Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Zur Ausstellung jüdischer Künstler
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2:J G. Kutna: Zur Ausstellung jüdischer Künstler. 24 Fassung schöner Animaütät handelt, wie bei der ausgestellten ..Sphinx", entsteht Unklarheit und Verschwommenheit. Deutlicher tritt dieser Kimstcharakter hervor, wo es sich um Darstellung des Lebens und Erlebens der Juden handelt. Es sind Bilder des Leidens und Betens, der Heimatlosigkeit und der Schrecken. Und demgemäss sind die Kunstmittel. Der Grundzug ist der Schmer zenston, und die Ausdrucksform ist die des Klagelieds. Kurz, abrupt und vollgetränkt das Detail, Gebrochenheit und Gepresstheit im Vortrag, gewaltsames Verstummen und atemloses Innehalten an den Uebergänsen. Graue Flächen sind hart durchbrochen, dunkle Massen pressen sich darin aneinander, formlos zusammengeballt in Enge und Lichüosigkeit, vom weiten Räume getrennt, rückgestossen, unüberbrückbar zur Welt. Eine Schwere lastet, Dunkelheit durchzieht den Tag, und Einsamkeit kreist um die Gestalten. Man sehe Hirszenbergs ,,Verbannung'4 (Abb. im vorigen Heft von „Ost und West"). Die tragische JSAAC ISRAELS. OELGEMAELDE. Probiermamsell. Zweiheit ist darin: der Erdenraum und die Menge wurzellos in ihm; der gemeinsame Zwang ist darin: Einzelwesen zur Masse geschmiedet; und die Verlorenheit ist darin und die Atemstockung. So wandern sie, ins Endlose ziellos, und etwas lauert um sie her, und trafen Ketten an den Füssen. Bei einem zweiten Werk Hirszenbergs, „Spinoza*' stört die ostländisehe Typik der Personen. Wenn der Philosoph mit seinem Buche über die Strasse geht und ein polnischer Jude einen Stein aus dem Pflaster reissen will, um ihn auf den Vtrfehmten zu schleudern, ein zweiter die Türe zuhält, in die er gar nicht treten will, und die anderen ibn mit Hass und Schreck betrachten, so wirkt diese erzählerische Nnchdrüeklichk-nt mehr wie eine kuriose Historie wie als bildhafte Charakteristik. Man kann gerade in der Ausstellung den Weg verfolgen, den die Darstellung jüdischer Motive, der allgemeinen Entwicklung der Kanstgestaltung konform, von einer solcnen anekdotischen Weise zu einer synthetischen genommen hat. Fjüher, im Zeitalter der „Gartenlaube", war die Art beliebt, durch die Moritz Oppenheim berühmt geworden ist. Die Auffassung ist sentimentalisch, nlhrende Szenen spielen sich ab, und erbauliche Sabbathstimmung geht durch das Haus. Ein armer Wanderer wird zu Tisch geladen, Frauen lächeln im Mutterglück, still friedlich ist die Runde, und der siebenarmige Leuchter breitet sein mildes Licht darüber. Alle haben eine zarte Haut und weiche Seelen, das Leben ist eine Novelle, und süsse Frommheit schwärmt. Ein charakteristisches Beispiel ist der ,.Dorfgänger" auf dir Ausstellung. Der junge Hausherr tritt aus der Tür und küsst den Pfostenspruch, ehe er den Weg antritt (er ist eine fromme Seele), hinter ihm steht das Weib, die wackere Gefahrtin, und faltet die Hände, segnend und betend beim Ausgang ihres Alannes (ein fromm Gemüt gleich ihrem Gatten), Grossvater steht von der Bank auf, um dem Sohn ein Geleitwort auf den Weg zu geben, er hält das Pfeifchen in der Hand, wie das Grossväter so zu tun pflegen (und ist ein frommer alter Mann), das Söhnchen steht schon draussen und gibt einem bettelnden Christenknaben ein Almosen in den Hut, fromm und mitleidig und ach, so rührsam. Das sentimentale Beiwerk zerspaltet den Gegenstand, die seichte Typik verwässert das Menschliche, und die Rührseligkeit überschwemmt das natürliche Dasein. Diese Art entsprach der Tendenz der Zeit, Armut und niederen Stand in gönnerhaftem Optimismus den Charakter des Lyrischen und Idyllischen zu geben. Eine andere, dem Realismus nähere Darstellungsweise ist die, wie sie bei Isidor Kaufmann zu beobachten ist. Auch sie ist anekdotisch, doch sachlicher, weniger schönfärberisch, mit einem Einsehlag von Humor. Auch hier herrscht die Detailschilderung vor, man erkennt das gewählte ..SujVt", aber an Stelle der künstlichen Gefühlsakzente tritt Charakteristik und Beobachtung. Es sind Juden aus der Wirklichkeit, wenn auch das Modellniässige nicht überwunden ist und die Situation interessant zu sein sucht. Wenn sie am „Versöhnungstag ' (Abb in der vorigen Nummer von ,,Ost und West") im Gebet beisammen sind, hat doch jeder einzelne eine besondere Aufgabe im Bilde: gesehen zu werden und durch sein Sonderdasein zu interessieren. Moderne Künstler erstreben darin Einheitlichkeit, Gesamtstimnmnof und zentrales Raum<refühl. Derlei hat der auch durch die eigenartige Technik interessierende „V ersöhnungstag" von Richard Goldberg (Abb. in No. 7 des IL Jahrgangs von ,,Ost und West")- Um die einzelnen Beter ist die Stimmung des Betens gelegt, der Raum und sein Hauch