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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 487 - 488

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1916-12-01
Page
Seite 487 - 488 (sequence 4)
Language
German
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487 Am Tage des öerichtes. 48S um ihn die Vorgänge der letzten Monate in scharfem Lichte seilen zu lassen. Er saß noch immer mit geschlossenen Augen da und ließ die Ereignisse an sich vorüberziehen. Und dort oben sang die Stimme voller Zerknirschung und Wehmut: O, laß uns nicht zur Sünde gereichen, daß' wir töricht gewesen und gefehlt haben, und die Gemeinde fiel ein: Gesündigt haben wir, unser Hort, Vergieb uns, unser Schöpfer! Ein großes Weinen ging durch die Menge, man hörte förmlich das Dröhnen der Fäuste, die. iaut die Herzen schlugen. Von der Frauensynagoge quoll ein stürmisches Jammern und Schluchzen« herab. Simon Berg öffnete nicht den Mund. Er dachte an die neuntausend Gulden, die er später aus der Schublade ziehen würde, um ein großes' Geschäft zu beginnen und ein reicher Mann zip werden. Ganz klar überlegte er alles. Er musterte in Gedanken die ganze Umgegend, was er wohl m Angriff nehmen könnte. Oder sollte er lieber' •auswandern? Weit weg nach Amerika? Mit seiner Tüchtigkeit und mit dem vielen Gelde konnte man es überall zu was Rechtem bringen. Das von vor-, hin war alles Spuk, kindische Schwäche, Lächerlichkeit, schickte sich nicht für einen Mann, der mitten im Leben stand und schon so manchen Kampf durchgemacht hatte. Man muß die Sache nur fest anfassen . . . Drei Monate lang ängstigte er sich vor dem finsteren, dunklen Dinge, das wie eine Wolke über ihm schwebte. Nun war sie zerflossen . . . Leerer Wahn war das alles. Die Furcht vor einem Gespenst verscheucht man am besten, indem man es fest anfaßt. Waswar denn dabei? ... Er war im Besitz von neuntausend Gulden und hatte den Schlüssel zum Reichtum in der Hand. Wer kann ihm was tun? Er fragt nicht nach der Weit. Nun will er beten mit den {andern, allen zum Trotz . . . sich selber zum Trotz .... „Mögen die Worte unseres Mundes und das Trachten unseres Herzens zum Wohlgefallen sein vor Dir, Ewiger, unser Hort und Erlöser!" — Er stammelte: ,,Ö wirf uns nicht hinweg von Deinem' Angesicht und Deinen Heiligen Geist nimm nicht von uns, verlaß uns nicht, Ewiger, unser Gott, und entferne Dich nicht von uns, beschäme uns nicht ..." ... neuntausend Gulden liegen in der Schublade . . . zwischen den Deckeln der Briet-, lasche . . . Man fängt ein großes Geschäft an, eine Spiritusraffinerie, daran wird man reich...... „Lehre uns Deine Gesetze, weise uns Deine Wege, lenke unser Herz zur Ehrfurcht vor Dir, öffne unser Gemüt, Dich zu lieben, daß wir zu Dir umkehren in Wahrheit und von ganzem Herzen . . ." Eine Petroleumgrube ist besser . . . nein, es ist Unsinn, es hat keinen Zweck, zu beten ... es ist die reine Qual . . . „Um Deines großen Namens willen vergib und verzeih unsere Sünden . . . ." neuntausend Gulden, neuntausend Gulden in Banknoten .... Es entstand auf einmal eine tiefe Stille, aber sie dauerte nur. eine kleine Weile. Bald erscholl die Stimme des Vorbeters: „O, unser Gott, Gott •unserer Väter, verzeih uns, vergib uns, sühne uns . . ." Dann hielt er inne und schwieg still. Und es erhob sich ein großer Chorgesang, von, einer Schar junger Knaben gesungen. Wie die Töne zahlloser Silberglocken klangen die Stimmen ineinander. Sie sangen ein fröhliches Lied: Wir sind Dein Volk und Du bist unser Gott, Wir sind Deine Kinder und Du bist unser Vater, Wir sind Dein Erbe und Du bist unser Anteil. Wir sind Deine Herde und Du bist unser Hirt .. . Immer zuversichtlicher und jubelnder schwang sich das Lied, von einem großen Vertrauen getragen, empor: Wir sind Dein Garten und Du bist unser Hüter, Wir sind Dein Volk und Du bist unser Schöpfer, Wir isind Deine Gefährtin und Du bist unser Freund, Wir sind Dein Besitz und Du bist unser Nächster. . jetzt aber ertönte die tiefe Stimme des Vorbeters; wie erschrocken über so viel Zutraulichkeit gebot sie den jungen Knaben Schweigen, die alsogleich verstummten, während sie bebend in Demut und Zerknirschung fortfuhr zu bekennen: „Wir sind dreist von Antlitz, Du aber, bist barmherzig und liebreich; wir sind harten Nackens, Du aber bist langmütig und duldsam. Wir sind voller Sünden, Du aber bist voller Gnade. Wir — unsere Tage gleichen dem dahinschwindenden Schatten, Du aber bist unendlich und Dein Leben ist luv endlich" . . . Nachdem er so den Abstand zwischen Gott und den Menschen ermessen hatte, wurde er sich seiner Sünden bewußt und wagte es, sie zu bekennen ... „Sind wir doch nicht so schamlos und trotzig, um zu sprechen, Gerechte sind wir, haben nicht gesündigt. Ach nein, wir und unsere Väter haben gesündigt . . ." Schwer ist es, sich der Missetaten zu entsinnen und sie zu beichten. Scham und Reue erfüllen das Herz des Menschen. Nur eins macht ihm das Bekenntnis leichter: er hat aus Verblendung und Schwäche gesündigt. Das drückt er durch den Gesang aus. Lockende, lustige Töne erklingen, eine muntere Weise, wie zum Tanze einladend. Der Mensch widersteht, wehrt sich, wendet sich ab. Aber die Töne werden immer weicher und schmelzender, sie bitten, einschmeichelnd, kosend: komm, o komm, hier ist es so wohlig, so süß!... Er tut den ersten Schritt. Doch schon besinnt er sich und wiJJ zurückweichen, aber der Gesang kichert und lacht so lieblich und immer lieblicher; halb wollüstige, halb sehnsüchtige Seufzer entringen sich der Brust. Dazwischen brausen leichte, hüpfende Töne auf und ersterben gleich wieder wie ein Hauch . . . Ein schleichender Rausch erfaßt den Menschen. Schon verstrickt er sich immer tiefer in die Netze und die Töne werden immer süßer und lockender, ein Taumel ergreift seine Sinne. Es zieht ihn immer mehr in das vielverheißende Dunkel hinab, immer weiter weg von dem leuchtenden Antlitz Gottes. Doch bisweilen kommt ihm die Besinnung. Er erschrickt, er schreit auf in ängstlicher Qual, er nimmt sich zusammen, will umkehren, versucht, der Sünde zu trotzen. Aber schon ist es zu spät. Eine süße Schwäche hat sich seiner bemächtigt, seine Seele ist umnebelt, er zerrt vergebens an seinen Ketten, sie ziehen ihn nur immer tiefer hinab. Jetzt erfaßt ihn eine wilde Verzweiflung. Er stürzt sich kopfüber in den Pfuhl. Er will vergessen, daß er einst rein war. Immer tiefer, immer tiefer hinab! ... In rasendem Tanz geht es vorwärts. Er zieht andere mit hinein in den Wirbel. Immer höher, immer höher steigt der Rausch . . .

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