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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 481 - 482

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Am Tage des Gerichtes
Date
1916-12-01
Page
Seite 481 - 482 (sequence 1)
Language
German
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4SI Am Tage des Gerichtes. 482 AM TAGE DES GERICHTES. Novelle von B i n j a in i 11 S e g q |. Simon Berg erwachte aus bleiernem, traumlosem Schlaf, sein Kopf war schwer, er rieb sich die Augen und blickte verwirrt um sich. Wo war er denn? . . . Blendendes Licht von tausend Kerzen umflutete ihn, von fernher wogte ein mächtiger Gesang . . . Ah, es war Jörn Kippur, er befand sich im großen Bethammidrasch . . . Sein Herz schnürte sich zusammen. Nun hatte er das ganze Kol Nidre verschlafen. Er wandte sich an seinen Nachbar Mendel Färber: „Warum hast du mich nicht geweckt?" flüsterte er vorwurfsvoll., „ich hatte nicht das Herz, du schliefst so stili ein, gleich wie du dich nur niedersetztest Ich weiß ja, wie schwer du seit Monaten arbeitest und daß du ganze Nächte nicht schläfst." Simon saß schweigend da in dem weißen, faltenreichen Linnenkittel über der schwarzseidenen Pekesche, in dem silbergestickten Käppchen auf dem noch jugendlichen Kopf, dessen Schläfenlocken an den oberen Partien schon leicht zu ergrauen begannen; er rückte den Tallith zurecht, dessen breite Silberborte ihm auf die Schulter gerutscht war, und nahm sich zusammen, uim dem üesange zu lauschen, der von vorne her, wo die Heilige Lade stand, wie ein großer, breiter Strom seine Wellen über die tausendköpfige Menge «ergoß. Beide Pforten der Heiligen Lade waren weit geöffnet, und in dem ruhigen bläulichen Lichte der ewigen Lampe standen die Thorarollen da in ihren schimmernden silbergestickten Mäntelchen, wie eine Schar feierlicher, stiller Zeugen. Der Gesang setzte immer von neuem an, wie ein kräftiger Strahl aus der Tiefe emporquellend: „Jaaleh . . . Aufsteige unser Gebet vom Abend, Vor Dich komm' unser Rufen gen Morgen, Und es erscheine unser Singen" . . . ,,bis zum Abend", vollendete die Gemeinde einfallend, und es hallte dröhnend wie das Branden des Meeres. Dreimal schwang sich der Vers in die Höhe, einsam bittend, rufend, singend, bis er niedersank und unterging in dem gemeinsamen Chor der Betenden. Simon Berg lauschte und bemühte sich, mit einzustimmen, aber das Wort wollte ihm nicht aus der Kehle. So war das schon seit mehr als drei Monaten. Seit jenem Tage, . . . seit jener Stunde, . . . deren Erinnerung er mit aller Kraft seines starken Willens von sich/ •fortjagte. Seit damals kam kein Gebetwort über seine Lippen. Früh morgens legte er mechanisch Tallith und Tefiiiin an und murmelte die Berachah dazu, aber kaum fing er an, ein Gebet anzustiirrmen, so brach es gleich ab . . . Es war wie versiegt . . . Er versuchte wieder anzufangen, an der und jener Stelle, aber der Faden riß gleich ab. Seine Gedanken irrten hilflos umher . . . Und irgendwo fern, weit im Hintergrunde, lauerte etwas Furchtbares, Großes, Schwarzes ... Er strengte seinen ganzen Willen an, um seine Sinne davon abzuj lenken . . . Aber plötzlich packte ihn eine große Unruhe, die sich zu einem Angstgefühl steigerte. Er zog Tallith und Tefillin rasch aus, legte sie in großer Eile zusammen und lief aus dem Ziim'mer. Schließlich empfand er jeden Morgen zur Stunde des Gebetes ordentliche Qualen, eine Art peinlicher Scheu beschlich ihn bei dem Gedanken an Tallith und Tefillin. Einige Male versuchte er, sich zu überwinden, ging mit festen, polternden Schritten an den Schrank, holte den Beutel hervor und entfaltete mit Bedacht den Tallith, warf ihn über die Schulter, küßte die Zizith, sprach mit lauter, trotziger Stimme die Berachah, hüllte sich ein und verharrte länger als nötig in dieser Stellung, zog die Tefillin heraus und wickelte sie langsam um Arm und Haupt, dann fing er laut und im'mer lauter an zu beten, suchte die feierlichsten und schönsten Melodien hervor, wenn sie auch gar nicht zu den Wochentagen gehörten. Sein Beten wurde zum Geschrei, er wollte sich betäuben, seine Gedanken zusammenhalten, daß sie nur nicht hinausschweiften dorthin in die nebelige Ferne, wo jenes Drohende, Unheimliche lauerte. Aber nach einer Weile mußte er aufhören . . . Auf. einmal war er wie umgewandelt. Etwas wie ein fremder Schatten tauchte deutlich neben ihm auf, dann zog er schleunigst Tallith und Tefillin aus, warf sie auf einen Haufen und rannte davon. Schließlich hörte er ganz auf, Tefillin und Tallith anzulegen, was er seit seinem dreizehnten Lebensjahre keinen Tag verfehlt hatte. Er kam sich nun ■wie ein Verbannter vor, manchmal würgte ihn das Essen, aber er versuchte sich auszulachen und laß wütend darauf los, und verließ die Tafel, ohne das Tischgebet zu sprechen. An Sabbaten und •auch am letzten Neujahrsfeste war das viel leichter gewesen. Da stand er im großen Bethamrrridraseh im hellen Tageslicht mitten zwischen Freunden und Bekannten, die fröhliche und gehobene Stimmung teilte sich ihm mit, er vergaß alles, sein Wille war stark, und er richtete einen Zaun auf, der jenes Drohende und Unheimliche für immer von ihm fernhielt. Sobald aber der Sabbat vorüber war, stürzte er sich sogleich in die Arbeit, die alle seine Kräfte verschlang. Seit einem halben Jahr nahm er die Inventur des gesamten Besitzes seines neuen .Brotherrn, des jungen Heinrich Rebenstein, auf. Es galt, die Güter, Häuser und Fabriken den Käufern zu übergeben, die Geschäfte abzuwickeln und die Unternehmungen aufzulösen. Heinrich Rebenstein hatte nach dem Tode seines Vaters beschlossen, sich seiner sämtlichen Besitzungen im Lande zu entledigen und nach Paris überzusiedeln, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Simon Berg war seit mehreren Monaten •mit Arbeit überbürdet. Den ganzen Tag war er unterwegs, Nachts prüfte er die Bücher und die Rechnungen. Bis zum Ende des Jahres mußte alles erledigt sein. Simon Berg kam aus den Unterhandlungen, Besichtigungen und Schreibereien gar nicht heraus. Er lebte wie in einem Taumel. Nur wie durch einen schmalen Türspalt drang zuweilen das Bewußtsein seines Ichs und die Erinnerung an jenen verhängnisvollen Augenblick zu ihm. Dann vertrieb er sie durch ein starkes Aufbäumen seines Willens. Er arbeitete, arbeitete unaufhörlich. Abends sank er erschöpft aufs Bett und schlief traumlos ,,wie ein Stein". Seit drei Monaten war er jetzt zum erstenmal unter vielen Menschen und doch allein, auf sich' selbst gestellt, wehrlos seinen Gedanken preisgegeben. Und drüben klang der Gesang ununterbrochen weiter. Es war ein richtiges Volkslied. Der Vorbeter trug drei Verse vor, in einfachen; leicht schwingenden Noten, schmelzend

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