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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 483 - 484

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1916-12-01
Page
Seite 483 - 484 (sequence 2)
Language
German
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483 Am Tage des Gerichtes. 484 und sehnsüchtig, bald kräftig ausholend, und wieder leise verklingend; dann fiel die Gemeinde stürmisch ein . . . ,,Aufsteige unser Seufzen am Abend, Und komme vor Dich gen Morgen, Und es erscheine Gewährung . . . bis zum Abend." Noch einmal erbrauste der Schrei der ganzen Gemeinde, dann ward es still. Die Pforten der Heiligen Lade schlössen sich und der Vorhang ging nieder. Jetzt ertönte die klangvolle Stimme des Vorsängers : prhörer des Gebetes, Zu Dir kommen alle Sterblichen, Alle Sterblichen kommen, Um sich vor Dir zu bücken . . . Die Stimme schwieg und nun begann ein großes Sausen und Brausen, wie das Murmeln ides Waldes, durch den der Sturm fährt. Die ganze Gemeinde betete, jeder für sich. Simon Berg hatte ein Gefühl, als wäre er auf einmal aus einer Versammlung lieber Menschen in die dunkle Einsamkeit hinausgestoßen. Nein. Er wollte nicht draußen bleiben. Er hatte das Recht, zusammen mit den anderen zu beten. . . . Vor ihm lag das aufgeschlagene Machsor, er richtete sich auf und zwang sich, Worte des Textes hervorzubringen: Erhebet Eure Hände in Heiligkeit und lobet Gott . . . Lasset uns kommen in seine Wohnstätten . . . Ewiger, Gott der Heerscharen, wer ist gleich Dir, Du starker Gott, Treu und Glauben umgeben Dich, ... i' Dein ist der Tag, Dein ist die Nacht, : Du hast ja erschaffen das Licht und die Sonne, Recht und Gerechtigkeit sind die Grundfesten Deines Thrones, Gnäd' und Treue schreiten vor Dir her . . . Simon Berg quälte sich ab, die Worte hervorzustoßen, sie klangen ihm wie eine fremde Sprache. Jeden Vers begann er von vorne, sprach jedes Wort deutlich aus, aber die Verse entglitten ihm und verwirrten sich auf seiner Zunge. Er konnte den Sinn nicht zusammenhalten. Er fühlte, wie in seinem Innern sich etwas lockerte, er ward schwach. Das Drohende, Einstere, das dort ferne über ihm hing, löste sich los und rollte langsam 'heran . . . Vergebens bot er seine letzte 'Kraft auf, um es wegzustoßen, es rollte immer näher heran, unheimlich, groß, dunkel . . . nein, schwarz, nachtschwarz ... Er hüllte sich fester in den Tallith, schloß die Augen und wartete mit verhaltenem Atem. Ihm sauste es in den Ohren . . . Noch eine Sekunde, und es ist dicht bei ihm . . . Eine dichte, turmhohe Wolke, wüst und schwarz .. Wird sie einen Rachen öffnen und ihn verschlingen? Das Herz schnürte sich ihm zusammen. Er sank zurück und saß reglos da . . . Er beschloß, ruhig zu warten, was immer da kommen mochte. Die schwarze Wolke war stehen geblieben, er wagte sie anzublicken .... Es war nichts, als eine große schwarze Wolke. Nun wird sie anfangen, zurückzurollen und dann in der Ferne versinken . . . Er wartete . . . Jetzt drang zu ihm wie aus einer anderen Welt die Stimme des Sängers, gleich verhallenden Tönen, die durch einen dichten Nebelschleier kommen ... Deine Weise, unser Gott, ist es, Langmut zu üben gegen Gute und Böse . . . Und das ist Dein Ruhm . . . Die Gemeinde wiederholte. den Vers und es klang wie das Rauschen eines Waldes, durch den der Sturm fährt. Dann tauchte die Stimme des Sängers wieder empor: Um Deinetwillen, unser Gott, tue es und nicht um unserefwillen . . . Aber Simon Berg konnte nichts mehr hören, ■denn die Wolke vor ihm regte sich, rollte aber nicht zurück, sondern kam immer näher heran.. Jetzt hielt sie ganz dicht vor ihm . . . Sein Herz stand still, seine Arme sanken herab . . . Nun wird es sich über ihn e/gießen, wie ein zischender, wilder, tobender Strom. Aber die Wolke öffnete keinen Rachen, sondern fing an, langsam zu zerfließen. Eine Weile dauerte es. Einen Augenblick nur . . . Die Wolke hatte sich gelichtet / . . Und er sah . . . Es war beim Morgengrauen, vor drei Monaten war es. Er sitzt in seinem Arbeitszimrner nach durchwachter Nacht über einem Stoß sehr verwickelter Rechnungen. Die Tür öffnet sich polternd und herein torkelt der Großgrundbesitzer Stefan Gemba, der gefürchtetste Raufbold, Wucherer und Leuteschinder der Umgegend. Er ist vollbetrunken und seine Augen verschwimmen in dem aufgedunsenen, roten Gesicht. Ohne zu grüßen zieht er ein in schmutziges Papier gewickeltes Bündel Banknoten heraus und gröhlt: ,,Hier, Hundemensch, hast du die tausend Gulden, die du mir vor drei Tagen geliehen hast." Die Brusttasche seines Sommermantels ist stark gebläht. Er klopft darauf und fährt fort: „Hier, das ist ganz: voll. Dreihundertfünfzigtausend Gulden, nein cireihundertdreißigtausend Gulden, habe ich ihnen in drei Nächten abgeknöpft. Nackt habe ich sie ausgezogen, die durchlauchtigen Herren. Ha, ha, ha!". . . wiehert er vor Vergnügen. ,,Die gnädige Eran Gräfin hatte Geburtstag . . . Sie luden mich ein . . . hofften, mich zu rupfen. Aber wer hat 'Glück im Spiel? Stefan Gemba! Wer hat das? schönste Getreide in der Umgegend, die schönsten Weiber, die schönsten Pferde und die schönsten Viehherden? Stefan Gemba! Zweihundertfünfzigtausend, nein zweihundertdreißigtausend Gulden in drei Nächten. He, was? Simon, Hundemensch,; kannst du auch so etwas? Nein! Das kann nur Stefan Gemba allein. Sie platzten vor Neid und spülten den Aerger in Bächen von Champagner hinunter . . . Ich habe nicht gemogelt, nein! So wahr ich die allerheiligste Jungfrau und den Herrn Jesus liebe. loh mogele nie. Wozu soll ich mogeln? Ich kanns auch so. Ich hatte gerade kein bares Geld im Hause und mußte mir von dir tausend 'Gulden borgen. Du hast eine glückliche Hand. Wäre ich nicht Stefan Gemba, ich müßte dir tausend, nein hundert Gulden geben. Aber zeig mir erst den Menschen, dem Stefan Gemba schon jemals einen Sechser geschenkt hätte! . . . Ihr seid 'meine Nachbarn und Geschäftsfreunde, ich borge Euch auch manchmal was . . . Da, nimVn deine tausend Lappen, und ersticke daran, zusammen mit deinem Herrn und allen anderen Juden, die hier sitzen, wie die Läuse in unserem Pelz . . . blundeblut verdammtes . . . Jetzt fahre ich aber nach Hause und schlafe mich aus. Mein Kutscher Wasyl, der Hundemensch, hat seit drei Tagen keine Prügel gekriegt, und das Mariechen, meine Taube, .auch nicht, das muß zuvor erledigt werden. Na, Hundemensch, der du bist, laß mich gehen, zum

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