Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Am Tage des Gerichtes
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 485 - 486 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4S5 Am Tage des Gerichtes. 486 Donnerwetter, oder es gibt was!". . . Simon faßte ihn kräftig bei der Schulter und schob ihn sachte zur Tür hinaus. Dann legte er mit automatischer Bewegung, immer mit den verwickelten Rechnungen beschäftigt, das Bündel Banknoten in den Geldschrank zu den anderen»* Haufen Papiergeldes, die dort lagen. Dann riß er das Fenster auf, um den widerlichen Geruch zu verscheuchen. Er saß noch einige Stunden lang und brach ab, ohne die Rechnungen entwirrt zu haben. Einige Tage darauf prüfte er seine Kasse und fand, daß neuntausend Gulden zu viel da waren. Kr erschrak. Kr prüfte alle Bücher und Papiere mit peinlichster Genauigkeit, aber ohne Erfolg. Ein- •mal, als er wieder beim Morgengrauen nach durchwachter Nacht über den Büchern saß und der Herkunft der überschüssigen neuntausend Gulden nachsann, stieg in ihm die Vermutung auf, daß Stefan Gemba ihm Tausendguldenscheine anstatt Hundertguldenscheine gegeben haben könnte . . . Kr ging in der Erinnerung alle die kleinen Begebenheiten der letzten Tage durch und immer klarer wurde es ihm, daß dies der Ursprung der Summe war. Nun kannte seine Aufregung keine Grenzen. Er ging nochmals alle Bücher durch, prüfte die kleinsten Einzelheiten, rief sich jeden Schritt, den er getan, ins Gedächtnis zurück . . . Ks war kein Zweifel möglich, er hatte die volle Gewißheit, daß die neuntausend Gulden Kigentum des Stefan Gemba waren. Gegen Abend desselben Tages steckte er neun Tausendguldenscheine' in seine Brieftasche und machte sich auf den Weg nach dem Palast des Stefan Gemba, der zwei Kilometer außerhalb des Städtchens lag. Aber als er am Eingang zu dem Park die blühenden Bäume und die prächtigen Blumenbeete in der Abenddämmerung betrachtete, hörte er deutlich, wie eine leise, ganz leise Stimme ih;m zuflüsterte: „Narr, die neuntausend Gulden sind dein!" Gleichzeitig faßte ihn eine fremde Hand beim Nacken und drehte ihn um. Er fing jan, schnell auszuschreiten; nach einer kurzen Weile langte er schweißgebadet in seiner Wohnung an. Es war dunkel. Die Schwester war mit den Kindern spazieren gegangen. Er eilte in die Kammer, wo unter alten Möbeln ein niedriger Schrank mit Schubladen stand, in dem alte Bücher lagen. Er zog die unterste Schublade hervor,und schob die Briettasche unter ein Paket alter Schriftstücke. Dann rückte er, nicht ohne Mühe, die Schublade wieder hinein und schlich sich leise auf den Zehen hinaus.. Draußen atmete er tief auf und wischte sich den: Schweiß vom Gesicht. Es war merkwürdig schwül heute Abend ... Da stürzten die Kleinen, mit der Schwester vom Spaziergang heimgekehrt, jubelnd auf ihn zu und umfaßten seine Knie. Lauter als gewöhnlich erwiderte er ihre Liebkosungen, 'den ganzen Abend war seine Fröhlichkeit lärjnender als sonst. Bei Tische aß er viel, ließ sogar, zum größten Staunen seiner Schwester, eine Flasche Wein holen, dann tollte er mit den Kindern, und schließlich faßte er das Mädchen um die Taille und hüpfte mit ihr im Zimimer herum, zur größten Belustigung der Kleinen, die dem Beispiel sogleich f(olgten. Er lachte laut und redete viel, so daß die bedächtige Schwester den Kopf schüttelte. Die ganze Nacht wälzte er sich schlaflos hin und her und gab sich Mühe, erfreut zu sein . . . Nun war er aller Sorge um die Zukunft enthoben. Mit neuntausend Gulden Barvermögen ohne Schulden kann .man einen Kredit von fünfzigtausend beanspruchen. Bei seiner Tüchtigkeit, Geschäftskenntnis und seinem guten Ruf in der ganzen Umgegend, konnte er das größte Geschäft anfangen, ein großes Gut pachten, eine ^Fabrik gründen,, er hatte den (Schlüssel zum Reichtum in der Hand. Er brauchte sich nicht mehr zu sorgen, was er nach Neujahr beginnen sollte, wenn Rebensteins Geschäfte liquidiert waren und er ohne Posten dastand. Die Stellung bei Heinrich Rebenstein war sehr schwierig, er verstand nichts vom Geschäft. Sein Vater freilich war ein tüchtigen und ehrlicher Geschäftsmann gewesen. Ihm, Simon Berg, schenkte er besonderes Vertrauen, besoldete ihn" gut und gewährte ihm unaufgefordert unbegrenzte Vorschüsse, mit denen er die mehrjährige Krankheit seiner Frau, die kürzlich gestorben war, •ihren wiederholten Aufenthalt in Cairo und in Italien, bestritten hatte. Im Gegensatz zu seinem Vater war der Sohn hochmütig, unfreundlich und (argwöhnisch, dabei von der peinlichen kaufmännischen Ehrlichkeit seines Vaters weit entfernt. Nun hatte er beschlossen, alle Besitztümer zu verkaufen und fortab in Brüssel zu leben. Simon Berg hatte er erklärt, daß er ihm zum Lohn für die zwanzigjährigen treuen Dienste und um das Andenken seines Vaters zu ehren, seine Vorschüsse, die sich auf mehrere tausend Gulden beliefen, bis auf Heller und Pfennig zu erlassen gesonnen sei. Simon Berg stand also nach so vielen Jahren schwerer Arbeit mit leeren Händen da . . . Einen ähnlichen Posten zu finden, konnte er nicht hoffen. Trotz seiner Tüchtigkeit und seines unverzagten Lebensmutes beschlich ihn oftmals die bange Sorge um die Zukunft ... Ah, jetzt lagen dort in der Schublade neuntausend Gulden, neun Tausendgulfdenscheine, über die er ganz uneingeschränkt verfügen durfte. Er war erlöst . . . Warum, war er denn •nicht fröhlich? . . . Keiner würde sich wundern, daß er aus seiner Stellung als Oberverwalter bei Rebenstein mit einem ansehnlichen Barvermögen geschieden war ... Er erhob sich leise und horchte nach dem angrenzenden Zimmer. Sie schliefen ruhig ... Er schlich behutsam nach der Kammer, zündete eine Kerze an und zog die Schublade hervor . . . Seine Hand tastete sich unter •den modrigen Büchern und Schriften hinauf, fuhr mit Wohlgefallen über das glatte Leder der Briettasche und drückte sanft den geschwellten Deckel . . . D:ann richtete er sich auf, blies die Kerze aus und kehrte aut den Zehen zu seinem •Bett zurück . . . Einige Tage darauf erklärte er seiner Schwester, man müsse die Kammer fortab verschlossen halten, in der Stadt seien mehrere Einbruchsdiebstähle vorgefallen. Sie lachte ihn aus. Wer würde nach dem alten Gerümpel Verlangen tragen? Aber er erklärte, daß eine offenstehende Kammer die Diebe anlocke. Ein Schlosser kam; er hatte zufällig nur ein großes Vorlegeschloß für zwei Schlüssel vorrätig. Das wurde an der Türe der Kammer angelegt. Aber seither veränderte sich Simon Berg merklich. Er wurde verschlossen und wortkarg, fuhr häufig die Kinder unwirsch an, die langen, vertrauten Gespräche mit seiner Schwester 'hörten auf. Das Mädchen erklärte sich diese Verstimmung des Bruders mit der Ueberbürdung und (der Sorge um die Zukunft, war aber guten Mutes, denn sie hatte Vertrauen in seine Kraft. Sie sah nicht die schwarze Wolke, die über ihm hing und die jetzt be;m Gottesdienst vor ihm zerflossen war.