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Ost und West · 1916-12-01 · Heft 12 (Dezember 1916) · p. Seite 455 - 456

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 12 (Dezember 1916)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1916-12-01
Page
Seite 455 - 456 (sequence 3)
Language
German
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455 Rumänien und seine Juden. 456 allen Aktenstücken der Regierung Cusas wieder, wogegen die Juden heutzutage offiziell immer als „straini", Fremde benannt werden.) Die freundliche Gesinnungdes Herrschers hinderte nicht, daß kurz nach seiner Wahl, am 12. April (8. Nissan) 1859 in Galatz eine Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden erhoben wurde. (Sie sollten einem christlichen Kind Blut aus der Hand abgezapft haben.) Der Pöbel zerstörte die Synagoge und plünderte die Judenhäuser. Am 5. September wurden die verhafteten Juden vom Gericht freigesprochen, aber die Synagoge konnten sie erst nach sieben oder acht Jahren wieder aufbauen. In früheren Jahren und auch nachher fanden kleinere oder größere Unruhen gegen die Juden statt. Allein Aehnliches oder noch Schlimmeres spielte sich ja noch viel später in hochzivilisierten west- und mitteleuropäischen Ortschaften ab. Viel ernster war es, daß am 17. und 28. Juni 1861 der Minister des Innern plötzlich eine Verordnung aus dem Jahre 1849 ausgrub, wonach das Verbot für Juden, Spirituosenvertriebe auf dem Lande zu pachten, auf Gastwirtschaften, Hotels und dergleichen ausgedehnt wurde. Diejenigen, die Pachtverträge besaßen, sollten binnen vierzehn Tagen ausgewiesen werden. Interessant im Vergleich mit dem Verhalten der rumänischen Regierung in späteren Zeiten ist folgendes: Der Minister Golesoo sah sich veranlaßt, im Pariser ,,Temps'' eine lange Note zu veröffentlichen, die diesen Erlaß rechtfertigen sollte. Er versichert, daß, wenn die Rumänen, die ihre Emanzipation den Sympathien Europas verdanken, sich zu Verfolgern der Juden machen würden, so fiele es ihren besten Freunden schwer, sie zu verteidigen; die Rumänen haben bewiesen und fahren fort zu beweisen, daß ihnen jegliche Intoleranz fernliege. Es gäbe im Lande Juden, die bei der Regierung angestellt sind, die auch mit aller Achtung behandelt werden, die man ihnen schulde. Die Salons der besten Gesellschaft hätten stets jenen Juden offen gestanden, die durch ihre Intelligenz, Bildung und vaterländischen Verdienste sich das Bürgerrecht erworben haben. Aber es gebe zuweilen besondere Umstände, die man nicht richtig beurteilen könne, wenn man die Dinge nicht von der Nähe gesehen habe. Manche Nachbarländer überströmen (regorgent) von Juden, die weit davon entfernt sind, die gleichen Garantien zu bieten, wie jene, die seit langem im Lande wohnen. Diese Menschen ohne Beiuf suchen häufig Zuflucht im rumänischen Lande und benehmen sich hier derart, daß sie die Interessen der Einwohner, besonders auf dem Lande, ernstlich gefährden. Gegen diese allein richte sich der Erlaß. Diese Verordnung wurde bis in das Jahr 1866 in verschiedener Form und unter allerlei Vorwänden wiederholt. Dieser Erlaß, der sich auf kein Gesetz stützen konnte, wurde später selber zum Rang eines Gesetzes erhoben. Man ersieht aus alldem, daß die herrschende Kaste der Politiker, auf die Bürgerklasse gestützt, eine judenfeindliche Strömung förderte. Umso bedeutsamer ist das entgegengesetzte Verhalten Cusas, der sogar einem Juden den Posten eines Finanzinspektors übertrug und einen andern, Dr. Jehuda (Julius) Barasch, einen hervorragenden Mann, von dem weiter unten die Rede sein wird, zum Universitätsprofessor ernannte. Es ist unsagbar lächerlich, wenn behauptet wird, Cusa sei am Ende wegen seines unmoralischen Lebenswandels — er unterhielt u. a. ein Liebesverhältnis mit der schönen Maria Obernowitsch, der Mutter das nachmaligen Königs Milan von Serbien — unwürdig befunden worden, Rumänien zu regieren. Viel legitimere Fürsten haben in ungleich tugendhafteren Ländern noch Schlimmeres verübt, und durften gleichwohl ihre Thrönchen zieren und an ihre Nachkommen vererben. In Wirklichkeit hatte er sich durch sein energisches Auftreten gegen die Korruption, deren sämtliche Schliche er als Einheimischer trefflich kannte, bei Beamten und Offizieren verhaßt gemacht; auch fanden diese es für die Dauer unerträglich, einem Manne zu gehorchen, der sie nur duch Geist und Charakter, aber nicht durch Reichtum und Herkunft überragte. Endlich hatte Cusa nach außen hin eine schwierige Stellung; die europäischen Fürstenhäuser sahen in ihm einen Emporkömmling, und vor einem solchen, mag er persönlich der ehrenhafteste und bedeutendste Mensch sein, haben sie nur Respekt, wenn er, wie es Napoleon getan, ihnen den Fuß auf den Nacken setzt. Cusa aber war kein Napoleon. Eine Verschwörung von Offizieren und Beamten setzte ihn (23. Februar 1866) ab. Eine ,,Lieutenance princiere" übernahm die provisorische Regierung; die Krone wurde dem Grafen von Flandern angeboten, und als dieser ablehnte, wurde Karl von Hohenzollern-Sigmaringen zum Fürsten von Rumänien gewählt. Am 20. Mai betrat er rumänischen Boden und am 23. Mai leistete er den Eid auf Cusas Verfassung von 1864. DIE JUDEN RUMAENIENS UNTER DEM SCHUTZ VON EUROPA. Seit dieser Zeit beginnt für die Juden in Rumänien eine Epoche unablässiger Bedrückungen und Verfolgungen, die mit kurzen Unterbrechungen bis auf den heutigen Tag andauert. Einerseits kommen nacheinander Gesetze und Verordnungen, die ihnen alle Rechte nehmen und sie zu schutzlosen Heloten hinabdrücken, andererseits wird die Menge gegen sie aufgewiegelt und es werden Pogrome veranstaltet, wie sie seit Anfang der Achtziger Jahre in Rußland verübt wurden. Die Bezeichnung Pogrom ist russischen Ursprungs, allein die Sache ist in Rumänien zuerst gemacht worden; die rumänische Regierung ist der russischen hierin mit gutem Beispiel vorangegangen. Aber das alles geschah unter der unablässigen .Wachsamkeit der europäischen Großmächte. Es empfiehlt sich, die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge zu erzählen. Gleich nach dem Sturze Cusas zog ein neuer Geist ein: die Juden wurden durch die provisorische Regierung aus der Nationalgarde ausgeschlossen. Das war unter den gegebenen Umständen mehr als eine Kränkung, es war für den Pöbel ein Signal, wohin die neue Richtung steuerte. So brachen denn auch bald im Juni und im Juli in verschiedenen Städten Judenverfolgungen aus, die sogar Menschenopfer forderten. Bei dem feierlichen Einzug des Fürsten in Jassy, Ende August desselben Jahres, bot sich ihm ein Anblick, wie ihn etwa sein Großvater vierzig oder fünfzig Jahre zuvor während der Hep-Hep-Bewegung in seiner süddeutschen Heimat öfters beobachten konnte.

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