . . . ." (Das Protokoll der betreffenden Sitzung ist in den Nummern 64 und 65 des ..Russ'* vom Jahre 1907 zu lesen.)

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