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Ost und West · 1908-01-01 · Heft 1 (Januar 1908) · p. Seite 49 - 50

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 1 (Januar 1908)
Article
Die Zustände in Odessa seit November 1905
Date
1908-01-01
Page
Seite 49 - 50 (sequence 1)
Language
German
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49 50 M\WV'"" * W MITTEILUNGEN "m aus dem Deutschen Bureau der no nr o'Qiy BERUM,IN 2^. Alliance Jsraelite Univeiselle ^X-IKT *?D OranienDurgersrr.4?*3 DIE ZUSTAENDE IN ODESSA SEIT NOVEMBER 1905. Die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt wird wieder durch die neuesten Ereignisse in Odessa in Aufregung gebracht. In dieser Stadt von einer halben Million Einwohner, deren zahlreiche Polizei immer auf die Beihilfe von 20000 Soldaten rechnen kann, rauht und plündert eine Bande von Unholden mit den Abzeichen der „Liga der russischen Leute" auf offener Strasse und am hellen Tage die friedlich ihren Geschäften nachgehenden Pasganten, dringt mit Gewalt in Häuser und Kaufläden, zerstört und stiehlt fremdes Eigentum. Die Opfer dieser Ausschreitungen sind zum grössten Teil Juden, manchmal aber auch Christen, die irrtümlich für Juden gehalten werden. Auf unerklärliche Weise bleiben die Schuldigen für die Polizei unauffindlich, denn man hat noch keinen einzigen Fall zu verzeichnen, wo die Räuber und Plünderer ernstlich bestraft worden wären. Um der Oeffentlichkeit über dieses blutige Drama Aufklärung zu verschaffen, geben wir hier ein summarisches und streng genaues Expose über die Tatsachen, wie sie festgestellt worden sind. Der Monat Oktober 1905 wurde in Eussland durch eine Reihenfolge von Mordtaten gekennzeichnet, die gegen die Intellektuellen und gegen die Juden gerichtet waren. Die blutigsten Morde waren nach Veröffentlichung des Konstitutions- Manifestes vom 17 /30. Oktober verübt worden. In Odessa begannen die Unruhen am 1. November 1905 und hielten drei Tage an; man zählte über vierhundert Tote und über zweitausend Verwundete: Männer und Frauen, Kinder und Greise. Die Bevölkerung bezeichnete allgemein den damaligen Präfekten der Stadt Odessa, Neidhart, als den Urheber des Pogroms, und er wurde deshalb vom Ministerium Witte abberufen. Im Dezember 1905 wurde der Senator Kuzminski nach Odessa geschickt, um eine Enquete über das Vorgehen Nachdruck verboten. Neidharts zu veranstalten. In seinem Bericht verwirft Kuzminski die Beschuldigung der vorbedachten Anregung zum Pogrom, macht aber Neidhart den Vorwurf der Untätigkeit. Unter den bei der Untersuchung des Senators Kuzminski beschlagnahmten Papieren befindet sich das Tagebuch eines Beamten, namens Poldoljeff, der dem Präfekten für Spezialmissionen beigegeben war. In dem Tagesbericht vom 3, November (dem dritten Mordtag) liest man, dass General Kaulbars, der Kommandeur der Truppen für die Militäraushebung in Odessa, sich zu Herrn Neidhart begeben und vor den dort versammelten Militär- und Polizeiautoritäten eine Rede gehalten bat, die mit folgenden Worten begann: „Wir müssen die Dinge beim rechlen Namen nennen .... wir alle sympathisieren aufs wärmste mit den gegenwärtigen Gewalttaten" .... Dieser selbe General Kaulbars wurde nach Erklärung des Belagerungszustandes der absolute Beherrscher der Stadt. Auch heute noch bleibt die Stadt unter Militärgewalt, und General Kaulbars ist nach wie vor der Herr über Tod und Leben jedes Einwohners von Odessa. Der Nachfolger des abberufenen Präfekten Neidhart, General Grigoricff, wurde dem von Kaulbars ernannten Generalgouverneur Glagolef untergeordnet. General Grigorteff bewies vom Tage seiner Amtsübernahme an den aufrichtigen Wunsch, die durch die vorhergegangenen Unruhen aufgeregte Stadt zu beruhigen und das Leben der Einwohner ohne Unterschied der Nationalität zu beschützen. Aber seine Bemühungen scheiterten an unüberwindlichen Schwierigkeiten. Im Februar 1906 wurde in Odessa mit der Beihilfe des Generals Kaulbars eine Sektion des „Verbandes der russischen Leute" begründet. Ausserdem half General Kaulbars bei der Begründung der reaktionären

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