Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1908)
- Article
- Zur Ausstellung jüdischer Künstler
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 3)
- Language
- German
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21 G. Kutna: Zur Ausstellung jüdischer Künstler J. KAUFMANN. Der Zweifler. OELGEMAELDE. sanier, aus dem jüdischen Wesen heraus bedingter Grundzug kund gibt. Wie sehen diese Künstler die Welt an? Wie sehen sie ihre Stammesgenossen an? Welche Mittel und welche Wirkungen zeigen sie in ihrer Kunst? Dabei ist unverkennbar folgendes festzustellen. Wie im ganzen Lebensgefühl der Juden geht auch hier ein Zug von Osten nach dem Westen, ein Zug des Freierwerdens, des Hellervverdens, der fortschreitenden Erlösung. Natürlich ist das kein Dogma, das ausnahmlos zu gelten hat. Aber die Beobachtung lässt sich machen: im Osten hat der Gegenstand, die Auffassung, die Kunstentwicklung etwas Schmermütiges, Banges, Trübes; das Gegenständliche spielt eine grosse Rolle, die Wirkung geht aufs Gemüt, der reine Kunstreiz ist ein fast sekundärer Effekt. Im Westen ist die Konzeption eine artistische, die Behandlung eine sachlich freiere, Linie, Farbe, Aufbau und Raumgestaltung haben eine selbstherrliche Mission, und das Ergebnis ist Kunstschönheit und edler Sinnesreiz. So frei nach der Schönheit langen, ist denen nicht gegeben, die unter dem Druck des Tages seufzen. Dazu sind es meist Leute, deren ganzes Künstlertum ein verklärender Rückblick auf das Elend ihrer Heimat und Kindheit ist. Durch die Kunst machen sie sich den Lebenskreis ihrer Jugend wieder zu eigen und suchen die Bitternisse des Daseins in eine Sphäre zu heben, wo sich der Schmerz zu Wehmut verklärt. Wie ein stillschweigendes Gelöbnis spricht es aus ihren Werken: diese Leidenswelt ist unserer Kunst Bereich, und dem verstummenden Weh wollen wir Künder sein. So liegt ein Schattenhauch darum, ein Trauernebel und greise Mattigkeit; es ist nicht Helligkeit darin, nicht Sonnigkeit, nicht heiteres Griechentum. Es fehlen die lachenden Gefilde, die freien lichten Weiten, der frohe Farbenklang und die unbekümmerte Sinnlichkeit. Vergeistigt und versonnen ist das Dasein, Blick und Geste sind Avie verirrt draussen, heimstrebend nach der Innerlichkeit. Alle Strahlen sammeln sich nach innen, und die sinnliche Erscheinung erscheint wie in einer Transparenz. Da sind Plastiken von G1 icen st ein. Deren erster Eindruck ist nicht der des dreidimensionalen Daseins, im Räume enthüllt, sondern des konzentrisch Abgekehrten, Meditativen; die sinnliche Essenz ist von psychischer Verschleierung umhüllt. Sein nackter „Wanderer" ist fern von Nacktheit, eine Wolke scheint um ihn gelegt, die verhaltene leise Bewegung und das ganze Formelement hat etwas von Geborgenheit. Bei dekorativen Arbeiten ergibt sich aus dieser Form ein eigener Heiz, wo es sich aber um plastische