Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1916)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1916-12-01
- Page
- Seite 459 - 460 (sequence 5)
- Language
- German
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459 Rumänien und seine Juden. 460 Sogar aus Jassy wurden die Juden ausgewiesen, indem man sie als Vagabunden erklärte, und außerdem hygienische Polizeimaßregeln vorschützte. Es kam dabei zu barbarischen und grausamen Szenen. Jedermann aus dem Volke fühlte sich ermächtigt, auf eigene Faust Juden von der Straße weg verhaften zu lassen. Eine Kommission trat ad hoc zusammen, deren Mitglieder von Haus zu Haus gingen und Juden verhafteten und sie als Vagabunden austrieben. Die Konsuln der Garantiemächte in Jassy protestierten, aber Bratianu schob die Schuld auf untergeordnete Beamte. Eine Anzahl von Bojaren überreichte dem Fürsten einen energischen Protest, in welchem sie gegen die fürchterlichen Vorgänge Verwahrung einlegten. Lord Stanley beauftragte den englischen Konsul telegraphisch, sich sofort zum Fürsten zu begeben und ihn im Namen der Königin ,,mit den strengsten Worten" aufzufordern, den Schändlichkeiten ein Ende zu machen. Die jüdische Gemeinde telegraphierte über Seret — von Jassy aus wagte sie es nicht — an Cremieux am 25. Mai: „Man fährt fort, auf uns Jagd zu machen, man schlägt Greise und Kranke in Fesseln, alle Beschwerden sind vergebens. Unsere Blicke sind zu Ihnen erhoben, illustre correligionaire. Sauvez, sauvez, vos malheureux freres de la Moldavie!" Cremieux wurde auf der Stelle vom Kaiser empfangen und hatte mit ihm eine lange Unterredung. Napoleon III. erkundigte sich nach allen Umständen genau und schloß : „Mes sympathies sont acquises pour de si grandes infortunes." Er drahtete sofort an den Fürsten Karl: ,,Cette opression ne peut se tolerer, ni se oomprendre." Die rumänische Regierung setzte alldem ein beharrliches Leugnen entgegen: nichts als polizeiliche Maßnahmen gegen Vagabunden und aus hygienischen' Gründen seien vollzogen worden. Freilich schrieb Cusas Strafgesetzbuch von 1864 vor, daß keiner ohne gerichtliches Urteil als Vagabund erklärt werden könne. Der englische Konsul machte dem Fürsten gegenüber geltend, daß das Reskript des Ministers Bratianu der Verfassung widerspreche und, indem es die Juden außerhalb des Gesetzes stelle, sie der Plünderungssucht der Menge preisgebe. Der Fürst gab zu, daß das Reskript bedauerlich sei und versprach, daß es zurückgerufen werden würde. Mittlerweile dehnten sich die Verfolgungen von Jassy über das ganze Land aus. Am 19. Juni telegraphierten die Juden von Jassy abermals an Cremieux: ,,Die Ställe sind vollgepfropft mit Juden, die man aus den Dörfern vertrieb — sie sterben förmlich Hungers. In der Stadt werden die jüdischen Bewohner auf offener Strasse vom Militär geprügelt". Der Fürst machte unterdessen eine Rundreise durch das Land. In Braila, das seit vierzig Jahren zu einer schönen, reichen europäischen Stadt emporgeblüht war, dank den dort angesiedelten jüdischen Kaufleuten und Unternehmern, besuchte er sogar die Synagoge, wo er mit großem Pomp unter dem Gesang von Psalmen in rumänischer Sprache empfangen wurde. Bei seinem Einzug in Jassy warfen sich die seinen Wagen begleitenden Fackelträger auf die Juden und zündeten ihnen die Bärte und Kleider an. Der englische Konsul von Jassy nahm die Gelegenheit wahr, um beim Fürsten ein gutes Wort für die Juden einzulegen. „Der Fürst, dessen gute Gesinnungen nicht zu bezweifeln waren", sagt Loeb1, „bemühte sich natürlich, seine Minister zu entschuldigen". Am 1. und am 5. Juli wurde die englische Regierung in beiden Häusern des Parlaments wegen der Judenverfolgungen in Rumänien interpelliert. Im Oberhaus eröffnete die Diskussion Lord Stratford de Redcliff, einer der ältesten und angesehensten Diplomaten der Vereinigten Königreiche, der Ihre Majestät viele Jahre hindurch als Botschafter bei der Pforte vertreten hatte, in den Orientfragen also als Autorität galt. In einer großen Rede drückte er seine Entrüstung über das tückische Vorgehen der rumänischen Regierung aus, die, allen Ermahnungen der Mächte zum Trotz, in der Verfolgung der Juden nicht aufhörte. Er spendete den Juden großes Lob wegen ihrer Arbeitsamkeit und ihrer friedlichen Sitten. „Ein Volk wie dieses, welches Jahrhunderte lang von den anderen isoliert war, und als Zielscheibe aller Verfolgungen diente, verdient unsere ganze Sympathie". In demselben Sinne sprachen andere Lords. Am 5. Juli wurde die Angelegenheit im Unterhaus von Sir Francis Goldsmid aufs Tapet gebracht, einem der angesehensten Parlamentsmitglieder, der sich seit Jahren und auch noch später vielfach seiner rumänischen Glaubensgenossen mit großem Eifer annahm. Nachdem mehrere Redner in demselben Sinne wie Goldsmid gesprochen, faßte der Minister des Aeußern Lord Stanley die Debatten in einer ausführlichen Rede zusammen. „Die Judenverfolgungen entspringen einer Anschauung, die vor drei oder vier Jahrhunderten herrschte, und die noch heute in Rumänien ihre Aiihlänger hat. Durch Verfolgung Anderer glaubt man seine eigene Verderbtheit zu verhüllen. Dieses Volk ist vor Kurzem emanzipiert und aus der Erniedrigung hervorgezogen worden, nun ist es glücklich, eine Gemeinschaft zu finden, an der es dieselben Verfolgungen üben kann, die es selber erduldet hatte'. Beide Häuser bevollmächtigten die Regierung, gegen Rumänien vorzugehen, und Lord Stanley zögerte nicht, an den britischen Generalkonsul Mr. Green zu depeschieren, „daß die Verfolgungen der Juden in Rumänien in beiden Häusern des Parlaments Anlaß zu einer Debatte gegeben haben, von der die Regierung Ihrer Majestät im Interesse Rumäniens und seines Fürsten gewünscht hätte, man wäre ihr durch Maßregeln gegen die grausamen Verfolgungen, deren Opfer die Juden sind, zuvorgekommen". Dem Vorgehen Frankreichs und Englands schloß sich Oesterreich an. Am 12. Juli 1867 wurde eine ganze Gruppe Vertriebener von Jassy nach Galatz transportiert; neun oder zehn von ihnen wurden auf Anordnung des Präfekten Lupasco in eine Barke gesteckt, um an das türkische Ufer übergesetzt zu werden. Man setzte sie auf einer morastigen menschenleeren Donauinsel aus. Es gelang ihnen, die Aufmerksamkeit der türkischen Grenzwache zlu erregen, welche sie auflas und am nächsten Tage nach der rumänischen Grenze zurücktransportierte. Hier zwang man sie wieder, in eine Barke zu steigen und schob sie abermals ab; so wurden sie hin und her geschoben, ohne landen zu können; zwei ertranken, die übrigen wurden erschöpft aus dem Wasser gezogen und in das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde von Galatz gebracht. Dieser Vorfall, der heutzutage kaum für eine Zeitungsnotiz ausreichen würde, rief dazumal in ganz Europa eine große Erregung hervor. Dies sah das rumänische Ministerium voraus und erließ eine Note, in der