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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 457 - 458

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1916-12-01
Page
Seite 457 - 458 (sequence 4)
Language
German
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457 Rumänien und seine Juden. 45S Die Juden hatten einen Triumphbogen mit hebräischen und rumänischen Inschriften aufgeführt. Auf die Aufforderung des Maire, die Inschriften zu entfernen, antworteten die Juden, daß sie dann lieber gleich den ganzen Triumphbogen niederreißen lassen würden. Als sich eine jüdis'cheDeputation beim Eingang aufstellte, um den Fürsten zu begrüßen, forderten der Maire und der Präfekt sie auf, sich zu entfernen, sonst bürgten sie für nichts. Die Juden wichen nicht von der Stelle. Der fürstliche Zug kam heran und die Reiter im Gefolge stürzten sich auf die wehrlosen Juden, rissen ihnen die Kleider vom Leib, verwundeten mehrere und jagten die anderen in die Flucht. Karl antwortete in französischer Sprache auf die jubelnden Zurufe seiner Untertanen. Fürst und Volk hatten sich verstanden. Das war gleichsam der Auftakt für die ganze Regierungszeit Carols I. (Ein Jahr später wiederholten sich dieselben Szenen in derselben Stadt bei einer ähnlichen Gelegenheit.) Die erste Aufgabe des neuen Regenten war, eine neue Verfassung zu schaffen, die die frühere erweiterte und vervollständigte und vor allem dem Fürsten ein unbedingtes Vetorecht einräumte. Die mächtigsten Männer im Lande, die Cusa abgesetzt und Carol eingeführt, waren Bratianu und Rosetti. Beide hatten 1848 an der Revolution teilgenommen; nachher gehörten sie in Paris zu dem freiheitlichen Kreis um Michelet und Quinet. Während der Beratungen über die Verfassung befand sich der damalige Präsident der Alliance Israelite Universelle in Paris, Adolphe Cremieux, auf einer Reise in der Türkei und wurde von der Bukarester jüdischen Gemeinde gebeten, in die Hauptstadt zu kommen, um mit den führenden Politikern in der Judenfrage Fühlung zu nehmen Die rumänischen Politiker bereiteten dem ehemaligen Mitglied der Revolutionsregierung von 1848 und damaligen Senator des französischen Kaiserreichs einen großartigen Empfang. In den kurzen sechs oder sieben Jahren seit ihrer Begründung hatte die A. J. U. dank den Männern an ihrer Spitze und der fruchtbaren Tätigkeit, die die Gesellschaft entfaltete, eine ganz unvergleichliche Stellung erworben, wie sie nie vorher und nie nachher eine jüdische Organisation einnahm. Sie war von den Regierungen gewissermaßen als Vertreterin der Gesamt] udenheit anerkannt und hatte bereits mehrmals in verschiedenen Ländern mit Erfolg eingegriffen, Verfolgungen abgewendet und dem gekränkten Recht zum Siege verholfen. Ihre Adressen an die Parlamente von Baden, Bayern und Griechenland wurden achtungsvoll entgegengenommen, in der bayerischen Kammer sogar in öffentlicher Sitzung verlesen und' applaudiert. Die italienische und die spanische Regierung hatten ihre Eingaben mit ausführlichen diplomatischen Noten beantwortet. Auf mehrfache ihrer Sendschreiben an den Zaren zugunsten fälschlich beschuldigter russischer Juden hatte der russische Botschafter in Paris mit größter Zuvorkommenheit erwidert und Abhilfe versprochen. Sie war eine moralische Macht in Europa geworden, mit der man rechnete. Es ist also kein Wunder, daß der Fürst Alexander Cusa, als er einen Juden zum Finanzinspektor ernannte, dies dem Präsidenten der Alliance in einer besonderen Depesche vom 20. September 1861 zur Kenntnis brachte, als Beweis, daß in Rumänien ein liberaler Kurs herrschte. Cremieux erschien im Salon des rumänischen Kammerpräsidenten, sofort versammelten sich um ihn die Minister, die Parteiführer, darunter seine alten Pariser Bekannten Rosetti, Maurocordato und Bratianu, sowie etwa fünfzig Deputierte. Der Präsident der Alliance hielt eine zündende Rede in großem Stil über die Nichtigkeit der Intoleranz, über die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen, und wies auf die großen Fortschritte hin, die der Emanzipationsgedanke in Amerika und Westeuropa gemacht hatte. Der große Redner erntete rauschenden Beifall und verließ Rumänien mit der Ueberzeugung, daß die Mehrheit der konstituierenden Versammlung für den geplanten Artikel 6, der die völlige Gleichberechtigung der Juden aussprechen sollte, gewonnen war. (Auch vom Fürsten Carol war der Senator und Präsident der Alliance in feierlicher Audienz empfangen worden.) Nun ereignete sich folgendes : Am dritten Tage nach Cremieux' Abreise versammelte sich eine aufgeregte Menge im Hof des Parlamentsgebäudes und drohte, alles kurz und klein zu schlagen, falls nicht der Artikel 6 der Verfassung von der Tagesordnung abgesetzt würde. Die Aufrührer drangen in den Beratungssaal, die Sitzung mußte unterbrochen werden. Es dauerte lange, bis die tobende Menge beruhigt wrurde. Das Ministerium war gezwungen, zu versichern, daß der Artikel 6 zurückgezogen wird. Jetzt eilten die Partioten nach der soeben erbauten neuen Synagoge und zerstörten sie bis auf den Grund. Bald darauf veröffentlichte das Gesamtministerium eine Erklärung, in welcher die Verantwortlichkeit für den Tumult auf die Feinde unserer Nationalität" abgewälzt wurde, ,,die in der Gesellschaft keine Rolle spielen können, wenn sie sich nicht zu Werkzeugen des Auslands machen; auf die Feinde des neuen Regiments, welche nicht leiden können, daß unsere Nation den Weg zur Wiedergeburt beschreite." Diese Leute hätten das Gerücht verbreitet, daß die Regierung den Israeliten gleiche Rechte mit den Rumänen geben wolle. ,,Die Regierung hat erklärt, daf$ man die Religion mit den politischen Rechten nicht vermengen dürfte, aber um jedes Mißverständnis und jede falsche Deutung zu vermeiden, hat sie dieses Prinzip selber, welches in die Verfassung aufgenommen worden war, zurückgezogen.*1 (Gemeint ist offenbar die Verfassung Cusas von 1864 und sein den Juden gegebenes Versprechen.) Der Wille der Nation war geschehen. Natürlich hatte die unwissende Menge keine Ahnung von Verfassungsfragen und kümmerte sich nicht im geringsten um die Politik. Sie war von der Regierungspresse und deren Agenten aufgehetzt worden. Wegen der Zerstörung der Synagoge wurde keine Anklage erhoben. Der Fürst spendete nachher der jüdischen Gemeinde zweitausend Dukaten als Ersatz für den Schaden, den sein Volk angerichtet hatte. Es kam noch schlimmer. Am 6. Mai 1867 erließ Bratianu an die Präfekten ein Rundschreiben, in welchem er sie aufforderte, das Verbot für Juden, Pachtungen, Gastwirtschaften, Schankstuben auf dem Lande zu haben, sogleich mit aller Strenge durchzuführen. Das war das Signal zu einer allgemeinen Vertreibung und A^erfolgung.

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