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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 461 - 462

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1916-12-01
Page
Seite 461 - 462 (sequence 6)
Language
German
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461 Rumänien und seine Juden. 462 es die Schuld den türkischen Grenzwächtern zuschob. Aber die Konsuln der sechs Garantiemächte richteten auf Grund genauer Informationen an den Präfekten am 15. Juli einen gemeinsamen Brief, in dem sie es „als ihre strengste Pflicht erklärten, gegen diesen Akt der Barbarei laut zu protestieren, für welchen sie dem Präfekten und seiner vorgesetzten Behörde die Verantwortung vor der zivilisierten Welt überließen". Am 23. Juli erneuerten alle sechs Generalkonsuln in Bukarest vor dem Fürsten diesen Protest und forderten dringend die Aufhebung aller gegen die Juden erlassenen Maßregeln. Es gab noch ein Geplänkel mit den türkischen Behörden, dann verlief alles im Sand, sogar der Präfekt blieb auf seinem Posten. Am 22. Juli erschien der Privatsekretär des Fürsten Carol, ein vornehmer Franzose namens Picot, beim Präsidenten der Alliance und bat, der gerade stattfindenden Sitzung des Zentralkomitees beiwohnen zu dürfen. Er gab im Namen des Fürsten dem tiefsten Bedauern Ausdruck, daß in der Ausführung der Maßregeln gegen die Vagabundage und jener aus hygienischen Gründen, untergeordnete Beamte in ihrem Uebereifer zu Gewaltakten sich hinreißen ließen, die die Regierung natürlich aufs schärfste tadelte; die Verantwortung für jene Maßregeln, selber mußte der Fürst, als konstitutioneller Monarch, selbstverständlich ausschließlich seinen Ministern überlassen. Mr. Picot versicherte, der Fürst stehe alldem ganz fern, er hege warme Sympathien für die Juden und wünsche sie zu emanzipieren; dieser Wunsch werde nur gedämpft durch den anderen, „sie möchten allem entsagen, was sie, wenigstens in ihrem Aeußeren und in ihrer Kleidertracht von den Rumänen unterscheidet." Bratianu bekam die üblichen Gesundheitsrücksichten und nahm seinen Abschied. Etwa ein halbes Jahr später war er wieder am Ruder. Am 22. August kam Moses Miontefiore nach Bukarest. Das war ein großes Ereignis. Moses Mbntefiore war damals unzweifelhaft eine der angesehensten Persönlichkeiten in ganz Europa und genoß die allgemeine Verehrung und das höchste Vertrauen aller Juden der Welt. Er galt als der persönliche Freund der Königin Viktoria, die ihn bei jeder Gelegenheit auszeichnete. Die diplomatischen Vertreter Großbritanniens hatten den Auftrag, ihm in allen ausländischen Städten, die er besuchte, fürstliche Ehren zu erweisen, und das erfüllte die Juden jener Gegenden mit berechtigtem Stolz und Zuversicht. Er war nach Damaskus, Aegypten, er war nach Rußland, er war nach Marokko gegangen, um für seine Glaubensgenossen einzutreten; er erschien wie eine wandelnde, allgegenwärtige Vorsehung seiner Brüder; nun war er auch nach Rumänien gekommen, da dort ihre Not am höchsten gestiegen war. Der Fürst Carol empfing ihn mit der größten Reverenz und gab ihm die beste Versicherung zu Gunsten der Israeliten. Schließlich lud er ihn zur Tafel. Im September fingen die Austreibungen nebst allen ihren Begleiterscheinungen von neuem an, diesmal in Galatz und Umgegend. Der rumänische Minister des Aeußern beauftragte einen bekannten Schriftsteller namens Ubicini, beim Präsidenten der Alliance Schritte zu tun. Im November erschien Bratianu bei Cr^mieux und hatte eine Konferenz mit drei Mitgliedern des Zentralkomitees, der auch der diplomatische Vertreter Rumäniens beim Kaiser Napoleon beiwohnte. Es wurde ein Waffenstillstand von zwei Monaten vereinbart, während dessen die Alliance alle Klagen und Proteste durch die Presse gegen die rumänische Regierung, diese ihrerseits alle Verfolgungen der Juden unterlassen und den bei ihrem diplomatischen Agenten in Paris vorgebrachten Beschwerden Genüge leisten sollte. Dieser Agent versicherte einige Wochen später der Generalversammlung der Alliance, daß sich „die gegenwärtige Lage der Israeliten in seinem Lande vollkommen zufriedenstellend gestaltet habe, und daß sie bei der Regierung des Fürsten Carol zu jeder Zeit Wohlwollen und tatkräftigen Schutz finden, die ihnen volle Sicherheit gewähren". POLITIK UND GESETZGEBUNG. In Rumänien waren inzwischen die Wahlen in die Kammer und in den Senat herangekommen. Dies steigerte noch die Erregung. Die Kandidaten hielten feurige Reden gegen die Juden: die Verfolgungen und Austreibungen nahmen zu. Gleichzeitig grub man alte Gesetze aus, die den Juden verboten, christliche Dienstboten zu halten; das Verbot wurde in Jassy öffentlich plakatiert, in die Dienstbücher aufgenommen, Uebertretimgen wurden in manchen Städten mit schweren Geldstrafen, auch mit Gefängnis und Prügeln geahndet. In mehreren Orten verbot man, Laubhütten zum Sukkothfest zu bauen, in Roman stellte man den Antrag, den jüdischen Friedhof in einen öffentlichen Garten zu verwandeln; in einer anderen Stadt verbot man, das Vieh nach jüdischem Ritus zu schlachten; der Schwur more judaico wurde wieder eingeführt. Bei jedem kleinsten Anlaß wurden schwere Geldstrafen über die Juden verhängt. Galatz und Bacau waren die Mittelpunkte der Verfolgung, von wo aus sie sich über weite Gegenden der Moldau ausbreitete; mitten im strengsten Frost wurden hunderte von Familien aus den Dörfern ausgewiesen, ohne Rücksicht auf die Proteste der Eigentümer, die mit den Ausgewiesenen laufende Pachtverträge hatten. Zum Schlüsse dieses Jahres kam noch eine Blutbeschuldigung in Calarasch, die auch in Bukarest ziur Agitation ausgenutzt wurde. Aehnliche Beschuldigungen tauchten in anderen Städten auf, wie dies immer in Zeiten gesteigerten Hasses gegen die Juden der Fall ist. Am schwersten wurden die Juden in Berlad betroffen. Am 22. Januar 1868 eröffnete der Fürst die neugewählte Kammer mit einer Thronrede, in der er versicherte, daß „alle Versuche, gehäßige Gefühle gegen die Israeliten zu erregen, wie dies jüngst in Berlad und Calarasch der Fall war, mißlingen werden, denn seine Regierung besitze die Mittel, derartige -Mlanöver zu vereiteln, ebenso, wie das rumänische Volk vor den gefährlichen Folgen der Vagabondage zlu schützen". Nach dieser fürstlichen Versicherung vom Thron herab konnte das Spiel von neuem beginnen. Der Minister Golesoo schrieb am 19. Februar an Sir Moses Miontefiore im Namen des Fürsten Carol: „Die Wahrheit zwingt mich, zu bemerken, daß, nach den Ergebnissen der Untersuchung, an die jetzt geschritten wird, es Ihre Glaubensge-

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