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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 489 - 490

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1916-12-01
Page
Seite 489 - 490 (sequence 5)
Language
German
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4S9 Am Tage des Gerichtes. 490 Oschamnu, wir haben gesündigt, bogadnu, wir waren treulos, gosalnti, wir haben geraubt, haben Unreines geredet, Gewalttaten verübt, Verlogenheit gepflegt, Böses gesonnen, Lüge gesprochen, Spott getrieben, sind .widerspänstig gewesen, haben gelästert, haben gefrevelt, sind hartnäckig gewesen, haben Verderben gestiftet, haben unsere Seele verunreinigt, haben geirrt, haben verführt . . . Immer schwächer und schwächer wird seine Stimme und verhaucht endlich in einen schweren Seufzer. Wie zusammenbrechend unter solcher Schuldenlast, hält er inne und schweigt still. Doch nur eine kurze Weile, denn nun muß er das Gericht Gottes rechtfertigen. „Du bist gerecht in allem, was Du über uns verhängt hast, denn Du bist die Wahrheit, aber wir waren schlecht." Jetzt erhebt er sehnsüchtig seine Seele zu Gott, Gott wird seinen starken Arm ausstrecken und ihn herausziehen . . . ,,Leg es in unser Herz, den Weg des Bösen zu verlassen und schicke uns geschwind die Erlösung, wie es geschrieben steht durch die Hand Deines Propheten: ,,Es verlasse der Bösewicht seinen Weg und der Mann des Unrechts seine Pläne und kehre zurück zu Gott. Der Ewige erbarmt sich sein . . . Bezwinge unseren Trieb, daß er Dir Untertan sei, beuge unserer; Nacken, daß wir Buße tun zu Dir, wie es geschrieben steht in Deiner Thora: der Ewige, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Kinder öffnen, daß ihr ihn liebt von ganzem Herzen und ganzer Seele, damit ihr das Leben erbt . . ." Simon Berg hatte die Lippen zusammengekniffen und blickte in das aufgeschlagene Buch. In seinem Herzen erhob sich ein großer Trotz und machte ihn hart. Er blieb sitzen, so oft die ganze Gemeinde aufstand. Er neigte den Kopf nicht, wenn die Heilige Lade sich öffnete. Kalt und nüchtern hörte er die Gesänge an und begleitete sie im Innern mit kritischen Bemerkungen. Habe ich gefrevelt? War ich treulos? Habe ich geraubt? Nein, ich habe nicht geraubt. Das paßt alles nicht auf mich. Das geht mich gar nichts an. Ich besitze neuntausend Gulden, und habe niemanden beraubt. Nie habe ich mir einen fremden Pfennig angeeignet. Hunderttausende ungezählten Geldes gingen durch meine Hand, das ganze Vermögen Rebensteins verwaltete ich. Von Grafen und Pürsten der Umgebung, von Großgrundbesitzern, Geschäftsleuten, Bauern, Juden und Christen, hatte ich oft große Summen zur freien Verfügung. Wäre ich ein Dieb und ein Rätiber, ich wäre heute ein reicher Mann und stünde nicht da mit leeren Händen nach einem halben Leben voll anstrengender und erfolgreicher Arbeit . . . Sein ganzes Leben zog jetzt an ihm vorüber. Als er sechszehn Jahre alt war, starb ihm die Mutter, kurz nach der Geburt eines Mädchens. Der Vater, ein armer, vielgequälter Melam'med, ein gelehrter und heiliger Mann, seit jeher leidend, siechte einige Monate dahin, bis er der Frau in den Tod folgte. Arme Verwandte nahmen sich des Säuglings an. Er aber, Simon Berg, ein aufgeweckter Knabe, im Talmud und Peskim gar sehr bewandert, sollte, wie bisher, im großen Bethaminidrasch sitzen und lernen", bis er so gelehrt würde, wie sein Vater und sein Amt erben konnte. Gute Menschen, ebenfalls arme Leute, erboten sich, ihn je einen Tag der Woche an ihrem Tisch essen zu lassen. Simon Berg jedoch ging in die groeß Sägemühle des reichen Rebenstein und fragte nach Arbeit. Man nahm ihn als Laufjungen an. Monate und Monate besorgte er Botengänge, aß gebratene Kartoffeln und schlief im Fabrikhof auf Hobelspänen. Aber einmal begegnete ihm der alte Rebenstein und erinnerte sich, von seinem verstorbenen Vater, dem Melam'med, ein „gutes Wort", sinnreiche Deutung eines Bibelverses oder dergl., gehört zu haben. Rebenstein, der aus seiner Jugend einige verschwommene jüdische Kenntnisse gerettet, hatte eine Schwäche für „gute Wörtlein" und ließ ein solches nie unbelohnt. Er schenkte dem Jungen fünf Gulden, damit er sich Stiefel anschaffte, und schickte ihn zu einem Privatlehrer, der ihm die Anfangsgründe des Polnischen, des Deutschen und des Schönschreibens beibrachte. Simon kam in das Kontor. Jetzt hungerte er nicht mehr so regelmäßig, konnte sogar den Pflegeeltern seiner kleinen Schwester zuweilen ein kleines Geschenk machen. Die Nächte verwendete er, um sich tüchtige Kenntnisse anzueignen. Manchmal hatte er Gelegenheit, seine Begabung an den Tag zu legen. Das erregte den Neid der ältern Beamten. Eine_ Periode harter Kämpfe begann. Man drängte ihn immer in den Hintergrund, schob ihm die undankbarsten Aufgaben zu, ließ ihn nicht hochkommen. Aber seine Tüchtigkeit und sein heiterer Sinn trugen schließlich den Sieg davon. Er lernte mit der Zeit den ganzen kaufmännischen und technischen , Betrieb des großen Unternehmens kennen, und nach einigen Jahren vertrat er den Direktor. Allmählich wurde er in den zahlreichen Besitzungen seines Brotgebers heimisch. Er war eine sehr brauchbare Kraft. Der alte Rebenstein war stolz darauf, ihn entdeckt zu haben. Er hatte wieder einmal Scharfblick und Menschenkenntnis bewiesen. vSimon 'Berg .wardnach und nach sein Vertrauensmann und Bevollmächtigter, die Seele aller seiner ausgedehnten Geschäfte. Und er hatte es gut bei ihm. Nie verweigerte er ihm einen Vorschuß, oft bot er ihm selber welchen an, so daß Simon bei ihm immer tief in der Kreide saß. Als er so weit war, seiner Schwester, die ihn abgöttisch liebte und verehrte, aufhelfen zu können, bedurfte sie seiner nicht mehr. Sie hatte ein Handwerk erlernt, sich selbständig gemacht, verdiente reichlich und legte sogar etwas beiseite. Simon Berg entfaltete eine große, erfolgreiche Tätigkeit. Er liebte die Arbeit, die vielen Menschen Nahrung gab . > . Aber den Sabbat verbrachte er im Bethamidrasch, über den lieben, alten Büchern oder in gelehrten Ge^ sprächen. Das bewahrte ihm seine heitere Seelenruhe und hielt ihn aufrecht im Lebenskampfe. Als er ein wunderschönes, aber armes, etwas kränkliches Mädchen heiraten wollte, riet ihn Rebenstein nicht ab. Im Gegenteil, es war ja eine gottgefällige Tat, ein armes Mädchen aus guter Familie glücklich zu machen. Drei selige Jahre verlebte Simon an der Seite seiner jungen Frau. Dann fing sie an zu kränkeln . . . ,,He, Simon, Freund, warum machst du dich nicht selbständig, ein tüchtiger Kerl, wie du bist? Ich verpachte dir mein Gut Karowka mit den sechs Meiereien", sagte oft der Graf Wronski zu ihm. Keinen Heller Kaution verlange ich von dir. Du wirst ein reicher Mann werden. Dir wirds alle Welt gönnen. Mach dich selbstständig, bevor es zu spät wird. Freilich", fügte er hinzu, „den Rebenstein kann ich verstehen, wenn ich einen solchen Oberverwalter hätte, ich ließe ihn auch nicht laufen" . . . Simon konnte nicht daran denken, sich selbständig zu machen. Er war

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